Edin Dzeko auf Torejagd für Bosnien
Würde Edin Dzeko für eine fußballerisch erfolgreichere Nation spielen, wäre dies nicht erst sein zweiter Auftritt bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. Ganze zwölf Jahre, nachdem Bosnien-Herzegowina mit Dzeko in Brasilien in der Gruppenphase ausschied, steht der mittlerweile 40-jährige Stürmer mit Bosnien wieder auf der größten Bühne des Fußballs, diesmal in den USA, Mexiko und Kanada.
Obwohl Bosnien-Herzegowina seit der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1992 bisher nur einmal an einer Weltmeisterschaft teilgenommen hat und sich noch nie für eine Europameisterschaft qualifizieren konnte, hat Dzeko unglaubliche 148 Länderspiele bestritten – und dabei 73 Tore erzielt. Sein Debüt im Nationalteam gab er 2007 als 21-Jähriger.
Aufwachsen in einer belagerten Hauptstadt
Bosniens Unabhängigkeit hatte einen hohen Preis, da das Land in einen der Kriege verwickelt wurde, die auf den Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens folgten. Die Hauptstadt Sarajevo wurde besonders schwer getroffen und litt fast vier Jahre unter der Belagerung durch die jugoslawische Volksarmee und die neu gegründete bosnisch-serbische Armee, die die Berge rund um die Stadt kontrollierte. Zwischen 1992 und 1995 wurden allein in Sarajevo mehr als 10.000 Menschen, überwiegend Zivilisten, durch Granatenbeschuss und Scharfschützen getötet.
Dzeko war sechs Jahre alt, als der Krieg ausbrach. Während der Belagerung war das Herumkicken mit dem Ball auf den Straßen der immer stärker zerstörten Hauptstadt eine willkommene Ablenkung.
„Unser Haus wurde zerstört, also mussten wir bei meinen Großeltern einziehen. Die ganze Familie lebte dort unter einem Dach, vielleicht 15 Menschen, zusammengepfercht in einer 35 Quadratmeter großen Wohnung“, berichtete Dzeko 2011 der britischen Zeitung „The Mail“ von seinen Kriegserlebnissen.
„Es war ein ständiger Stress und eine ständige Sorge, dass etwas passieren oder die Nachricht kommen könnte, dass jemand, den wir kannten, getötet worden war. Ich war noch jung und habe oft vor Angst geweint. Jeden Tag hörte man Gewehrschüsse, und wir haben Freunde und sogar einige Familienmitglieder verloren.“
Von Sarajevo nach Wolfsburg und in die Welt
Seine fußballerische Entwicklung setzte Dzeko in der Jugendakademie eines der beiden großen Vereine der Stadt, dem FK Zeljeznicar Sarajewo, fort. Dort gab er 2003 sein Profidebüt in der höchsten Spielklasse Bosniens, doch dies sollte der Anfang vom Ende seiner Karriere in seiner Heimat sein. Sein Trainer, der Tscheche Jiri Plisek, überzeugte den tschechischen Erstligisten FK Teplice zwei Jahre später, Dzeko für angeblich 25.000 Euro zu verpflichten.
In Tschechien machte Dzeko den deutschen Trainer Felix Magath auf sich aufmerksam, der den jungen Bosnier im Sommer 2007 nach Wolfsburg holte – im selben Jahr, in dem dieser sein Debüt in der bosnischen A-Nationalmannschaft gab. In Wolfsburg entfaltete Dzeko sein volles Potenzial. Zusammen mit dem brasilianischen Stürmer Grafite bildete er das bis dato torgefährlichste Sturmduo in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. 2009 führten Dzeko und Grafite den Verein mit insgesamt 54 Treffern zu seinem bislang einzigen Meistertitel – dem Bosnier gelangen 26, dem Brasilianer 28 Tore.
Zu diesem Zeitpunkt war der bosnische „Diamant“, wie ihn ein Kommentator in seiner Heimat getauft hatte, bei Spitzenklubs in ganz Europa heiß begehrt. Später gewann er Titel mit Manchester City und Inter Mailand, durchlief erfolgreich Stationen bei der AS Rom und Fenerbahce Istanbul, bevor er in der vergangenen Saison mit der AC Florenz in die Serie A zurückkehrte. Bis dahin hatte er in 856 Spielen in allen Wettbewerben für seine verschiedenen Vereine 369 Tore erzielt.
Rückkehr nach Deutschland
Mit 39 Jahren, als er bei der Fiorentina kaum noch Einsatzzeit bekam, schien sich seine lange Karriere dem Ende zuzuneigen. Im vergangenen Dezember begann ein frustrierter Dzeko daher, sich nach einem neuen Verein umzusehen, bei dem er wieder regelmäßig zum Einsatz kommen würde.
Es traf sich, dass genau zu dieser Zeit Schalke 04 unter Trainer Miron Muslic, einem Österreicher mit bosnischen Wurzeln, in der 2. Liga mit allen Mitteln versuchte, endlich den Wiederaufstieg in die Fußball-Bundesliga zu schaffen.
Muslic konnte sein Glück kaum fassen, als er erfuhr, dass Dzeko bereit war, eine erhebliche Gehaltskürzung in Kauf zu nehmen und in der 2. Liga zu spielen. Tatsächlich war Dzeko so heiß darauf, wieder Fußball zu spielen, dass er Schalkes Angebot, ein privates Flugzeug zu schicken um ihn abzuholen, ablehnte – da er bereits einen Linienflug nach Deutschland gebucht hatte.
Nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Deutschland erzielte Dzeko als Einwechselspieler sein erstes von insgesamt sechs Toren und verhalf Schalke schließlich nur wenige Wochen nach seinem 40. Geburtstag zum Aufstieg.
„Ich habe in meiner Karriere schon einige Titel gewonnen. Aber noch nie habe ich einen so gefeiert wie hier bei Schalke“, wurde Dzeko anschließend auf der Vereinswebsite zitiert. „Ich habe vom ersten Tag an gesagt, dass Schalke in die Bundesliga gehört.“
„Ein paar perfekte Monate“
Die ganze Zeit über blieb Dzeko Kapitän der Nationalmannschaft, entschlossen, es noch einmal zur Weltmeisterschaft zu schaffen. Ein Vorhaben, das äußerst unwahrscheinlich erschien, als im April 2024 eine weitere bosnische Legende, Sergej Barbarez, das Traineramt bei den „Drachen“ übernahm.
Obwohl von Barbarez, der in den 1990er- und 2000er-Jahren selbst ein erfolgreicher Bundesliga-Stürmer war, nicht viel erwartet wurde, verstand er es, eine überwiegend junge bosnische Mannschaft zu Erfolgen zu inspirieren, wie man sie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatte. Krönung war der Überraschungssieg gegen Italien im Playoff um die Qualifikation für die WM 2026. Und Dzeko spielte dabei eine wichtige Rolle.
„Die Tatsache, dass ich mich mit der Nationalmannschaft von Bosnien und Herzegowina für die Weltmeisterschaft qualifiziert habe, hat die letzten Monate perfekt gemacht“, freute sich Dzeko über den zweiten großen Erfolg neben dem Schalker Aufstieg. Den Wechsel zum deutschen Traditionsklub sah er als Schlüssel an. „Ich habe absolut die richtige Entscheidung getroffen.“
Trifft er auch bei der WM, wo Bosnien in der Vorrunde gegen Kanada, Katar und die Schweiz spielt, wäre er hinter Roger Milla aus Kamerun der zweitälteste Torschütze der WM-Historie.
Dieser Artikel wurde aus dem englischen Original „World Cup 2026: Edin Dzeko still going strong for Bosnia“ adaptiert.
