Techkonzerne: Google & Co. haben sich unter Trump verzockt
Kolumne
Die Achillesferse amerikanischer Techkonzerne
Nie waren Google und Co. so erfolgreich wie heute. Und noch nie waren die USA weltweit so unbeliebt. Die Gemengelage könnte gefährlich werden
OpenAI, SpaceX und Anthropic streben mit gigantomanischen Bewertungen an die Börse – und demonstrieren einmal mehr die gewaltige Stärke des amerikanischen Tech-Sektors. Gleichzeitig präsentiert sich die Supermacht USA so schwach wie seit der Niederlage in Vietnam vor 50 Jahren nicht mehr. Die Verbündeten in Europa und Asien rücken, wo sie nur können, von der früheren Führungsmacht des Westens ab. China gräbt den Vereinigten Staaten auf vielen Gebieten das Wasser ab. Politische Schwäche und wirtschaftliche Stärke – kann das auf Dauer zusammengehen?
Der Siegeszug der großen Techkonzerne beruhte in den vergangenen Jahrzehnten auf drei Hauptfaktoren: dem Genius junger amerikanischer Unternehmer, dem schier unbegrenzten Zugriff auf Kapital und der rasanten Skalierung der jeweiligen Geschäftsmodelle in den USA und danach in der ganzen Welt. Alle drei Grundlagen des Erfolgs stehen durch die irrsinnige Politik von Donald Trump unter Druck.
Die amerikanischen Universitäten, bisher der wichtigste Pool für Start-ups, verlieren jede Woche Tausende von Talenten vor allem nach Asien. Die Sonderstellung des Dollar – seit den 70er-Jahren die wichtigste Grundlage für die globale Attraktivität des amerikanischen Kapitalmarkts – gerät zunehmend in Gefahr. Und der Vormarsch der Techkonzerne in Europa und Asien? Stößt erstmals auf ernsthaften Widerstand. Alle diese Entwicklungen verlaufen nur langsam und führen kurzfristig zu keiner Trendumkehr. Aber mittel- und langfristig beschwören sie große Gefahren für die USA herauf.
Mit Sprachmodellen kann man keine Milliarden verdienen
Google macht ungefähr ein Drittel seines Gesamtumsatzes von gut 400 Mrd. Dollar in Europa, Facebook immerhin ein Viertel. Deutschland ist für Amazon zum zweitwichtigsten Absatzmarkt nach den USA aufgestiegen. Die amerikanischen Anbieter von Künstlicher Intelligenz gehen gerade allesamt auf die Suche nach Partnern in den klassischen Industrien in Deutschland und Japan wie Siemens, wo künftig das Hauptgeld der Branche zu verdienen sein wird.
Doch mit Sprachmodellen allein kann man auf Dauer keine Milliarden verdienen. Das ist die Realität, die man in den USA leicht vergisst. Mittelfristig dürfte sich der enge Schulterschluss mit Donald Trump als Fehler für die Tech-Milliardäre in den USA erweisen. Der Versuch, die EU mithilfe des US-Präsidenten in die Knie zu zwingen, funktioniert nicht. Google und Co. müssen sich daran gewöhnen, Gesetze in Europa und Asien zu befolgen. Schon jetzt schlägt die Enttäuschung über die USA und die Verachtung Trumps in Europa und Asien auf die amerikanischen Geschäfte durch.
Niemand vertraut mehr US-Firmen
Am stärksten bekommt das Elon Musk zu spüren, dessen Tesla-Autos einen gewaltigen Imageschaden in der Kundschaft verkraften müssen und dessen Social-Media-Dienst X immer mehr Nutzer außerhalb der USA verlieren. Aber auch amerikanische Cloud-Anbieter wie AWS bekommen die generelle Skepsis von Europäern und Japanern zu spüren, die ihre Daten lieber nicht dem Zugriff der Sicherheitsdienste in den USA und ihrer amerikanischen Konkurrenten ausliefern möchten. Niemand vertraut mehr den Zusicherungen amerikanischer Firmen, die im Zweifel alles tun, was Trump von ihnen verlangt.
Zuletzt musste der KI-Spezialist Palantir deshalb in Europa gleich mehrere Niederlagen hinnehmen. Weder die deutsche Bundeswehr noch die Polizei im englischen London wollen die Firma in ihre internen Netze lassen. Donald Trump ist zu einer gefährlichen Achillesferse für den ganzen Tech-Sektor in den USA geworden – jedenfalls außerhalb der Landesgrenzen.
Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf X folgen.
