Politiker beim Katholikentag – was ihre Auftritte ausmacht


Ein wenig verlegen steht Ricarda Lang auf der Bühne der Würzburger Posthalle. Die derzeit in Deutschland ausgesprochen populäre Grünen-Politikerin und ehemalige Co-Bundeschefin der Partei ist mit dem Zug durch die Nacht gefahren, natürlich mit Verspätung. Aber sie ist da. „Es ist meine erste Bibelarbeit. Haben Sie Gnade mit mir.“

Es ist der frühe Samstagvormittag beim Katholikentag. Die 1200 Plätze der Halle sind besetzt, hunderte kamen nicht mehr hinein. Während der kommenden knapp 60 Minuten schildern Lang und der Bischof von Würzburg, Franz Jung, Gedanken zu einer Erzählung aus dem Markus-Evangelium, sechs Verse zur Heilung eines Blinden bei Jericho. Das Motto des Katholikentages „Steh auf, hab Mut!“ findet sich dort.

Ricarda Lang und Bischof Franz Jung bei Podiumsdiskussion in Würzburg
Bischof Franz Jung und Ricarda Lang in WürzburgBild: Daniel Peter/epd/IMAGO

Lang: „Jeder ist jemand“

Fromm? Weder Lang noch Jung werden im Reden frömmelnd oder switchen auf kirchliche Binnensprache. Lang erwähnt, dass sie „nicht praktizierend gläubig“ sei. Aber beide sprechen in kurzen, klaren Sätzen: „Jeder ist jemand“, zitiert Lang den Theatermacher George Tabori. „Weit weg ist näher, als Du denkst“, nimmt Jung ein Motto der Caritas auf. Der Bischof erzählt von seinem ehrenamtlichen Engagement bei der Bahnhofsmission, das ihn verändert habe. Die Politikerin kommt auf den mangelnden Blick der Gesellschaft für behinderte Menschen zu sprechen. Am Schluss umarmen sie sich fast, dann stehen sie nebeneinander im tosenden Applaus der vorher still lauschenden Halle.

Während der fünf Tage des 104. Deutschen Katholikentags kam täglich politische Prominenz vorbei. Vom Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier bis zum noch recht neuen grünen Würzburger Oberbürgermeister mit dem hier passenden Namen Heilig, Martin Heilig. Kanzler Merz mit mehreren Ministern, die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner. 

Bei der Eröffnung des Katholikentages: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (von rechts nach links). Im Hintergrund sieht man links die Würzburger Residenz, eine der großen Sehenswürdigkeiten der Stadt, und rechts das weiße Dach der Bühne, die für den Katholikentag aufgebaut wurde.
Bei der Eröffnung des Katholikentages: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Irme Stetter-Karp, und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (von rechts nach links)Bild: Sven Hoppe/dpa/picture alliance

Aber warum kommen Politiker zu diesem und anderen großen Christentreffen in Deutschland? Nicht mal mehr 45 Prozent der Deutschen gehören einer der beiden Großkirchen an. Wählerbindung ist Vergangenheit. Seit dem Frühjahr 2025 mäkelt ein Teil der CDU-Prominenz sogar über eine vermeintlich zu grüne Ausrichtung der katholischen Kirche in Deutschland. Und doch kommt sie nach Würzburg.

Vor allem in zwei großen, recht unterschiedlichen Reden der Ministerpräsidenten von Bayern und Nordrhein-Westfalen, Markus Söder (CSU) und Hendrik Wüst (CDU), kam das Wirken kirchlicher Akteure im sozialen Bereich zur Sprache: das Ehrenamt. Es diene als „Kitt“ zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft, habe eine Rolle als „Mutmacher“ (Wüst) in „Krisen, Kriegen, Herausforderungen“.

Deutschland Würzburg 2026 | 104. Deutscher Katholikentag | Julia Klöckner bei Podiumsgespräch
Bundestagspräsidentin Klöckner beim 104. Deutschen KatholikentagBild: Karl-Josef Hildenbrand/dpa/picture alliance

Gerade Wüst hob auf den wachsenden Rechtsextremismus und Populismus, das Erstarken der „Alternative für Deutschland“ (AfD), ab. „Sie leben von der Angst der Menschen, sie vereinfachen, sie schüren, sie spalten.“ Staat und Kirche müssten den Menschen wieder Halt und Orientierung geben, „mehr, als wir das bisher schaffen“. Das Thema kam in mehreren Reden, auch beim Bundespräsidenten. Und oft klang es als Hoffnung, als Erwartung, ja, als dringende Erwartung.

Der Kanzler ungewohnt offen

Nach dem Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz, einem Podiumsgespräch mit einer 19-jährigen Abiturientin und einer 29-jährigen Verbandsvertreterin, stand medial seine – mal wieder – ausgesprochen deutliche Bewertung der aktuellen Lage der USA im Blick. Aber Merz formulierte auch ungewohnt offen sein eigenes Rätseln über seine nicht funktionierende Kommunikation und hörte sich interessiert Erläuterungen und Hinweise zu TikTok an. Auch Merz bekam am Ende, nach manchem Streit, langen Applaus.

Und Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) bekam bei einem Bühnen-Talk noch mal Kritik am Umgang der deutschen Politik mit der (Nicht-)Aufnahme von ehemaligen Ortskräften aus Afghanistan geboten. Dafür kann er auch, wohlfühlig bei seinem Lieblingsgetränk Red Bull Cola, sein Schlagwort „Klimareligion“ anbringen.

Für jemanden wie Entwicklungsministerin Reem Alabali-Radovan (SPD), deren Etat im Bundeshaushalt 2026 ja regelrecht rasiert wurde, sind die Gespräche mit den vielen kirchlichen Experten für globale Zusammenarbeit auch spürbar so etwas wie Kraftquell und Trost Verbündeter.

„Zusammenhalt und Sinn“

Bischof Heiner Wilmer, seit gut elf Wochen Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bilanzierte in Würzburg seine bisherigen Kontakte mit Politikerinnen und Politikern: „In jedem Gespräch ohne Ausnahme wurde die Rolle der Kirche sehr geschätzt im Sinne einer Einrichtung und Großgruppe, die für den Zusammenhalt sorgt, die für Sinn sorgt und Menschen Hoffnung gibt.“

Das Foto blickt von der Alten Mainbrücke, auf der sich viele Menschen aufhalten, in Richtung des Doms. An den beiden Domtürmen sieht man Transparente mit dem Motto des Katholikentags 2026, "Hab Mut, steh auf". Zudem sieht man einige der zahlreichen weiteren Türme (Kirche oder Rathaus) der Innenstadt.
Die mehreren zehntausend Teilnehmenden des Katholikentages prägten das Stadtbild der Würzburger Innenstadt Bild: Daniel Peter/epd/IMAGO

In der Würzburger Innenstadt war die „Marienkapelle“ am Markt fünf Tage lang „Demokratiekirche“ des Katholikentags. Sie war gut besucht und oft überfüllt. Und häufig ging es um solche Fragen wie Klimakrise, soziale Gerechtigkeit, Rechtsextremismus.

Ein solcher Katholikentag lässt Politiker menscheln. Dobrindt, der nach seiner Veranstaltung noch im Saal freundlich bis herzlich jeder Bitte um ein gemeinsames Foto nachkam, lud später spontan knapp zwei Dutzend Katholikentags-Helfer am nächsten Grillstand zu Würstchen ein.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner stand zum Abschluss ihres Programms lange auf der dicht gefüllten „Alten Brücke“, plauderte bei frischem Weißwein, lachte und grüßte, wurde hunderte Male fotografiert. Personenschützer stehen da gewiss unter Hochspannung. Aber wo in Deutschland gibt es noch solche Gelegenheiten für Gespräche mit Spitzenpolitikern?

Schwarz-grün-links

Die Katholische Hochschulgemeinde Würzburg schaffte noch einen weiteren Schritt. Sie brachte am Samstagmittag den Vorsitzenden der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Alexander Hoffmann (51), der unweit von Würzburg heimisch ist, mit der Bundestagsabgeordneten und früheren Grünen-Co-Chefin Lang (32) und dem früheren Linken-Co-Vorsitzenden Martin Schirdewan (50), seit 2017 Abgeordneter im Europäischen Parlament, zusammen. „Politiker-Speeddating“ war da angekündigt unter dem Motto „Dich kenne ich doch aus dem Fernsehen!“

Der CSU-Mann Hoffmann und die zwei prominenten Kritiker… politisch sind sie einander nicht grün. Aber nun sprachen sie, untereinander plötzlich im „Du“, freundlich und kritisch und herzlich miteinander. Die 60, 70 Zuhörer, die in Gruppengesprächen eingebunden wurden, duzten mit und fragten und redeten ernst. Man merkte, wer im kleinen Saal für wen klatscht – aber es wurde nicht parteipolitisch.

Politiker-O-Ton: „Wir müssen diese Stimmung im Land hinbekommen, dieses – ich will es mal flapsig sagen – ‚alles ist scheiße‘. Es ist nicht alles perfekt. Aber wir leben in einem großartigen Land“, sagte der eine. Der andere stimmte zu. Ja, es sei längst nicht „alles scheiße“. Aber es müsse besser und gerechter werden. Ein Kneipengespräch ohne Kneipe.

Deutschland Würzburg 2006 | Alexander Hoffmann (CSU), im Hemd mit Jacke über dem Arm,  unterhält sich mit jungen Teilnehmenden des Katholikentags, vermutlich Studierenden, nach einer Veranstaltung in der Katholischen Hochschul-Gemeinde (KHG). Im Hintergrund erkennt man zahlreiche Velos, die zu KHG-Gästen gehören.
Alexander Hoffmann, Vorsitzender der CSU-Landesgruppe, im Gespräch mit Katholikentag-Teilnehmenden Bild: Christoph Strack/DW

Was Politikern da noch Mut macht? CSU-Chef Hoffmann kommt auf den christlichen Glauben, die Familie. Und dann sagt er nebenbei etwas Grundsätzliches für diese ganze Geschichte. „Es ist etwas Besonderes, etwas Erfrischendes, diese positive Stimmung der vergangenen Tage in der Stadt“, sagt er. „Der Martin und ich – wir könnten politisch kaum weiter voneinander entfernt sein. Aber hier setzen wir uns zusammen und gehen miteinander um.“

 



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