Literaturm 2026 | FAZ
Ein malerischer Ausblick zeichnete sich aus den oberen Etagen der Frankfurter Hochhäuser ab. LiteraTurm – das wohl höchste Literaturfestival der Stadt. Der Name hält, was er verspricht: Mal schwebt man in der 53. Etage direkt über dem Main und der Taunusanlage, mal winkt man aus der 26. dem Europaturm zu oder der Alten Oper oder verliert sich in fernen Taunushügeln. Die Aussicht könnte nicht besser sein; das Wetter hingegen schon. Es ist grau und verregnet, ungewöhnlich graupelig für diese Jahreszeit. Doch eigentlich ist es genau richtig, um vor diesem einmaligen Panorama ungestört zu lesen, um zuzuhören und sich inspirieren zu lassen, um sich auszutauschen und neue Perspektiven zu finden.
Aber auch um vermeintliche Gewissheiten zu hinterfragen. Genau das gelang den 25 Veranstaltungen mit dem herausragenden Programm in diesem Jahr nur zu gut. Unter dem Motto „OstWestText“ verhandelte die 13. Ausgabe von LiteraTurm, das vom 8.-14. Juni stattfand, die literarischen Spannungsverhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland. Ein Thema, das heute brisanter scheint denn je, schaut man Richtung Sachsen-Anhalt, wo Anfang September ein neuer Landtag gewählt wird und die AfD aktuell in den Umfragen vorne liegt. Ein Thema, das laut Frankfurts Literaturreferentin Sonja Vandenrath auch noch vierzig Jahre nach der Wende die Herzfrequenz des Landes hochtreibe. Das Logo des städtischen Literaturfests, ein menschliches Herz in schwarz-rot-gold, könnte passender nicht sein.
Vierzig Jahre nach dem Ende der DDR und die Schwerkraft sozialer Herkunft wiegt immer noch enorm. Was bleibt, wenn die Mutter stirbt? Was gibt sie weiter? „Man vererbt nicht nur Geld“, sagte Miriam Zeh direkt zu Beginn, als sie in die Lesung am zweiten Abend im Winx-Tower einstieg. Die Literaturredakteurin beim Deutschlandfunk Kultur führte als Moderatorin durch die Veranstaltung mit den Schriftstellerinnen Daniela Dröscher und Marlen Hobrack, die sich mit dem großen Thema Mutterschaft und familiärer Prägung auseinandersetzte.
So erzählt Dröschers autofiktionaler Roman „Lügen über meine Mutter“, der 2022 erschien, vom Aufwachsen Elas, deren eigenwillige Mutter übergewichtig ist. Das, was Ela erbe, sei, so Dröscher auf dem Podium, die Erzählungen über ihre Mutter. Mit dem Roman wollte sich die 1977 geborene Schriftstellerin weniger freischreiben als ihre Mutter für sich, „als eigenen Menschen verstehen“. „Im Verstehen liegt eine unglaubliche Befreiung“, sagte Dröscher und Hobrack nickte, der es mit ihrem Roman „Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt“ ähnlich ging.
Auch Hobracks Buch sei ein Versuch, die eigene Mutter zu verstehen. Die Tochter in der Geschichte erbt keine Erzählungen, sondern echte Dinge und davon viel zu viele. Hobracks Mutter war kaufsüchtig und hortete. Maßloser Konsum, eine Auseinandersetzung mit der Konsumgesellschaft, aber auch ein soziales Panorama der DDR-Frauen. Ihr Buch sei Verrat, sagte die 1986 geborene Autorin, weil sie eine Geschichte erzählte, die ihr nicht gehöre, die sie aber betreffe. Die Komplexitäten einer Mutter-Tochter-Beziehung prägten den durch und durch weiblichen Abend, der sich nicht nur durch das reine Frauen-Podium auszeichnete, sondern auch dadurch, dass im ausverkauften Publikum fast ausschließlich welche saßen.
Einen Abend später waren es hauptsächlich Babyboomer und Wendekinder, die zur ebenfalls ausverkauften Lesung von Schriftsteller Christoph Hein kamen. Als einer der Festival-Höhepunkte wurde der Veranstaltung entgegengefiebert, kann Hein mit seinen 82 Jahren wie ein kaum anderer noch lebender Chronist von der DDR und der Zeit danach erzählen. Auf dem Podium von Literaturm sagte er: „Als ich mich meinem achtzigsten Lebensjahr näherte, hatte ich das Gefühl, alles bis jetzt Erlebte einmal aufschreiben zu müssen.“ Was daraus entstand, war sein im Frühjahr 2025 erschienenes Geschichtspanorama „Das Narrenschiff“.
Wenn es um die Aufarbeitung von Geschichte geht und was Romanciers und Historiker bei ebensolcher voneinander unterscheidet, hat Hein eine klare Meinung: „Die Historiker sind nur für die Hinterlassenschaften der Geschichte zuständig. Die Romanciers müssen die Geschichte erzählen.“ Geschichte erzählen, das kann er, zweifelsohne. Dieser Meinung war auch das Publikum, das gebannt dem Zeitzeugen bei seiner Geschichtsstunde im Dekabank-Tower lauschte.
Im Gespräch mit Autorin und Spiegel-Kolumnistin Sabine Rennefanz sprach Hein über die langwierigen Irrtürmer, mit denen er in seinem Roman aufräumte und über Verschwiegenheiten zwischen Ost- und Westhistorikern. Er sprach natürlich über den 4. November 1989, den Tag, an dem er einer der bedeutendsten Reden auf der Alexanderplatz-Demo in Ost-Berlin hielt. Und er sprach darüber, wie kurz vor besagter Demo der Leiter des außenpolitischen Geheimdienstes, Markus Wolf, ihn in sein Berliner Haus einlud und sie gemeinsam fünf Kilo Beluga-Kaviar löffelten. Dann las er stimmungsvoll zwei Stellen aus seinem 750 Seiten umfassenden Roman vor, eine vom Anfang, die um 1945 spielte, die andere recht weit am Ende um 1990.
Ostdeutschland erzählen, das kann auch Schriftsteller Lukas Rietzschel. 1994 in Räckelwitz geboren ist Rietzschel kein Zeitzeuge wie Hein, wird aber gern als „Ost-Erklärbär“ bezeichnet, nicht zuletzt von Literaturreferentin Sonja Vandenrath zur Begrüßung des Abends. Eine Bezeichnung, die der Autor müde ist. Warum, versteht man, wenn man Rietzschel mit Podiumspartner Simon Strauß, Feuilletonredakteur dieser Zeitung, über ebensolche Identitätsbeschreibungen diskutieren hörte. Die Frage, ob sich Rietzschel nun als ostdeutschen, deutschen oder europäischen Autor wahrnehme, blieb an diesem Abend eine viel diskutierte.
Seit seinem gefeierten Romandebüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ aus 2018 gilt Rietzschel als Beobachter der ostdeutschen Gesellschaft. Kürzlich erschien von ihm „Sanditz“, was jetzt schon ein Bestseller ist. Es handelt von einer fiktiven Kleinstadt, in der Rietzschel der Familie Wenzel von der 1970er Jahren bis in die Corona-Pandemie folgt. „Ein Panorama von verschiedenen Biografien“, beschrieb es der Autor, der am liebsten „alle Geschichten erzählt“ hätte. Sein 480 Seiten langer Roman sei ursprünglich mal fast doppelt so lang gewesen, so Rietzschel.
Auch in Strauß‘ Reportage-Essay „In der Nähe“ geht es um Geschichten. Denn es seien schließlich die Geschichten, die „in Biografien weiterwirken“, sagte Strauß, der sich in für sein Sachbuch in den Ort seiner Kindheit, die brandenburgische Kreisstadt Prenzlau, begeben hat, um mit verschiedensten Menschen zu sprechen und zu untersuchen, wie Gemeinschaft gelingen kann.
Außer den Hochhäusern wurden auch traditionelle Literaturorte wie die Romanfabrik, das Literaturhaus oder das Haus am Dom bespielt. Im Letzteren fand Sonntagmittag die Abschlusslesung statt. Unter dem Titel „Brückenschlag über den Strom“ richtete die Matinee zu Tschechien ihren Blick nach Osten. Mit Iva Procházková und Marek Torčík saßen zwei Schriftsteller aus Frankfurts Partnerstadt Prag auf dem Podium. Der Lyriker Uwe Kolbe komplettierte das Podium. Eine Lesung, die Lust auf mehr machte und schon mal auf die Frankfurter Buchmesse im Oktober einstimmte, bei der im diesem Jahr Tschechien Ehrengast sein wird. Wie passend, dass es pünktlich zum Abschluss von Literaturm wieder aufklarte und die Sonne raus kam.
