Chinas Industrie ist die wahre Gefahr für deutsche Unternehmen
Wirtschaftskrise
Chinas Industrie: Die Gefahr, die in Deutschland notorisch ignoriert wird
Über die Ursachen der deutschen Misere herrscht Konsens: Alles ist zu teuer, zu alt, zu langsam. Eine neue Studie widerspricht: Das wahre Problem sei China. Dagegen helfe nur ein Mittel – aber die Regierung bremse immer wieder
Der Ökonom Clemens Fuest fasste die verbreitete Stimmung im Land diese Woche sehr schön zusammen: „Es steht außer Frage, dass nach sieben Jahren wirtschaftlicher Stagnation Strukturreformen unerlässlich sind“, sagte der Präsident des renommierten Ifo-Instituts in München im Gespräch mit Capital, es brauche dringend „einen umfassenden Ansatz, wie langfristig mehr Wachstum in Deutschland entsteht“. Von der Regierung forderte Fuest Veränderungen, die am Ende drei Dinge bewirken sollten: „mehr Arbeit, mehr Investitionen und mehr Innovationen. In allen drei Bereichen sind wir im Vergleich zum Ausland nicht gut genug aufgestellt.“
Im Jura-Studium lernt man den Terminus der „herrschenden Meinung“, oft abgekürzt mit „h. M.“. Damit bezeichnet man die überwiegende Rechtsauffassung, am besten zementiert durch Urteile hoher Gerichte. Wenn man so will, vertritt Fuest in der hiesigen Ökonomen-Szene die „herrschende Meinung“ – manche würden sogar sagen, wenn er spricht, ist das ein Urteil der höchsten Instanz: Deutschlands wirtschaftlicher Niedergang geht demnach zurück auf eine verhängnisvolle Melange aus verkrusteten staatlichen und unternehmerischen Strukturen, hohen und über Jahre weiter gestiegenen Kosten, fehlenden Innovationen und einer alternden Gesellschaft, die mehr an das Verteilen und weniger an das Verdienen des Wohlstands denkt.
Im Ergebnis fehlen Unternehmen und Investoren die glaubhaften Aussichten, dass sich Mut und Risiko – landläufig auch Investitionen genannt – in Deutschland für sie auszahlen werden. Weshalb die Strukturen immer weiter verkrusten. Es entsteht eine Spirale des Niedergangs, aus der nur harte Reformen wieder heraushelfen: Steuersenkungen, die Arbeit und Investitionen belohnen, Bürokratieabbau, und Einschnitte bei den Sozialleistungen, die die Arbeitskosten senken und den Standort wieder wettbewerbsfähig machen.
Und doch gibt es zur „h. M.“ so gut wie immer auch eine gegenläufige Ansicht, die „abweichende Meinung“, meist vertreten von einigen wenigen, nicht selten aber besonders gewitzten Köpfen, die mindestens einen großen Spaß daran haben, die „herrschende Meinung“ argumentativ herauszufordern. Und eine solche „a. M.“ erschien diese Woche in Form einer Studie unter dem Titel „China shock 2.0. – the cost of Germany’s complacency“, übersetzt so viel wie „die Kosten der deutschen Selbstzufriedenheit“.
Darin vertreten die Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser die These, Deutschlands Unternehmen litten nicht vornehmlich unter verkrusteten Strukturen, hohen Kosten und fehlender Wettbewerbsfähigkeit. Sondern sie würden plattgemacht und an den Rand gedrängt von einer immer übermächtigeren chinesischen Industrie. Besonders pikant dabei ist der Vorwurf der „complacency“. Denn das war viele Jahre der Kampfbegriff für all jene, die Deutschen und Europäern gerne vorhielten, satt, träge und reformmüde zu sein – selbstzufrieden eben. Jetzt schnappen sich Tordoir und Setser den Begriff und interpretieren ihn ganz anders: nämlich als hochriskante Ignoranz vor der chinesischen Übermacht, der man nur mit Protektionismus begegnen könne.
Man muss nicht alles teilen, was Tordoir und Setser auf ihren 24 Seiten launig zusammentragen. Aber eine Bereicherung für die ökonomische Debatte ist ihr Aufsatz allemal.
Im Kern dreht sich ihre Analyse um den rasanten Aufstieg Chinas in zentralen Branchen und Märkten: etwa bei der Versorgung der Welt mit Rohstoffen, seltenen Erden und chemischen Grundstoffen für die Pharmaindustrie; im Bereich von Chips und Robotern; vor allem auf dem Markt für Elektroautos und Batterien. In all diesen Märkten ist China heute dominierend, sowohl technologisch als auch gemessen am Umsatz. Besonders frappierend ist der Aufstieg der chinesischen Autoindustrie auf dem Weltmarkt seit dem Ende der Corona-Pandemie, wie diese Grafik zeigt.
Rasanter Anstieg: Entwicklung der chinesischen Autoexporte (rot) im Vergleich zu den deutschen Autoexporten (blau) © Tordoir, Setser 2026; Centre for European Reform
Setser und Tordoir kommen zu dem Schluss, dass die verschiedenen Zweige der chinesischen Industrie ihre europäischen Wettbewerber in den kommenden Jahren komplett verdrängen und ihr Geschäft übernehmen werden. Sowohl auf dem Weltmarkt als auch in ihren Heimatmärkten. Das Schicksal der deutschen Solarindustrie, vor kaum mehr als 15 Jahren noch weltweit eine Vorzeigeindustrie und heute nicht mehr existent, da komplett chinesisch, wäre demnach nur ein Vorgeschmack. Oder der Niedergang der US-Industrie in den 2000er Jahren, der brutale Verfall in Metropolen wie Detroit, der erahnen lässt, was auf Regionen wie Stuttgart noch zukommt.
China ist der Hauptgrund für die deutsche Misere
Anders als wahrscheinlich Fuest und viele deutsche Ökonomen machen die beiden Autoren nicht mangelnde deutsche Wettbewerbsfähigkeit und fehlende Strukturreformen als Haupttreiber dieser Entwicklung aus – sondern eine aggressive Wirtschafts-, Fiskal- und Handelspolitik Chinas. Die kommunistische Führung in Peking habe die Offenheit der westlichen Wirtschaft und den vielleicht auch etwas naiven Geschäftssinn hiesiger Unternehmen gnadenlos ausgenutzt. Ein knallharter Wissenstransfer nach China durch Zugangsbarrieren zum chinesischen Markt, hohe direkte und indirekte Subventionen für chinesische Unternehmen zum Aufbau von Überkapazitäten, die gezielte Dominanz bei Rohstoffen und eine bewusste Abwertung der chinesischen Währung hätten die chinesische Industrie vielmehr massiv bevorteilt.
Das Ergebnis: Chinas Warenexporte in die Welt wuchsen 2025 doppelt so stark wie der Welthandel insgesamt, und im ersten Quartal 2026 legten sie noch mal um 15 Prozent zu. So ein einseitiges Wachstum funktioniert nur, wenn andere verlieren. Besonders betroffen: Deutschland. Allein seit 2023 habe die deutsche Wirtschaft etwa drei Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung BIP durch Verluste im Export verloren, den Großteil im China-Geschäft, so Tordoir und Setser. Grob geschätzt 400.000 Arbeitsplätze in der Industrie seien hierzulande bereits durch den Rückgang der China-Exporte verloren gegangen. Die Dauerkrise der deutschen Wirtschaft seit sechs Jahren, der Einbruch der Nachfrage nach „made in Germany“, sei nicht allein Folge fehlender Arbeitsmoral oder hoher Lohn- und Energiekosten, sondern gehe auf die zunehmende und zunehmend unfaire Dominanz der Chinesen zurück.
Interessant für die deutsche Debatte ist aber nicht nur die Problemanalyse, sondern ihre politischen Ableitungen. Nüchtern stellen Tordoir und Setser fest: „Obwohl China der deutschen Industrie bereits einen Großteil ihres Mittagessens weggegessen hat und sich nun auf das Dinner vorbereitet, zögert Deutschland.“ Die fehlende Nachfrage aus China seit 2023 sei „der stärkste Grund für die wirtschaftliche Malaise Deutschlands“, die Regierung in Berlin tue aber nichts dagegen. Statt sich allein im Bürokratieabbau und in Strukturreformen aufzureiben, fordern die Ökonomen einen härteren Protektionismus gegenüber China: Hohe Importzölle auf chinesische Einfuhren, vor allem in den Bereichen, in denen europäische Industrien bedroht sind – ganz so, wie es Donald Trump bereits angefangen hat. Einen Vorrang für Produkte „made in Europe“ auf dem hiesigen Markt. Und einen Joint Venture-Zwang für chinesische Unternehmen, die in Europa produzieren wollen – so, wie es China für ausländische Investoren vorsah. Die Autoren vermeiden die offensichtliche Provokation, doch ihre Botschaft ist klar: Im Handel mit China sollten Europa und vor allem Deutschland mehr Trump wagen.
Die USA fallen als Alternative zu China aus
In Brüssel und Paris werden solche Ansätze bereits lebhaft diskutiert, doch tatsächlich ist es vor allem die deutsche Bundesregierung, die bei solchen Vorschlägen oft auf die Bremse tritt. Man fürchtet die Vergeltung der Chinesen. Was wiederum verständlich ist, denn die Franzosen hatten in China nie so viel zu verlieren wie es die Deutschen heute noch haben. Hinzu kommt, dass Europa bei wichtigen strategischen Roh- und Grundstoffen abhängig ist von Lieferungen aus China, nicht nur in der Halbleiterproduktion, sondern auch in der Rüstungsindustrie. Wer die Konfrontation mit China sucht, sollte Alternativen als Partner haben.
Wahrscheinlich nicht von ungefähr hat die EU diese Woche den Weg für das neue Handelsabkommen mit den USA freigemacht. Wenn auch zähneknirschend, denn klar ist: Auch die USA sind nicht mehr der verlässliche Verbündete, unter Donald Trump sowieso nicht, und nach ihm wahrscheinlich auch nicht. Auf diese Zwickmühle gehen Tordoir und Setser kaum ein – sie haben vor allem eine methodische Empfehlung: In gewisser Weise müsse die EU die chinesischen Methoden übernehmen, strategische Kompetenzen etwa in der Rohstoffversorgung mit hohen Subventionen wieder aufbauen und seinen Markt ansonsten gnadenlos abschotten – China kopieren, um mit China mithalten zu können.

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Mitunter wirken die Befunde der beiden Ökonomen wie eine Provokation, aber in einer Situation, in der das Land so sehr auf die eigenen Probleme und Defizite schaut, gleicht die Studie einem Weckruf: Es lohnt sich in jedem Fall, den Blick zu weiten.
