Indien: Was der EU-Freihandelsdeal für deutsche Unternehmen bringt
Gastbeitrag
Was der EU-Freihandelsdeal mit Indien für Unternehmen bringt
Das große Freihandelsabkommen zwischen EU und Indien bietet europäischen Firmen enorme Chancen. Doch es entfernt nicht alle Hürden. Welche Probleme bleiben, erklärt Berater Rahul Oza
Wenn europäische Unternehmen heute über internationale Wachstumsstrategien sprechen, fällt der Name eines Landes mit beeindruckender Regelmäßigkeit: Indien. Mit 1,48 Milliarden Menschen, der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und wachsender geopolitischer Bedeutung bietet der Subkontinent ein Marktpotenzial, das sich kaum noch ignorieren lässt.
Die in diesem Jahr abgeschlossenen Verhandlungen über das EU‑Indien‑Freihandelsabkommen (FTA), von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nicht ohne Grund als „mother of all deals“ bezeichnet, verändern die Rahmenbedingungen nochmals grundlegend. Der Deal bietet enorme Chancen – aber auch blinde Flecken und Umsetzungsrisiken, die man realistisch einordnen muss. Dennoch gibt es für deutsche Unternehmen nun keinen Grund mehr, Indien als Investitionsmarkt zu ignorieren.
Erleichterungen für deutsche Marktteilnehmer
Eine der größten Hürden für europäische Unternehmen in Indien waren seit jeher die extrem hohen Importzölle, besonders in den Bereichen Maschinenbau, Automobil, Chemie und Elektronik. Das FTA sieht nun vor, dass Indien 96,6 Prozent aller EU‑Exporte tariflich reduziert oder ganz eliminiert. Für deutsche Unternehmen bedeutet das eine deutliche Kostenreduktion, schnellere Marktpenetration und verbesserte Wettbewerbsfähigkeit.
Rahul Oza ist Partner und CEO der Unternehmensberatung Rödl in Indien. Er begleitet dort seit fast 20 Jahren Unternehmen aus dem deutschsprachigen Raum beim Markteintritt.
Die Europäische Kommission rechnet Medienberichten zufolge mit jährlichen Zolleinsparungen von rund 4 Mrd. Euro für europäische Firmen. Besonders profitieren werden wohl die Kernbranchen der deutschen Wirtschaft wie Auto, Maschinenbau und Industrieanlagen sowie Chemie und Pharma. Indiens Senkung der Autozölle beispielsweise, von bis zu 110 Prozent auf nur noch 10 Prozent über fünf Jahre, eröffnet europäischen Herstellern erstmals einen echten Marktzugang im Volumensegment.
Für deutsche Unternehmen, die bereits vor Ort produzieren oder sourcen, wird außerdem die regulatorische Kooperation zwischen beiden Partnern besonders wertvoll sein. Sie soll nicht nur die technischen Standards in Indien besser mit den in der EU geltenden Standards synchronisieren – bereits für sich genommen ein sehr entscheidender Punkt in einem Markt, in dem Zertifizierungen, Compliance‑Nachweise und behördliche Registrierungsprozesse oft enorme Zeit- und Kostenfaktoren darstellen. Sie wird auch das Zusammengehörigkeitsgefühl der Marktteilnehmer auf beiden Seiten des Abkommens stärken und damit maßgeblich zur Stabilität der wirtschaftlichen, politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen im europäisch-indischen Grenzverkehr beitragen.
Wo noch Lücken bleiben
Trotz aller Euphorie muss aber klar sein: Das FTA reißt noch nicht alle praktischen Hürden nieder, mit denen deutsche Unternehmen in Indien regelmäßig kämpfen: regulatorische Intransparenz und wechselhafte Behördenpraxis vor Ort. Indien ist und bleibt ein komplexer, föderaler Markt, und viele praktische Hürden entstehen nicht durch die indische Rechtsordnung per se, sondern durch deren lokale Interpretation und Vollzug.
Uneinheitliche Behördenentscheidungen, Verzögerungen bei Genehmigungen und variierende Steuer- oder Arbeitsrechtsvorgaben sind nur ein paar der regelmäßigen Markteintrittshürden deutscher Unternehmen. Diese Probleme adressiert das FTA nur am Rande. Die indische Zentralregierung hat im vergangenen Jahrzehnt aber bereits einige Reformen zur Verbesserung struktureller und regulatorischer Hürden für ausländische Direktinvestitionen umgesetzt.
Industriepolitisch setzt Indien schon seit Jahren auf eine gezielte Förderung lokaler Produktion und Wertschöpfung gegenüber reinem Import. Das FTA wird den Marktzugang europäischer Unternehmen zwar erleichtern, doch viele Branchen wie Elektronik, Auto und Solar unterliegen weiterhin Investitions- und Lokalisierungsanforderungen, die das Abkommen nicht aushebeln kann.
Auch Dienstleistungen bleiben ein sensibler Bereich. Während das FTA den Warenhandel weitreichend liberalisiert, sind Dienstleistungen auch künftig politisch sensibel. Besonders in regulierten Bereichen wie Finanzdienstleistungen, Recht oder Gesundheitswesen bleibt der Marktzutritt europäischer Unternehmen von der indischen Fach- und Branchenregulierung abhängig.
Mögliche Probleme bei der Umsetzung
Bevor das Abkommen in Kraft tritt, muss es unter anderem noch durch das Europäische Parlament und durch das indische Kabinett ratifiziert werden. Bei einem derart weitreichenden Abkommen sind Verzögerungen wahrscheinlich, auch wenn sich alle an den Verhandlungen beteiligten Personen bisher sehr zuversichtlich betreffend eine beiderseits rasche Umsetzung des Abkommens geäußert haben.
Schon kleine politische Verschiebungen können Zeitpläne ins Wanken bringen, und auch unterschiedliche Erwartungen an Standards und Schutzmechanismen können Verzögerungen auslösen. Europäische Unternehmen wünschen sich etwa höhere Standards bei Investitionsschutz, IP‑Rechten, Nachhaltigkeits- und Arbeitsrechtsklauseln und transparenten Vergabeverfahren. Indien hingegen sieht viele dieser Bereiche traditionell als Gegenstand seiner Souveränität. Auch wenn einzelne Dauerdiskussionsthemen bei der Unterzeichnung des Abkommens ausgeklammert und zukünftig separat weiterverhandelt werden, ist absehbar, dass auf beiden Seiten Diskussionen über Auslegung und Umsetzung im Rahmen der nun folgenden Ratifizierung weitergehen werden.
Das neue Abkommen ist zweifellos ein Meilenstein. Es schafft die Grundlage für das größte Freihandelsgebiet der Welt und bietet deutschen Unternehmen enorme Potenziale. Doch die praktische Erfahrung hat Folgendes gelehrt: Wer Indien erfolgreich für sich erschließen will, braucht neben den verbesserten Rahmenbedingungen durch das FTA weiterhin eine lokale Expertise, belastbare Partner, pragmatische Entscheidungswege und realistische Zeithorizonte.
Das FTA ist daher als Rückenwind für die deutsche Wirtschaft zu verstehen – steuern müssen die Unternehmen aber selbst. Ohne eine strategische Marktanalyse und die Bereitschaft, sich flexibel und optimistisch auf die indischen Marktbedingungen einzulassen, gegebenenfalls auch mal einen Business-Case nachzumodellieren, werden die großen Potenziale, die Indien für die deutsche Wirtschaft bereithält, kaum zu heben sein.
Wettbewerb in Indien wird sich massiv verstärken
Auch muss klar sein, dass sich der Wettbewerb für deutsche Unternehmen in Indien in den kommenden Jahren wohl massiv verstärken wird. Nicht nur, weil unter dem FTA alle europäischen Unternehmen auf den indischen Markt drängen, sondern auch, weil der indische Wettbewerb von der verbesserten Zusammenarbeit mit der EU profitieren und somit international aufschließen wird. Wer frühzeitig reagiert, kann Marktanteile sichern, ehe sich der Wettbewerb intensiviert.
Das FTA wird den Markteintritt und das Wachstum europäischer Unternehmen in Indien spürbar erleichtern – aber nur für diejenigen, die vorbereitet sind. Wer jetzt strukturiert analysiert, regulatorische Besonderheiten ernst nimmt und im lokalen Markt robuste Netzwerke mit langfristigen Investitionsstrategien aufbaut, kann von den neuen Rahmenbedingungen überproportional profitieren. Indien bleibt ein anspruchsvoller, aber außergewöhnlich lohnender Markt – das FTA macht ihn vor allem eines: besser kalkulierbar.
