Werder Bremen: Ein seltsam fahrlässiger Auftritt gegen Augsburg – Sport


Senne Lynen wirkte irritiert. Was wollte denn der Mann an der Seitenlinie jetzt von ihm? Der Mittelfeldspieler des SV Werder Bremen hatte nicht mehr verbrochen, als einen Gegenspieler zu foulen, nicht überhart, eher unbeholfen. Doch Manuel Baum wollte sich einfach nicht beruhigen. Mit dem Finger zeigte der Trainer des FC Augsburg auf Lynen, über die überbrachten Worte kann nur spekuliert werden. Ein denkbarer Satz: Das traust du dich nicht noch mal, Freundchen! Ein weiterer: So nicht, Freundchen! Es muss beinahe zwingend davon ausgegangen werden, dass das Wort „Freundchen“ gefallen ist. Baum schimpfte und tobte wie ein aufgebrachter Nachbar, der einen Eindringling vom frisch gemähten Rasen scheucht. Lynen folgte jedenfalls Baums Anweisung und schlich vom Tatort, schulterzuckend und ein wenig verlegen.

In banalste Szenen lässt sich entschieden zu viel hinein interpretieren, und es wäre unseriös, allein am Aggregatzustand von Lynen (devot) und Baum (on fire) ein Sinnbild für dieses Fußballspiel zu erkennen. Das lag vorwiegend daran, dass dieser Augsburger 3:1-Sieg in Bremen noch weitaus mehr beispielhaftes Material lieferte. Lynen etwa war von Baums Standpauke offenbar derart beeindruckt, dass er mit zwei fatalen Ballverlusten zu Augsburger Chancen beitrug; es waren Ausweise jener Unbedarftheit, in der ihm seine Teamkollegen in nichts nachstanden. Die Bremer wiesen FCA-Mittelfeldmann Anton Kade bei seinen Treffern derart aufdringlich den Weg durch die eigene Deckung, dass der nicht viel mehr machen musste, als einmal einzuschieben (24. Minute) und einmal freistehend einzuköpfeln (45.). Dazwischen reihte die Heimelf derart viele Fehlpässe aneinander, dass sie die Augsburger auch optisch ins Spiel holten.

Und in der zweiten Halbzeit, als Werder durch den Anschlusstreffer von Romano Schmid (64.) optisch endlich wieder drin war, dauerte es gerade mal fünf Minütchen, bis sich diese am Samstag schrecklich konfuse Elf wieder selbst aus dem Spiel manövriert hatte. Ein Augsburger Eckball mitsamt Kopfballverlängerung reichte, damit Kristijan Jakic den Ball freistehend über die Linie drücken durfte (69.). Irgendwann fing sogar der sonst so tapfer parierende Bremer Torwart Mio Backhaus an, Unsicherheiten in seine Ballfangfertigkeiten einzustreuen. Und das will etwas heißen: Backhaus, 21, hatte zuletzt die Ruhe eines Zen-Mönchs ausgestrahlt. Was also war passiert, wo die Bremer jüngst doch erst den HSV im Nordderby niedergerungen und beim VfB Stuttgart einen hart erkämpften Punktgewinn verzeichnen konnten?

Werder Bremen bleiben noch zwei Chancen auf den Klassenerhalt

Dass der SV Werder nicht ganz bei der Sache wirkte, wäre eine gnädige Untertreibung mit Blick auf diesen irritierenden Nachmittag, der nach den Vorstellungen der Bremer Anhänger eigentlich in ausgelassenen Abendfeierlichkeiten hätte münden sollen: Offiziell hätte man den Klassenverbleib zwar auch bei einem Sieg nicht vermelden können – die 35 Punkte, die der Klub in diesem Szenario eingesammelt hätte, wären jedoch gleichbedeutend mit einer Vertreibung existentiellster Sorgen gewesen. Insofern war es denkbar ungünstig, dass die Bremer auftraten, als ob sie diese Zielmarke bereits erreicht hätten, obwohl sie das nicht haben.

Fehlende „Energie“ wurde von gleich mehreren Kadermitgliedern moniert, darunter Verteidiger Armos Pieper und Spielmacher Schmid. Trainer Daniel Thioune fand, sein Team habe weniger „energetisch“ gewirkt als in den zwei Wochen zuvor. Dem Sportchef Clemens Fritz war die Enttäuschung deutlich anzusehen, er versicherte das Plenum (und sich selbst?) aber gleich mehrfach der Tatsache, dass man es weiterhin „selbst in der Hand“ habe mit dem Klassenverbleib. Die Bremer zeigten Schuldbewusstsein, wirklich erklären konnte sich diese Fahrlässigkeit jedoch keiner.

Zur protokollarischen Vollständigkeit gehörte noch, dass Coach Thioune aus relativ heiterem Himmel von einer Vierer- auf eine Fünfer-Abwehrkette umgestellt hatte; ein gerade in Heimspielen arg sicherheitsorientierter Ansatz, der in dieser Saison deutlich mehr Enttäuschung als Produktives hervorgebracht hat. Eine Systemdebatte wollte Thioune hinterher jedenfalls nicht führen, womöglich, weil rationale Gründe ohnehin nicht weitergeholfen hätten. Die Bremer sind sich gegen Augsburg letztlich treu geblieben. Auf unerwartete Höhen folgen plötzliche Einbrüche, Werder legt eine konstant inkonstante Spielzeit hin, die wiederum wie maßgeschneidert zur Beschaffenheit Kader passt: wenig Tempo, viele Verletzungssorgen, kein Stürmer auf verlässlichem Bundesliganiveau.

„Es geht bis zum Ende“, lautete die Devise sowohl von Trainer Thioune als auch von Verteidiger Pieper. Was mit Blick auf die Ausgangslage denkbar ungünstig erschien, denn: Jetzt bleiben nur noch zwei Chancen, um diese Saison einem versöhnlichen Ende zuzuführen.



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