Für KI-Produkte soll es keine Oscars geben

Die Abwehrschlacht des Menschen hat begonnen. Lange schon hatte er sich literarischen Phantasien mit künstlich erzeugten Wesen hingegeben, die ihm, mitunter zum Verwechseln, ähneln: Ovids Pygmalion, Goethes Homunculus, Frankensteins Monster, die Eva der Zukunft von Villiers de L’Isle-Adam. Das funktionierte selbstverständlich nur als Literatur. Schon auf dem Theater hätte man es nicht geglaubt. Die biologische Leibhaftigkeit des Menschen erwies sich als Grenze der Versuche, ihn zu imitieren. Für die Rechenfähigkeit gilt das inzwischen nicht mehr. Besser Schach spielen als wir, schneller das Internet durchsuchen, ausdauernder Muster in Datenmengen finden, das kann die Maschine. Aber kann sie auch charmant sein, verführerisch, wütend, witzig oder erfinderisch?
Wir müssen es abwarten. Denn seit Langem leben wir im Zeitalter des Films und seiner Möglichkeit, die Illusion von Körpern zu bewirken. Im kalifornischen Zentrum unserer Illusionen ist jetzt eine neue Runde im Abwehrkampf des Menschen gegen seine Imitation eingeläutet worden. Die Filmakademie, von der die Oscars vergeben werden, hat soeben eine neue Regel dafür bekannt gegeben. Von der Preisvergabe sollen künftig Schauspieler und Drehbücher ausgeschlossen sein, die durch Künstliche Intelligenz (KI) hervorgebracht worden sind.
Ein nicht so tiefes Grab
Das reagiert zum einen auf Tilly Norwood. Eine artifizielle Schauspielerin dieses Namens war 2025 von der niederländischen Produktionsfirma Particle 6 in einem mittels KI entworfenen Comedysketch vorgestellt worden, in dem auch andere KI-Kreaturen auftraten. Danach war das Geschrei groß. Schauspieler forderten den Boykott von Agenturen, die solche digitalen Marionetten unter Vertrag nähmen. Die amerikanische Gewerkschaft der Schauspieler protestierte gegen das KI-Mannequin. Mehrere Frauen behaupteten, Tilly Norwood sei erkennbar ihre Doppelgängerin und meldeten Urheberrechte an.
Das andere für die Entscheidung der Akademie einschlägige Ereignis ist ein Film mit Val Kilmer. Der Schauspieler tritt gerade in dem Western „As Deep As the Grave“ auf, wobei das Grab tatsächlich so tief nicht ist. Denn der vor einem Jahr verstorbene Kilmer wurde mittels Künstlicher Intelligenz wiederbelebt, nachdem er krankheitshalber verhindert war, am Dreh teilzunehmen. Das geschah mit Genehmigung seiner Familie.
Aufwand gegen Unglauben
Nun bestand im konkreten Fall keine Gefahr, der untote Kilmer könne einen Oscar erhalten. Amüsant ist die Regeländerung der Akademie gleichwohl. Denn was soll ihre Präferenz für echte Menschen heißen? Bildbearbeitung ist im Film seit jeher üblich, es werden Unebenheiten wegretuschiert, Farben ergänzt, Szenen nachträglich neu ausgeleuchtet. Heute ist es für Regisseure ein Leichtes, Hochhäuser einstürzen zu lassen, Zigtausende von Orks aufzubieten oder eine faltenlose Nicole Kidman. Im Abspann mancher Filme werden ganze Armeen nützlicher Helfer oft asiatischen Namens genannt, die am Computer für mehr Spektakel und eindrucksvollere Bilder gesorgt haben, als die Wirklichkeit am Set hergab. Wenn sich Spiderman durch Straßenschluchten schwingt oder Natalie Portmann Schwanensee auf Spitze tanzt, schwingt tatsächlich etwas anderes und tanzt in Wahrheit Sarah Lane.
Immerhin waren es menschliche Doubles, sagt jetzt die Akademie. Der erhebliche Aufwand allerdings, der bei „Black Swan“ getrieben wurde, um den Eindruck zu erwecken, Portman habe selbst getanzt – bis hin zur Unterdrückung des Doubles in den „Credits“ –, dokumentierte schon damals, worin Hollywood die größte Gefahr sieht: im Unglauben, dass das Gezeigte, vor allem aber der Star, echt sei. Deshalb erfolgen ja auch ständig Mitteilungen wie die, Tom Cruise mache seine Stunts selbst, Robert De Niro habe für die Rolle eines alternden Boxers dreißig Kilo zugelegt, und Timothée Chalamet habe jahrelang Tischtennisunterricht genommen. Es soll Kunst sein, aber auch echt.
Eine Frage des Copyrights
1995 war „Die Maske“ mit Jim Carrey für einen Oscar in der Kategorie „Spezialeffekte“ nominiert. Die eindrucksvollsten Passagen des Films spielte nämlich nicht Carrey, sondern eine digitale Version seines Körpers, die wie eine von der Schwerkraft unabhängige Comicfigur aus Gummi durch die Szenen schnellte. Jetzt ist die Künstliche Intelligenz so weit, auch die Schauspieler als Spezialeffekt des Kinos zu behandeln.
Ästhetisch liegen die Möglichkeiten dieser Technik auf der Hand. Es könnten, wie bislang auch schon (siehe oben unter Falten, Portman und Carrey), im großen Stil Gesichter und Körper erfunden werden, die es gar nicht gibt. Das „Face Exchange“ erstreckte sich dann auf alle leiblichen Merkmale der Schauspieler. Stars aus allen Epochen des Films könnten wieder aufgerufen werden. Es würde zur Frage des Copyrights, ob sich Audrey Hepburn und Philip Seymour Hoffman auf der Leinwand begegnen und wie viele Batman-Folgen mit dem Joker Heath Ledgers nachproduziert würden. Wie große amerikanische Unternehmen mit Urheberrechten umgehen, wissen wir ja.
Künftig vielleicht ein weniger attraktiver Beruf
Ob jemand so etwas überhaupt sehen möchte, wäre auszuprobieren und, wie die Technikgeschichte lehrt, wird ausprobiert werden. Wer Menschen sehen wollte, müsste dann ins Theater gehen, in die Oper oder ins Ballett. Wer Erzählungen vorzieht, die erfunden wurden und nicht nur auf Grundlage vorhandener Datenmengen ausgerechnet, dürfte ebenfalls vom Geist mehr erwarten als von der Maschine.
Ob die Möglichkeiten der KI im Kino ausgeschöpft werden, hängt vermutlich von den Kosten ab. Filmschauspieler könnte gegebenenfalls zu einem weniger attraktiven oder weniger lukrativen Beruf werden. Der Charme der KI liegt für die Produzenten in Einsparungen. Im Film müssten durchschnittlich die Stellen schrumpfen und die Gagen sinken. Die Aufschreie aus den Elendsquartieren von Beverly Hills und die humanistische Wende der „Academy of Motion Pictures Arts and Sciences“ entspringen vermutlich dieser Furcht. Dass es zuletzt auf den Menschen ankomme, klingt ein bisschen wie Pfeifen im Walde.
