Goldraub, Gefängnis und Musik: Xatars Spuren im Deutschrap
Besonders für migrantische Gruppen galt Xatar als Identifikationsfigur. Vor einem Jahr starb der Rapper unerwartet. Warum er eine der prägendsten und umstrittensten Figuren des Deutschraps war.
Sein Tod sorgte für Erschütterung in der deutschen Hip-Hop-Welt. Giwar Hajabi alias Xatar starb am 7. Mai 2025 unerwartet. In wenigen Tagen jährt sich sein Todestag erstmals. Besonders für migrantische Gruppen galt der Rapper und Unternehmer als Identifikationsfigur. Doch wer war Xatar wirklich?
Gangsterrapper Xatar, bürgerlich Giwar Hajabi, war eine der prägendsten und gleichzeitig umstrittensten Figuren des Deutschraps. 2011 verurteilte ihn das Landgericht Stuttgart zu acht Jahren Haft aufgrund eines Goldraubs in Millionenhöhe. Sein kriminelles Image machte er zu seinem Markenzeichen.
Ehefrau äußert sich in Dokumentarfilm
Ein Jahr nach dem plötzlichen Tod des 43-Jährigen beleuchtet die ARD-Dokumentation „XATAR – Ein Leben ist nicht genug“ die Person hinter dem öffentlichen Bild des Künstlers. Die Dreharbeiten begannen bereits zu Lebzeiten. Neben Weggefährten und Szene-Größen wie Apache 207, Moritz Bleibtreu, SSIO, Farid Bang und vielen mehr äußert sich auch seine Ehefrau Farvah Hajabi erstmals zu ihrer Beziehung mit dem Rapper sowie dessen Todesursache.
Xatar heißt übersetzt „Gefahr“
Zwischen Goldraub, mehrfacher Flucht und waghalsigen Investitionen träumte Giwar Hajabi groß. Eine Eigenschaft, die seine Ehefrau immer sehr an ihm schätzte, wie sie in der Doku erzählt, die seit dem 1. Mai in der ARD-Mediathek abrufbar ist. Xatar wollte mehr. Endlich raus aus der Armut. Ein erfülltes Leben.
Die Ursache für Xatars plötzlichen Tod galt bisher als unbekannt. In der Doku klärt seine Witwe Farvah Hajabi erstmals auf: „Herzstillstand“.
All diese Erfahrungen hatte ihm seine Kindheit verwehrt. Geboren in der iranischen Provinz Kurdistans, folgte mit nicht einmal zwei Jahren die Festnahme der Familie durch das irakische Militär. Xatars Eltern waren als Freiheitskämpfer aktiv. Die Folge: Gefängnis und Folter. In Interviews sagte Hajabi immer wieder, dass er diese Bilder nie habe vergessen können. Das Rote Kreuz habe die Familie gerettet und ihnen geholfen, Asyl in Bonn zu finden, erzählte er später.
Von der Straße in die Charts
Inmitten des Sozialbaus im Bonner Stadtteil Brüser Berg geriet Giwar Hajabi schnell in einen Kreislauf aus Drogenhandel und illegalen Geschäften. Der Vater verließ die Familie, die Mutter ging arbeiten, um die Kinder zu versorgen. Auf dem Gymnasium galt Xatar nach eigener Aussage als Außenseiter – er war der „Asi“. Soziale Armut und das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, hätten ihn in die Kriminalität geführt, sagte er. Immer dabei: die Musik.
Bereits Ende der 1990er-Jahre begann er, unter dem Pseudonym Xatar zu rappen und Beats zu produzieren. In der Musik verarbeitete er Erfahrungen und Emotionen. Seine kurdische Herkunft stellte er dabei von Beginn an in den Mittelpunkt.
Mit Solo-Alben an die Spitze
Mit zwei seiner Soloalben erreichte der Bonner Platz eins der deutschen Albumcharts. Er gründete mehrere Musiklabels und förderte heutige Rap-Größen wie SSIO, Schwesta Ewa, Eno oder Mero.
Trotz der immer wiederkehrenden Kritik, Xatar glorifiziere seine kriminelle Vergangenheit, verhalf ihm diese, zu einer der prägendsten Persönlichkeiten im Deutschrap-Kosmos zu werden. Er schaffte es, die Grenzen zwischen Straßenrealität, Entertainment und Unternehmertum verschwimmen zu lassen und für sich zu nutzen.
Mehr als nur ein Goldräuber aus Bonn?
Als kurdischstämmiger Jugendlicher fehlten Giwar Hajabi die Identifikationsfiguren. Kurde? Was sollte das sein? Er selbst wollte etwas verändern – mit seiner Musik, aber besonders dem, was er nach außen trug. Xatar habe Menschen mit Migrationsgeschichte Mut geben wollen, ihre Stimme zu nutzen, zitiert ihn seine Frau Farvah Hajabi in der ARD-Doku.
Ein großer Teil der Jugendlichen fühlte sich von Künstlern wie Xatar vertreten. Laut Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal identifizierten sie sich mit Personen wie ihm mehr als mit Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Hajabis Wunsch nach einem besseren Leben führte ihn in ein Burnout, einen Schlaganfall sowie den finanziellen und wirtschaftlichen Bankrott.
Doch nicht nur dort wollte er etwas bewegen. Auch in seinem familiären Umfeld: „Mein Ziel war immer, dass ich weiß, dass meine Kinder auch darüber nachdenken können, Biologen zu werden, weil sie nicht darüber nachdenken müssen, Geld zu verdienen.“
Eine Erkenntnis, von der Giwar Hajabi elf Monate vor seinem Tod erzählte, als ihn Autor Falk Schacht im Rahmen der Dreharbeiten zu „XATAR – Ein Leben ist nicht genug“ traf. Dieses Ziel sollte ihm im späteren Verlauf seines Lebens zum Verhängnis werden.
Von Millionendeals zum wirtschaftlichen Totalschaden
Musiker wie Apache 207 berichten im Rahmen der Dokumentation davon, wie bezeichnend es gewesen sei, dass Xatars Musik es durch dessen Inszenierung schon früh von Bonn bis nach Ludwigshafen – Apaches Heimat – schaffte.
Um oben zu bleiben, schloss Hajabi einen Deal, eine Business-Idee, ein Investment nach dem anderen ab. Er verstand es, sich zu vermarkten – sei es durch virale Memes, Marketing-Stunts oder sein siebenstöckiges Hochhaus am Kölner Barbarossa Platz, der „Goldmann Tower“, inklusive eigenem Label.
Dies sollte das größte Imperium der Deutschrap-Geschichte werden, erzählte Xatar im Interview des ARD-Hip-Hop-Formats „Deutschrap ideal“. Gleichzeitig wurden Stimmen ehemaliger Künstler, die dort unter Vertrag standen, laut. Sie warfen ihrem Labelchef Knebelverträge und chaotische Zustände im Geschäftsumfeld vor. Rapper Ra’is beispielsweise beschrieb das „Goldmann“-Label als Alcatraz.
Rapper und Musiker Apache 207 wurde schon früh von Xatar und dessen Musik beeinflusst, wie er in der ARD-Doku „XATAR – Ein Leben ist nicht genug“ berichtet.
Xatars Erbe im Deutschrap
Hajabis Aufwachsen in Armut fungierte dabei als Motor. Sein Arbeitseifer resultierte vor allem aus dem Wunsch, seiner Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Nach eigener Darstellung ein Fluch und Segen zugleich. So mündete seine Karriere in schlaflosen Nächten, einem ersten Schlaganfall und mehreren Insolvenzen. Während das Business zerfiel, wuchs seine Familie zusammen, indem er sich gesundheitlich erholte und mehr Zeit im Privaten verbrachte.
Umso überraschender sein plötzlicher Tod. Die Ursache galt bisher als unbekannt. In der Doku klärt seine Ehefrau Farvah Hajabi erstmals auf: „Herzstillstand“.
Tribute-Konzert in Köln mit Peter Fox, SSIO, Schwesta EWA
Was bleibt, ist das, was man im Deutschrap „Legacy“ nennt. Xatar hat den deutschen Hip-Hop verändert. Durch seine Kompromisslosigkeit, sein Unternehmertum und seine Mentalität als Möglichmacher.
Seinen Einfluss zeigt auch das „Tribute to Xatar“-Konzert, welches seine Familie und Musik-Kollegen im Rahmen seines ersten Todestages am 7. Mai 2026 veranstalten. Szene-Größen wie Haftbefehl, Peter Fox, SSIO, Farid Bang, Schwesta Ewa und viele mehr versammeln sich in der Lanxess Arena Köln, um das Lebenswerk des Künstlers zu ehren.
