Der Geheimfavorit, der (k)einer sein will
David Alaba (li.) und Marcel Sabitzer (re.) stehen mit dem ÖFB vor ihren ersten WM-Spielen. Österreich spielt bei der ersten WM-Teilnahme seit 1998 gegen Jordanien.
Quelle: IMAGO / GEPA pictures
Die Antwort auf die drängendste Frage der vergangenen Wochen lieferte der Österreichische Fußball-Bund am Samstagabend in zwei Akten. „Liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte haltet Euch bereit, es gibt in Kürze Neuigkeiten“, schrieb eine ÖFB-Sprecherin um 19:28 Uhr mitteleuropäischer Zeit im WhatsApp-Gruppenchat. Fünf Minuten später war klar: Ralf Rangnick bleibt bis zur EM 2028 Teamchef.
Der 67-jährige Deutsche sagte der AC Mailand ab, deren Bosse vor drei Wochen für Gespräche mit ihm nach Wien gereist waren. 2024 hatte schon der FC Bayern angefragt, 2025 der BVB. Doch am Ende blieb Rangnick immer, wie er vor dem WM-Auftakt gegen Jordanien am Mittwoch (6 Uhr MESZ im ZDF) erinnerte:
Wenn ich mich nicht grundsätzlich in dieser Aufgabe, in diesem Land, in dieser Konstellation wohlfühlen würde, würde ich seit mindestens zwei Jahren nicht mehr hier sitzen. Das Ganze hier liegt mir wirklich am Herzen.
Ralf Rangnick
Mit der Vertragsverlängerung gehen der ÖFB und Rangnick trotzdem in Vorleistung. Ein mögliches Aus in Gruppe J, in der es auch gegen Titelverteidiger Argentinien und Algerien geht, klammert die Freude über das Arbeitspapier aus. Die WM-Vorbereitung der „Burschen“ gibt bisher allerdings wenig Anlass zur Sorge.
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Viel (Bundesliga-)Erfahrung im Kader
Zwischen dem Eintreffen auf dem neuen ÖFB-Campus in der Wiener Seestadt und der Ankunft in Santa Barbara trübte nur der Ausfall von Christoph Baumgartner die Stimmung – zumindest kurz. Denn das Offensiv-Ass, das in der abgelaufenen Saison auch bei RB Leipzig zum Leistungsträger aufstieg, reiste nach seiner OP am verletzten Oberschenkel in die USA nach.
Baumgartner ist gewillt, eine ähnliche Rolle wie David Alaba bei der EM 2024 einzunehmen. Der war damals trotz Verletzung als „Non-playing Captain“ an Bord. „Auch wenn es anders ist, aber ich kann es trotzdem miterleben und bei meinen Jungs und Freunden sein“, lässt der 26-Jährige tief in das Teamgefüge blicken.
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„Diese Mannschaft gibt dir das Gefühl, dass du schon ewig dabei bist“, sagt auch Ex-Bayern-Talent Paul Wanner (20, Eindhoven), der sich wie Carney Chukwuemeka (22, BVB) im Frühjahr für den ÖFB entschied. Beide feierten im März ihr Debüt und überzeugten bei der Generalprobe gegen Tunesien, die Österreich trotz langer Unterzahl mit 1:0 gewann.
Alaba, Bayern-Allzweckwaffe Konrad Laimer, Sturmroutinier Marko Arnautovic – der unter Rangnick seine Metamorphose vom Enfant terrible zum Teamplayer vollendete – und Dortmunds Marcel Sabitzer bilden das Gerüst des Teams, dem 14 Bundesliga-Legionäre angehören. Für Baumgartner rückte Schalkes Dejan Ljubicic nach.
Patrick Pentz (Brøndby IF), Alexander Schlager (Red Bull Salzburg), Florian Wiegele (Viktoria Pilsen)
David Affengruber (Elche CF), David Alaba (Real Madrid), Kevin Danso (Tottenham Hotspur), Marco Friedl (Werder Bremen), Philipp Lienhart (SC Freiburg), Phillipp Mwene (Mainz 05), Stefan Posch (Mainz 05), Alexander Prass (TSG Hoffenheim), Michael Svoboda (FC Venedig)
Dejan Ljubicic (Schalke 04), Carney Chukwuemeka (Borussia Dortmund), Florian Grillitsch (SC Braga), Konrad Laimer (FC Bayern München), Marcel Sabitzer (Borussia Dortmund), Xaver Schlager (RB Leipzig), Romano Schmid (Werder Bremen), Alessandro Schöpf (Wolfsberger AC), Nicolas Seiwald (RB Leipzig), Paul Wanner (PSV Eindhoven), Patrick Wimmer (VfL Wolfsburg)
Marko Arnautovic (Roter Stern Belgrad), Michael Gregoritsch (FC Augsburg), Sasa Kalajdzic (LASK)
Euphorie in Österreich
Die rot-weiß-rote Zuversicht ist messbar. Laut einer repräsentativen ORF-Umfrage traut jeder Dritte Österreich den Titel zu. Was sich wie übersteigerte Fan-Euphorie lesen könnte, ist eher Ausdruck einer unklaren Erwartungshaltung vor der ersten WM-Teilnahme seit 1998.
Die sportlichen Hauptdarsteller umschiffen dieses Thema meist. Während Alaba die „Von-Spiel-zu-Spiel-denken“-Fraktion anführt, ließ Rekordnationalspieler und -torschütze Arnautovic im Mai zumindest aufhorchen.
„Du kannst jetzt nicht erwarten, nach 28 Jahren, dass wir direkt zur WM gehen und dass wir das gewinnen. Natürlich, ich traue es uns zu. Man weiß ja nie“, meinte der 37-Jährige im ORF-Interview, ordnete aber ein: „Wir bleiben am Boden. Wir sind jetzt bei der WM. Wir denken an keinen Pokal. Wir denken an kein Weiterkommen. Wir denken jetzt nur ans nächste Spiel. Und so soll das die ganze WM ablaufen.“
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Rangnick erweitert Erwartungshaltung Stück für Stück
Groß denken ist auch für Österreich erlaubt: Das ist die wichtigste Botschaft der Ära Rangnick, die im Mai 2022 begann. Bei der EM brachte diese Devise den Gruppensieg ein – vor Frankreich, den Niederlanden und Polen. Doch noch bevor aus dem Geheimfavoriten ein echter Favorit wurde, folgte das Achtelfinal-Aus gegen die Türkei (1:2), das bis heute nachwirkt.
Rangnick tut deshalb vielleicht gut daran, die auch diesmal als Geheimfavorit gehandelten Österreicher nicht um ihre Rolle zu bringen. Der Schwabe erweitert seine Zielsetzung bei fast jeder Nachfrage um eine Nuance – von „Erstmal die Gruppenphase überstehen“ über die „Die Fans begeistern“ hin zu „So weit wie möglich kommen“.
Über die Fußball-WM berichtet das ZDF seit dem 01.06.2026 täglich in verschiedenen Sendungen.
