Ist ein Hit wirklich ein Hit?
Musik, die abseits der großen Labels produziert wird und nicht direkt in eine Schublade passt, wird als „Indie“ bezeichnet. Das kommt aus dem englischen „independent“, also „unabhängig“. Indie-Bands haben also ein nicht-kommerzielles, authentisches Image: Ihre Fans gehen davon aus, dass sie es rein aufgrund ihrer Musik und ihrer eigenen Arbeit zu Bekanntheit gebracht haben. Der Aufschrei in der Community war entsprechend groß, als kürzlich bekannt wurde, dass der Hype um die Indie-Band Geese oder Singer-Songwriter wie Sombr, Jane Remover und Mk.gee offenbar zumindest zum Teil auf Manipulationen in den Sozialen Medien aufgebaut wurde.
Starthilfe für Bands
Grund für die Aufregung: Ein Interview des Musikmagazins „Billboard“ Ende März mit den Chefs der US-amerikanischen Marketingfirma „Chaotic Good Projects“, Andrew Spelman und Jesse Coren, die unter anderem Geese und Sombr vertreten. In dem Interview sprechen die beiden offen darüber, wie sie Künstlern helfen, einen viralen TikTok-Hit zu landen: „Ein Großteil unserer Arbeit besteht darin, auf ausreichend vielen Accounts genügend viele Posts mit ausreichend Reichweite zu veröffentlichen, um den Eindruck zu erwecken, dass der Song gerade im Trend liegt,” erklärt Andrew Spelman gegenüber „Billboard”. Sobald das geschehe, erzielten auch die eigenen Posts des Künstlers bessere Zahlen. Die Firma nutzt also ein automatisiertes Promotionsystem, das mit Tausenden iPhones unzählige Social-Media-Accounts betreibt, um einen Song zum Hit zu machen. Die beiden sehen die „Trend-Simulations“ als eine Art Starthilfe für ihre Klienten, deren Songs sonst wahrscheinlich nicht bekannt würden.
Bekommt ein Künstler dann tatsächlich Aufmerksamkeit und hat einen begehrten Auftritt wie etwa in der beliebten US-Sendung „Saturday Night Live” (SNL), zündet die nächste Stufe der Unterstützung: „In der Sekunde, in der SNL herauskommt, solltest du 100 Mal posten, dass das die beste Performance des Jahres war”, erklärt Spelman. So wird die Stimmung der anderen, echten User positiv beeinflusst. Er betont: „Ich glaube, das Narrativ zu kontrollieren, ist wirklich, wirklich wichtig.”
„Das ist Betrug“
Doch es endet nicht in den Sozialen Medien: Auch auf Spotify werden Streamingzahlen manipuliert. Das erzählte Chris Anokute, US-A&R- und Musikmanager, der mit Stars wie Rihanna, Katy Perry und Selena Gomez gearbeitet hat, im vergangenen Jahr freimütig im Podcast „The Manager’s Playbook.” Musiklabels engagierten Promotion-Firmen, die dafür sorgten, dass ein Song Zehntausende Aufrufe mehr bekomme. „Jeder im Plattenbusiness hat seine Firma betrügen sehen“, so Anokute. „Ich habe auch betrogen. Sie nennen es Marketing, aber ich nenne es Betrügen. Du manipulierst Streams, Charts, Daten, du bezahlst fürs Abspielen (in Radios, Anm. der Red.). Das ist Betrug.”
Die Art der Manipulation mag neu sein, das Prinzip selbst aber ist, wie auch Anokute sagt, so alt wie das Musikbusiness selbst. Schon immer haben Manager und Plattenfirmen Mittel und Wege gefunden, ihre Künstler auf moralisch fragwürdige, zum Teil auch illegale Weise zu promoten.
70 Jahre Charts-Manipulation
- Ende der 1950er-Jahre gab es in den USA den „Payola-Skandal”. Um die Verkaufszahlen zu steigern, erhielten Radio-DJs oder Senderchefs von Musikmanagern Bargeld oder Geschenke dafür, dass sie Lieder häufiger spielten. So wurde deren Poplularität künstlich gesteigert. Da die Radiosender die Zahlungen nicht als Werbung deklarierten, wurde das Publikum getäuscht. Der Begriff ist übrigens ein Kofferwort aus „pay“ (bezahlen) und dem Grammophonmodell „Victrola“. In den USA ist dieses Vorgehen seit 1960 als unlauterer Wettbewerb verboten.
- In den 1970er-Jahren nahm unter anderem die Plattenfirma Casablanca Records massiven Einfluss auf die Position ihrer Alben und Singles in den Charts: Der damalige Vizepräsident, Larry Harris, bestach den Redakteur des Billboard Magazine, der für die US-Charts zuständig war, damit er die Alben ihrer Künstler hochrangig platzierte. Das war damals für die Plattenverkäufe extrem wichtig, da große Supermarktketten wie Walmart und Kmart nur Platten anboten, die in den Billboard-Charts gelistet waren. Harris erzählte in seinen Memoiren, nur ihm sei es etwa zu verdanken, dass 1977 gleich vier Alben der Rockband Kiss gleichzeitig in den Billboard-Charts standen.
- In den 1990er-Jahren wurden die Zahlen der Tonträger-Verkäufe zum Teil dadurch manipuliert, dass man die Barcodes der CDs nach Ladenschluss – gegen Bezahlung – immer wieder über die Scanner ziehen ließ. Außerdem schickten Plattenfirmen „Street Teams“ los, um stapelweise CDs zu kaufen.
- Kein Betrug, aber gezielte Manipulation der europäischen Charts ließ sich damals mit einem Auftritt in der überaus beliebten deutschen TV-Show „Wetten, dass …?” erzielen: Wer dort seinen neuen Hit sang, konnte praktisch sicher sein, in der Folgewoche die Top Ten der deutschen Charts zu erreichen, dem größten Markt Kontinentaleuropas. Und so kamen im Laufe der Jahre auch nahezu alle US-amerikanischen Größen zu Moderator Thomas Gottschalk nach Deutschland: Michael Jackson, Cher, Madonna, Backstreet Boys, Justin Timberlake, REM und viele mehr.
- Im Jahr 2005 zahlten die Musikindustrie-Giganten Sony BMG und Warner Music Group zehn bzw. fünf Millionen Dollar, um Gerichtsverfahren wegen Bestechungen New Yorker DJs abzuwenden.
- 2019 gab ein anonymer Hacker, der sich Kai nennt, in einer YouTube-Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Journalisten-Netzwerks „Y-Kollektiv” zu, deutschen Rap-Stars zu Chart-Erfolgen verholfen zu haben, indem er zwischen 150.000 und 250.000 deutsche Accounts auf Spotify hacke, so Kai. Er bediene sich der Anmeldedaten der Nutzer, „und die hören dann nonstop den Song.“ Je länger, desto höher, logisch, die Abrufzahlen, desto besser die Chartplatzierung – und: desto mehr Geld für ihn. Das in der Dokumentation genannte Label, Groove Attack, wies die Vorwürfe scharf zurück.
Chaotic Good Projects haben inzwischen übrigens Inhalte über ihre Arbeit von ihrer Website gelöscht. Offenbar war es ihrem Geschäft nicht zuträglich, allzu offen über ihre Methoden zu berichten.
