Zum 70. Geburtstag Lars von Triers


Wie viele Filme handeln von der Hassliebe zwischen den intim verfeindeten Geschwistern Rache und Recht? Nach Lars von Triers „Dogville“ (2003) hätte man damit aufhören können; das Thema wird dort in zwei Szenen abgeschlossen. In der ersten muss Nicole Kidman als gläserne Kühlerfigur namens Grace dabei zuschauen, wie eine provinzielle Sadistin die kleinen Porzellanfigürchen zerschmeißt, die Grace als Sinnbilder ihrer vergeblichen Sehnsucht nach Schönheit liebt. Falls sie sich zusammenreiße, so wird sie ermahnt, höre die Tortur auf.

Zweite Szene: Grace sitzt nach endlosen Erniedrigungen im Auto und ordnet an, die Kinder der Sadistin zu ermorden, eins nach dem andern. Die Mutter solle versuchen, die Tränen zu unterdrücken, wenn das gelänge, höre das Töten auf. Diese tiefen Szenen hat man nicht erwarten können von einem Mann, der noch zwanzig Jahre zuvor mit „The Element of Crime“ (1984) in beeindruckender Ausführlichkeit die geleckte Gleichung „Luis Buñuel plus Sergej Eisenstein geteilt durch Kabelfernsehen um 23 Uhr“ bebildert hatte. Der Schöpfer von „Element of Crime“ wollte Formalist sein, ohne Poet zu werden; alle, die von der Kunst unmittelbar Wahres erhoffen, wollen solche Dummheiten. Die untauglichsten seiner Versuche, jede poetische Gefahr zu bannen, sind Lars von Triers gelegentliche Kraftmeiereien mit abstoßender Symbolik, vor allem mit Nazikram und unwirtschaftlichen Ekel-Reflextriggerzeichen (er kennt auch die ökonomisch effektiven, die sind dann wunderschön).

Lehrbeauftragte sind bei ihm die Unrettbaren

Das viel zu stark beachtete „Dogma“-Manifest von 1995 will das Peinlichkeitspotential aller Kunst per Ultra-Naturalismus zerstören; „Idioten“ (1998), Lars von Triers praktischer Beitrag zu diesem Unfug, ist zumindest nicht langweilig, aber doch ein Rückfall hinter seine bereits erfolgte Emanzipation vom faden Spiel „Für und wider die Poesie“. Diese Emanzipation war eigentlich bereits mit der sehr guten Fernseharbeit „Geister“ (1994) vollzogen. Aber keines seiner Ergebnisse hat für ihn lange Bestand; er benimmt sich wie einer, der beschlossen hat, dass die Kritik seiner älteren Kunst nirgendwo anders als in seiner je neuesten Kunst stattzufinden habe.

DSGVO Platzhalter

An Kritik von außen mag er nicht, dass sie nach Erziehung riecht. Die Lehrbeauftragten sind bei ihm die Unrettbaren: Kiefer Sutherland und seine astrophysikalischen Beruhigungsvorlesungen in „Melancholia“ (2011), Stellan Skarsgård und seine liberale Schlafzimmerdozentur in „Nymphomaniac“ (2013); auch die Nippesfigurenzerstörerin in „Dogville“ sagt dumm-frech, sie glaube an Erziehung. Statt auf Erziehung durch andere setzt Lars von Trier auf Reue von innen und sagt zugleich wahrheitsgemäß, dass es das auf der Welt praktisch nicht gibt.

Immerhin, seine besseren Filme bereuen tatkräftig seine bloß guten und seine schlechten Filme. Wie sagt man da? „Wer sich selbst kitzelt, kann lachen, wann er will.“ Dagegen gibt es zwei mögliche Einwände, einen indiskutablen und einen diskutierbaren. Der indiskutable wirft der Masturbation vor, dass sie Lust bereitet; das ist der Miesepeter-Einwand. Der diskutierbare nennt die Masturbation feige und asozial, weil sie mit ihrer Lust knausert. Seltsamerweise macht Lars von Trier der Kritik von außen, der er als empirische Person so gern kindisch die Zunge herausstreckt, im Werk selbst abwechslungsreichere und bessere Angebote, als das Treiben vordergründig menschenfreundlicherer Kolleginnen und Kollegen das kann, selbst bei sexualisierter Brutalität (am stärksten auch hier: „Dogville“) und brutalisierter Sexualität („Nymphomaniac“).

In „The House that Jack Built“ (2018) hat er dem unseriösesten Serienmörder aller Zeiten einige Züge auferlegt, die den als Selbstkarikatur markieren. Will er gefasst werden? Will er seine Ruhe und schreit trotzdem oder deshalb so schräg rum? Nicole Kidman, leise, in „Dogville“: „Do the kids first and make the mother watch. Tell her you’ll stop if she can hold back her tears.“ Und dann der entscheidende Satz, ein Ausatmen: „I owe her that.“ In unserer liebsten Selbstgerechtigkeit wollen wir Menschen ja gern, dass nicht nur die Folgen der Grausamkeit bestraft werden, sondern die Grausamkeit selbst ihre Strafe findet und erkennt. Wir wollen die Stätte unserer Erniedrigung verheeren, weil es sonst nichts nützt, sie zu verlassen. Die Kunst steht höher als dieser Wunsch: Sie besichtigt die Stätte und hält das aus. Heute wird Lars von Trier siebzig Jahre alt.



Source link

Ähnliche Beiträge