Chinas brandgefährliche Feuerwerksfabriken


Erst gab es einen lauten Knall, dann eine gewaltige Rauchwolke: Bei einer Explosion in einer Feuerwerksfabrik in Liuyang in China starben am Montag mindestens 21 Menschen, mehr als 60 weitere wurden verletzt.

Drohnenaufnahmen des chinesischen Staatsfernsehens vom Tag darauf zeigen das ganze Ausmaß der Zerstörung: Vom einstigen Fabrikgelände ist nur noch eine Trümmerlandschaft übrig. Rettungskräfte durchkämmen mit Baggern das Schuttfeld, um nach weiteren Überlebenden zu suchen. Wegen der Gefahr weiterer Explosionen in zwei Pulverlagern wurde im Umkreis von drei Kilometern eine Schutzzone errichtet, aus der sämtliche Anwohner evakuiert wurden.

Liuyang – Hauptstadt des Feuerwerks

Wieder einmal trifft es Liuyang. Die Stadt mit ihren rund 1,3 Millionen Einwohnern liegt in der Provinz Hubei im Südosten Chinas und ist das Zentrum der Feuerwerksproduktion im Land. Hier, in den rund 430 Fabriken der Stadt, werden etwa 60 Prozent der im Inland verkauften und sogar 70 Prozent aller von China ins Ausland exportierten Feuerwerkskörper hergestellt. Und schon mehrfach wurden die Stadt und ihre umliegende Region zum Schauplatz schwerer Unfälle. Erst vor knapp einem Jahr ereignete sich eine ähnliche Explosion in einer anderen Fabrik, bei der neun Menschen ums Leben kamen. Im Dezember 2019 starben bei einer Detonation im Vorort Chengtanjiang 13 Menschen, im Dezember 2014 bei einer Werksexplosion in Liuyang weitere zwölf.

Trotz aller Gefahren bleibt die Feuerwerksindustrie für die Region ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Schätzungen zufolge arbeiten in der gesamten Provinz Hunan rund 500.000 Menschen in der Branche. Die gefährliche Arbeit an der eigentlichen Produktion wird dabei fast ausschließlich von Frauen übernommen, während die Männer eher in der Verwaltung arbeiten.

Neue Regularien traten gerade erst in Kraft

Die Feuerwerksindustrie ist nach dem Kohlebergbau die zweitgefährlichste Branche des Landes. Laut offiziellen Angaben chinesischer Medien starben zwischen 1986 und 2005 jedes Jahr durchschnittlich 400 Menschen bei der Herstellung von Feuerwerk in China. 2009 begann die Regierung, die Produktion zu drosseln, die Sicherheitsregeln zu verschärfen und – zumindest offiziell – die Kontrollen in Hunan und Umgebung zu verstärken, was zu einem Rückgang der offiziellen Opferzahlen führte.

Im Oktober vergangenen Jahres hatte Chinas Regierung erneut strengere Regularien für die Herstellung von Feuerwerkskörpern beschlossen. Die neuesten Vorschriften waren am 1. Mai in Kraft getreten, nur wenige Tage vor dem Unglück in Liuyang. Sie enthalten unter anderem Richtlinien zur Klassifizierung und zu Sicherheitsanforderungen, reduzieren den zulässigen Sprengstoffgehalt für einige Produkte, senken die zulässigen Lärmpegel, schränken den Transport von Feuerwerkskörpern ein und verbieten bestimmte chemische Zusammensetzungen.

Mangelhafte Durchsetzung der Sicherheitsstandards

Obwohl auf dem Papier die Sicherheitsvorschriften erneut verschärft wurden, gibt es in der Praxis häufig ein großes Problem bei ihrer Durchsetzung. Noch immer werden in vielen Fabriken grundlegende Sicherheitsregeln ignoriert. Vielerorts werden die zur Produktion nötigen Chemikalien nicht sachgemäß gelagert oder die Bestände sind überfüllt; auch mangelt es nicht selten an geeigneten Schutzbarrieren zwischen den Gebäuden, wodurch im Fall einer Explosion Kettenreaktionen begünstigt werden. Viele der verwendeten Stoffe, insbesondere Schwarzpulver, reagieren extrem sensibel auf Reibung, Wärme oder elektrostatische Aufladung, so dass mitunter schon ein einziger Funke eine Katastrophe auslösen kann. 

Zwei Männer tragen nehmen große rote Kartons mit chinesischen Schriftzeichen von einer Palette
Arbeiter in Liuyang verladen Feuerwerkskörper für das chinesische Neujahrsfest (Archivfoto, Januar 2024)Bild: AFP/Getty Images

Nicht selten zahlen Fabrikbesitzer Bestechungsgelder, um den Kontrollen zu entgehen. Auch wurden in der Vergangenheit mehrfach Unglücke durch lokale Behörden vertuscht oder bewusst zu niedrige Opferzahlen angegeben. Gar nicht in die offizielle Statistik miteingerechnet sind die zahlreichen Unfälle in nicht lizenzierten „Hinterhof-Werkstätten“, die oft mitten in Wohngebieten und völlig ohne behördliche Aufsicht produzieren.

Die Konkurrenz der Betriebe untereinander ist groß, weshalb viele Betreiber an nötigen Sicherheitsmaßnahmen sparen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. So werden etwa Maschinen nur unzureichend gewartet und Mitarbeiter nicht ausreichend geschult. Hinzu kommt, dass vor Großereignissen wie dem chinesischen Neujahrsfest die Produktion massiv hochgefahren wird und der Zeitdruck häufiger zu Nachlässigkeiten und Unfällen führt.

Feuerwerk spiegelt sich beim chinesischen Neujahrsfest im Wasser des Victoria-Hafens von Hongkong
Feuerwerk hat in China eine jahrhundertelange TraditionBild: Vernon Yuen/Nexpher/ZUMA/dpa/picture alliance

Und so hat Chinas Präsident Xi Jinping nach dem jüngsten Unglück in Liuyang zwar erneut strengere Kontrollen und eine lückenlose Aufklärung gefordert. Dennoch wird die Durchsetzung dieser Regeln in den riesigen Produktionszentren rund um Liuyang auch in Zukunft eine Herausforderung bleiben.



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