Chance oder teures Prestige für Marokko?
Für die marokkanischen Fans ist es klar: Das 1:1 der Nationalmannschaft gegen Brasilien bei der WM 2026 kann nur der Anfang gewesen sein. Viele hoffen, dass das Team nach dem historischen Halbfinaleinzug bei der WM 2022 nun erneut Geschichte schreibt. Doch während die Aufmerksamkeit derzeit dem Turnier in Nordamerika gilt, richtet sich der Blick in Marokko längst auf das Jahr 2030. Dann wird das Königreich gemeinsam mit Spanien und Portugal die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten.
Für Marokko ist das mehr als ein Sportereignis. Fünfmal hatte sich das Land vergeblich um die Austragung beworben, ehe die FIFA im Dezember 2024 den Zuschlag erteilte: Die Weltmeisterschaft gilt heute als eines der wichtigsten Prestigeprojekte von König Mohammed VI. und als Teil einer umfassenden Modernisierungsstrategie. In deren Zentrum steht die zuletzt wiederholt erfolgreiche Nationalmannschaft des Landes.
„Die Fußball-Weltmeisterschaft wirkt als Katalysator für die wirtschaftliche Entwicklung Marokkos“, sagt Steven Höfner, Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung in Rabat. Das Land befinde sich in einem tiefgreifenden Strukturwandel. Angesichts von Klimawandel und Dürre verliere die Landwirtschaft an Bedeutung, während Industrie, Dienstleistungen und Tourismus ausgebaut würden.
Auch für Isabelle Werenfels von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) geht die Bedeutung der WM weit über den Sport hinaus. „Die Weltmeisterschaft hat mehrere Dimensionen“, sagt Werenfels. Der Staat nutze das Turnier, „um seiner Modernisierungspolitik zusätzlichen Schwung zu verleihen und große Investitionen nach innen zu legitimieren“, so Werenfels zur DW.
Marokkanische „Soft Power“
Tatsächlich investiert Marokko derzeit Milliarden in Stadien, Flughäfen, Bahnlinien und Straßen. Eine Analyse des spanischen Think Tanks Real Instituto Elcano beschreibt die WM 2030 als Instrument marokkanischer „Soft Power“. Das Turnier solle die internationale Wahrnehmung des Landes verbessern, neue Investitionen anziehen und Marokkos Stellung in Afrika stärken. Ziel sei es, „eine verführerische Darstellung eines offenen, toleranten, aufstrebenden Landes zu schaffen, das in der Lage ist, Projekte auf höchstem Niveau zu bewältigen“.
Dabei geht es auch um internationale Sichtbarkeit. Sie sei „ein zentrales Ziel der marokkanischen Führung“, sagt Höfner im DW-Interview. Marokko verfüge weder über große Öl- noch Gasvorkommen und setze deshalb verstärkt auf seinen politischen und kulturellen Einfluss. Die WM solle das Königreich als modernen Wirtschafts- und Investitionsstandort präsentieren, sagt Höfner, der kürzlich eine Studie zur marokkanischen Fußballpolitik verfasst hat.
Proteste der „Gen Z“
Doch die Investitionen sind nicht unumstritten. So protestierten im vergangenen Jahr zahlreiche Angehörige der um die Jahrtausendwende geborenen Generation, der so genannten „Gen Z“, gegen die WM-Pläne. „Diese richteten sich gerade gegen große Infrastrukturprojekte“, sagt Werenfels. Kritiker hätten argumentiert, dass Geld für Stadien und Prestigeprojekte an anderer Stelle fehle, etwa im Bildungs- oder Gesundheitswesen, sagt Werenfels.
Auch Höfner sieht diese Debatte. „Die Proteste der Generation Z richteten sich weniger gegen die Weltmeisterschaft selbst als gegen die Frage, ob Stadionprojekte Vorrang vor Investitionen in Bildung und Gesundheit haben sollten.“ Die langfristige Akzeptanz werde davon abhängen, ob die Bevölkerung tatsächlich von den Investitionen profitiere, sagt Höfner.
Damit berührt die WM eine der zentralen Herausforderungen des Landes. Eine Analyse des amerikanischen Think Tanks Carnegie Endowment for International Peace bescheinigt Marokko zwar erhebliche Fortschritte in den vergangenen 25 Jahren. Lebenserwartung, Einkommen und Bildungsstand seien gestiegen, das Land habe massiv in Infrastruktur investiert und sei heute der größte Autoexporteur Afrikas. Zugleich verweisen die Autoren jedoch auf hohe Jugendarbeitslosigkeit, regionale Ungleichheiten und Defizite im Bildungswesen. „Die bisherigen Erfolge Marokkos sind unbestreitbar, doch der vor uns liegende Weg wird voller Hindernisse sein“, heißt es in der Studie.
Frage nach langfristiger Nutzung
Diese Ambivalenz spiegelt sich auch in der marokkanischen Gesellschaft. „Viele Menschen klagen über steigende Lebenshaltungskosten, sind zugleich aber stolz auf die sichtbaren Veränderungen in ihren Städten“, sagt Werenfels. Neue Verkehrsanbindungen, Sportanlagen und öffentliche Einrichtungen würden vielerorts positiv wahrgenommen. Gleichzeitig hätten Umsiedlungen und Abrisse für neue Bauprojekte auch soziale Kosten verursacht.
Die Frage, ob die WM nachhaltige Entwicklung oder teure Prestigeprojekte hinterlässt, wird deshalb intensiv diskutiert. „Bei der reinen Sportinfrastruktur stellen sich durchaus Fragen nach der langfristigen Nutzung“, sagt Höfner. Besonders beim geplanten Hassan-II.-Stadion nahe Casablanca, das mit rund 115.000 Plätzen das größte Fußballstadion der Welt werden soll, werde sich zeigen müssen, ob eine dauerhafte Auslastung möglich sei, sagt Höfner.
Ökologische Herausforderungen
Hinzu kommen ökologische Herausforderungen. „Marokko leidet unter erheblichen Wasserproblemen“, warnt Werenfels. Es stelle sich die Frage, wie viel Tourismus langfristig verträglich sei und ob bestimmte Entwicklungen zulasten anderer Wirtschaftsbereiche gehen könnten, insbesondere der Landwirtschaft.
Dennoch überwiegt bei vielen Menschen die Hoffnung, dass die WM einen Entwicklungsschub auslösen könnte. Das Real Instituto Elcano zieht sogar einen historischen Vergleich: So wie die Olympischen Spiele 1992 Spanien international neu positioniert hätten, könnte die Weltmeisterschaft 2030 für Marokko zu einem ähnlichen Wendepunkt werden.
Ob diese Erwartungen erfüllt werden, hängt jedoch von mehr ab als von neuen Stadien und erfolgreichen Fußballspielen. Die eigentliche Bewährungsprobe wird sein, ob es Marokko gelingt, wirtschaftliche Modernisierung, soziale Entwicklung und nationale Prestigeprojekte miteinander zu verbinden. Die WM 2030 ist damit nicht nur ein sportliches Großereignis. Sie ist ein Test für den weiteren Entwicklungskurs des Landes – und für die politische Vision des Königshauses.
