Pride Month Frankfurt: Queeres Leben an 365 Tagen feiern

Vor etwa fünf Jahren reiste Frankfurts Bürgermeisterin Nargess Eskandari- Grünberg (Die Grünen) nach Toronto. Zu dem Zeitpunkt fand in der kanadischen Großstadt gerade der Pride Month statt, überall waren bunte Flaggen zu sehen. „Und dann haben wir uns an unseren Leitspruch gehalten: Was die anderen können, können wir auch“, sagt die Bürgermeisterin. 2023 führte Frankfurt deshalb erstmals einen eigenen Pride Month ein. „Eigentlich sollte queeres Leben aber an 365 Tagen im Jahr gefeiert werden“, sagt Eskandari-Grünberg. Im Rest Deutschlands beschränkt sich diese Form der Feier meist auf den Christopher Street Day (CSD).
Am Montag startete der diesjährige Pride Month mit der Anbringung eines Banners am Römerberg. Darauf steht auf buntem Hintergrund: „Frankfurt ist queer.“ Unter dem Motto „Out Loud, Out Proud – Sichtbarkeit braucht Mut!“ stehen bis zum 18. Juli 40 Veranstaltungen in elf Stadtteilen auf dem Programm. Die Zahl der Angebote ist dabei stetig gewachsen: Im ersten Jahr waren es 15, im zweiten 23 und zuletzt 32. Finanziert wird das Programm mit 50.000 Euro aus dem Dezernat für Diversität, Antidiskriminierung und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Das Motto verweist auf die zunehmenden Angriffe auf queere Menschen in Deutschland. Gleichzeitig wachse auch die Bereitschaft, sich dagegen zu engagieren, sagt Harpreet Cholia, Antidiskriminierungsbeauftragte der Stadt. Schwerpunkte des Pride Month sind daher Gewaltprävention und sogenannte Safer Spaces. Sie sind auch Teil des kürzlich beschlossenen „LSBTIQA* Aktionsplans: Schutz, Akzeptanz und Vielfalt“. Nach Angaben der Bürgermeisterin ist Frankfurt bislang die einzige deutsche Stadt, die diese Maßnahme im Koalitionsvertrag festgeschrieben hat. Der Aktionsplan beinhaltet 120 Maßnahmen, darunter unter anderem eine Sensibilisierung des medizinischen und pflegerischen Personals für queere Bereiche sowie die Stärkung der „queeren Erinnerungskultur“. Der Pride Month sei Teil dieser Strategie, so Eskandari-Grünberg.
Angriffe auf queere Menschen haben mittlerweile System
Das Programm reicht von Club- und Bar-Events, Lesungen, Filmreihen, Podien, Workshops über das Community-Fest in der Alten Gasse bis hin zu Aktionen auf Wochenmärkten, Bildungsangeboten in Schulen, der Erstellung von Awareness-Konzepten in Clubs und sogenannten Regenbogenfamilien-Erzählcafés.
Gewaltprävention sei besonders wichtig, sagt die Grünen-Politikerin. Kinder, die früh mit queeren Menschen in Kontakt kämen, lernten, Vielfalt als selbstverständlich wahrzunehmen. Beim Thema Safer Spaces gehe es vor allem darum, die Handlungssicherheit zu stärken. Oft wüssten Lehrkräfte oder Barbetreiber nicht, wie sie auf Übergriffe reagieren sollten – entsprechende Informationsveranstaltungen sollten hier unterstützen.
Auch Dragqueen Maxima Love berichtet von organisierten Angriffen auf queere Menschen, die über soziale Netzwerke verabredet würden. Als Reaktion habe sich die Community in Chatgruppen vernetzt, um sich gegenseitig zu schützen. „Wir brauchen aber auch starke Verbündete außerhalb der queeren Community“, sagt Love.
Julia Meier von der FLINTA*-Plattform Club Cherry fordert zudem eine stärkere Anerkennung von Clubs als Kulturorte. Dadurch könnten auch Förderungen für Clubs häufiger bewilligt werden, vermutet sie. „Das sind auch Zufluchtsorte für queere Menschen.“ Im Rahmen des Pride Month organisiert die Initiative einen DJ-Workshop für FLINTA*-Personen. FLINTA* steht für Frauen, Lesben, Inter*, Non-Binary, Trans* und Agender*. Laut Meier sei die Szene weiterhin stark männlich geprägt.
Im Vorfeld des Pride Month fand am 10. Juni im MOMEM (Museum of Modern Electronic Music) an der Hauptwache eine Paneldiskussion zu sicheren Orten zwischen Clubbetreiberinnen und einer DJane statt. Moderiert wurde sie von Harpreet Cholia, auch Meier nahm teil. Ein zentrales Fazit des Abends: Etablierte Clubs, die wirtschaftlich stabil sind, investieren oft weniger in Awareness-Konzepte, während kleinere Clubs, die finanziell stärker unter Druck stehen, zu diesem Thema besonders sorgfältig arbeiten. „Trotzdem ist es für uns keine Alternative, hier zu sparen“, so Meier.
Carsten Gehrig von der Aidshilfe Frankfurt hebt zum Schluss die Bedeutung des politischen Rückhalts hervor. Aus seiner täglichen Arbeit wisse er, wie häufig Übergriffe nicht angezeigt würden. Dass in diesem Zusammenhang so oft von „Kampf“ gesprochen werde, sei bedauerlich. „Es beschreibt aber leider genau das, was wir tun.“
