Anish Kapoor: Kunst am Abgrund


Anish Kapoor verlangt seinem Publikum einiges ab: Blicke in dunkle Wasserstrudel, in die tiefste Schwärze – das kann, je nach Gemütslage, durchaus herausfordernd sein. Dazu eines seiner liebsten Materialien: dunkelrotes Wachs. Fleisch, Blut – die Assoziationen gehen ans Eingemachte. Dabei macht der Künstler selbst bei der Präsentation seines Werks einen heiteren, entspannten Eindruck. Und manchmal scheint es ihm sogar selbst ein wenig unheimlich. So etwa jüngst im Duisburger Lehmbruck Museum, das derzeit eine große Ausstellung des Künstlers zeigt. Als er für ein Kamerateam der ARD durch seine Harz-Skulptur „First Body” hindurchgeht, erschaudert er: „Es ist fleischig und macht diese…“ – er zieht die Schultern hoch und gibt einen undefinierbaren Laut von sich – „seltsame Sache, haha.“

Installation "First Body" von Anish Kapoor im Lehmbruck-Museum, Duisburg.
Anish Kapoors „First Body“ ist derzeit im Duisburger Lehmbruck-Museum zu sehenBild: Christoph Reichwein/dpa/picture alliance

Dass er selbst so unmittelbar auf sein eigenes Werk reagiert, liegt wohl daran, dass Kapoor vom Material ausgehend arbeitet, ohne eine genaue Vorstellung davon, wie das Ergebnis aussehen soll. „Ich gehe ins Studio und sage: ‚Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin verloren.‘ Dann entstehen Dinge, und das ist das Material im Raum, mit dem man arbeitet“, erzählte er dem Magazin „The Talks“ einmal. „Ich interessiere mich wirklich für diesen Prozess, weil der Prozess einen in Richtungen lenkt, die man rational so nicht hätte planen können.“

Anish Kapoor, geboren 1954 in Bombay, dem heutigen Mumbai, gehört seit vielen Jahren zu den bekanntesten und gefragtesten Künstlern der Welt. Gewinner des Turner Prize 1991, 2013 von Queen Elizabeth II. zum Ritter geschlagen. Seit mehr als 50 Jahren lebt er in London, wo ihm jetzt die Hayward Gallery eine große Schau widmet.

Kapoors Kunst in Chicago und München

Kapoors Kunstwerke sind an vielen Orten der Welt auch dauerhaft zu sehen. Seine Arbeiten fügen sich direkt in die urbane Architektur oder weite Naturlandschaften ein. In Chicago ziert seit 2006 „Cloud Gate“ (von Einheimischen „The Bean“ genannt) den Millennium Park, eine gigantische, bohnenförmige Edelstahlskulptur, in der sich die Skyline der Stadt spiegelt. In der Rotunde der Münchner Pinakothek der Moderne ist seit 2020 „HOWL“ installiert, eine riesige Kugel aus PVC, von deren rot-brauner Farbe Kapoor sagte, sie verweise auf Menstruationsblut. Überhaupt rot: Es fasziniere ihn, sagt Kapoor. „Es hat eine beängstigende Art von Dunkelheit in sich“, erklärte er gegenüber „The Talks“.

Eine spiegelnde Metallskulptur vor Hochhäusern, darum herum stehen Menschen.
Anish Kapoors „Cloud Gate“ in ChicagoBild: Uwe Kraft/imageBROKER/picture alliance

Aber es geht noch sehr viel dunkler. 2016 sicherte sich Kapoor die Exklusivrechte am tiefsten Schwarz, das jemals erzeugt wurde: Vantablack. Das auf Nanotechnologie basierende tiefschwarze Material, das rund 99,6 Prozent aller Lichtstrahlung schluckt, wurde ursprünglich für militärische Zwecke entwickelt. Da das Auge seine minimale Restreflexion nicht wahrnehmen kann, gehen jegliche Oberflächenstrukturen, Falten oder Konturen eines beschichteten Objekts verloren. Es wirkt auf Betrachter wie ein zweidimensionales, unendlich tiefes Loch im Raum. „Es ist so dunkel, dass man das Gefühl dafür verliert, wer man ist und wo man sich befindet, und vor allem das Zeitgefühl“, sagte der Künstler gegenüber „BBC Arts“ 2016. 

Unbeabsichtigter Sturz in den Abgrund

Kapoors Spiel mit der schwarzen Illusion wurde 2018 einem Ausstellungsbesucher im Serralves Museum in Porto zum Verhängnis: Überzeugt, eine feste schwarze Fläche vor sich zu haben, trat er ins Leere und stürzte zweieinhalb Meter tief in den mit  Vantablack bestrichenen Abgrund. „Descent into Limbo“ („Abstieg in die Vorhölle“) lautete der sprechende Titel der Arbeit. Der Mann wurde nur leicht verletzt.

Drei Menschen stehen um ein schwarzes Loch im Boden herum.
In dieses Loch fiel ein Besucher: Anish Kapoors Arbeit im Museum Serralves, Porto, 2018Bild: Rita Franca/NurPhoto/picture alliance

Die Leere, „The Void“, ist schon lange ein zentrales Thema in Kapoors Werk. Im Gegensatz zur westlichen, oft negativen Vorstellung von Leere als Mangel oder Sinnlosigkeit ist Kapoors Konzept stark von der östlichen Philosophie, insbesondere dem Hinduismus und Buddhismus, beeinflusst. Für ihn ist die Leere der Ursprung von allem, ein unendlicher Raum voller Möglichkeiten, Versprechen und ungeborener Formen. 

Bedingt „instagrammable“

Auf so wörtliche Weise wie der Mann in Portugal sollte man sich natürlich nicht in diese Leere fallen lassen, doch es ist Kapoors Absicht, dass Betrachtende ein Gefühl des Schwindels oder Fallens verspüren. Er habe Arbeiten geschaffen, die das Fallen verkörperten, sagte Kapoor einmal anlässlich einer Ausstellung in der Londoner Tate Modern. „Aber dieses Fallen muss nicht abwärts gerichtet sein. Es könnte auf seltsame Weise auch hin zu einem Horizont oder sogar nach oben verlaufen. Der Schwindel steht hierbei jedoch im Mittelpunkt – die Desorientierung.“

Und so sind Anish Kapoors Werke zwar auch wie die vieler anderer erfolgreicher Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart „instagrammable“, aber sie sind nicht immer so fotogen wie etwa Yayoi Kusamas oder Jeff Koons‘ Kunst. Ihre wahre Kraft entfalten sie, wenn kein Smartphone zwischen Auge und Kunst steht.

Das Duisburger Lehmbruck Museum zeigt Anish Kapoor noch bis zum 30. August 2026. In der Londoner Hayward Gallery sind seine Werke bis zum 18. Oktober 2026 zu sehen.





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