40 Jahre nach Tschernobyl: Die nicht endende Atomkraft-Debatte


Stillgelegtes AKW Grafenrheinfeld in Bayern

Stand: 26.04.2026 • 11:46 Uhr

40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl befördern in einigen Ländern Krisen die Renaissance der Atomkraft. Auch in Deutschland gibt es eine Debatte über einen Wiedereinstieg – wieder einmal.

Von Luisa Bleich, ARD Berlin

„Zumindest diskutieren sollte man eine Reaktivierung der Atomkraftwerke in Deutschland.“ Das findet der Unionsfraktions-Vorsitzende Jens Spahn. Dabei hatte die damalige schwarz-gelbe Bundesregierung den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft bereits 2011 beschlossen. Vor drei Jahren gingen die letzten Atomkraftwerke vom Netz, und Bundeskanzler Friedrich Merz von der CDU stellte vor sechs Wochen klar: „Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedaure das, aber es ist so, und wir konzentrieren uns jetzt auf die Energiepolitik, die wir haben.“

Sich auf die aktuelle Energiepolitik konzentrieren, das wäre auch Umweltminister Carsten Schneider von der SPD lieber. Er sagte im Deutschlandfunk: „Erneuerbaren-Ausbau ist der, der schnell geht. Und darauf sollten wir uns konzentrieren und keine ideologischen Debatten führen.“

AfD sieht in Atomkraft viele Vorteile

Die AfD fordert einen Wiedereinstieg in die Atomkraft und den Bau neuer Kraftwerke. Ein entsprechender Antrag wurde im März im Bundestag diskutiert. Für den AfD-Abgeordneten Paul Schmidt hat Atomkraft nur Vorteile: „Wir brauchen die Kernenergie nicht nur, weil sie günstig, robust und zuverlässig ist und den weiteren Ausbau der Energiewende unnötig macht. Sondern auch, weil sie uns unabhängig vom Ausland macht“, sagt er.

Auch für den Energieexperten Antonio Hurtado, Professor für Wasserstoff und Kernenergietechnik im Ruhestand, gehört Atomkraft zum Energiemix dazu. Er sagte im März im Deutschlandfunk: „Wenn wir es ernst meinen mit Klimaneutralität bis 2045 und vielleicht auch zu bezahlbaren Preisen, dann bin ich zutiefst davon überzeugt, dass wir gut daran tun, auf alle Energieträger zurückzugreifen.“

Schneider: Keine Hilfe in aktueller Energiekrise

Fakt ist aber: Deutschland ist aus der Produktion von Atomstrom ausgestiegen. Und neue Atomkraftwerke zu bauen, davon hält Umweltminister Schneider nichts. „Ein Atomkraftwerk neu zu bauen, dauert 20 bis 25 Jahre und verschlingt Milliarden“, argumentiert er. Das helfe für die kurzfristige Energiekrise gar nichts.

Um kurzfristig Atomstrom produzieren zu können, bräuchte es aber vielleicht auch keinen kompletten Neubau. Jedenfalls, wenn es nach der AfD geht. Die Partei würde gerne einige abgeschaltete Kernkraftwerke reaktivieren. „Die drei zuletzt im April 2023 abgeschalteten Kernkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 wollen wir auf jeden Fall wieder in Betrieb nehmen. Und auch Brokdorf, weil dort noch kaum Rückbau passiert ist“, sagt Schmidt.

Wie realistisch wäre eine Reaktivierung?

Aber könnte man die stillgelegten AKW überhaupt reaktivieren? Theoretisch ja, meint Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der HTW Berlin. Diese Kraftwerke seien aber schon im Rückbau, und das müsste gestoppt werden, sagt er. „Man müsste viele Milliarden Euro investieren. Man müsste für die ganzen Kraftwerke einen neuen Sicherheitscheck machen, alles neu planen. Das würde Jahre dauern“, sagt Quaschning.

Theoretisch wäre es möglich, diese Kraftwerke ins Netz zu integrieren. „Aber nicht mal die Betreiber haben irgendwelche Interessen daran, weil es wirtschaftlich komplett aus dem Ruder laufen würde.“

Der Energiebetreiber EnBW sagt dazu, der Rückbaustatus ihrer fünf Kernkraftwerke sei praktisch gesehen irreversibel. Ein Revival der Atomkraft würde also teuer werden und lange dauern.



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