Infantino weist auf WM-Pressekonferenz alle Kritik zurück

Kurz bevor FIFA-Präsident Gianni Infantino seine WM-Eröffnungspressekonferenz in Mexiko-Stadt beginnt, sind in den angrenzenden Straßen des Azteken-Stadions kleine uniformierte Reinigungsteams bei der Arbeit. Sie überpinseln unerwünschte Botschaften, entfernen kritische Plakate und sorgen dafür, dass die Häuserwände im unmittelbaren Umfeld der legendären Arena einen Tag vor dem Spiel von Co-Gastgeber Mexiko gegen Südafrika (Donnerstag, 21 Uhr MESZ) unproblematisch sind.
Im mexikanischen Kanal 88,1 wütet ein Hörer-Anrufer am Morgen gegen „das neoliberale Wirtschaftsmodell des Weltverbandes“. Er vermutet, dass Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum nur deshalb nicht beim Eröffnungsspiel persönlich anwesend sein werde, weil sie lieber an der Seite ihres Volkes bleibe. Sheinbaum hatte angekündigt, ihre Eintrittskarte für das Eröffnungsspiel einer indigenen Athletin zur Verfügung zu stellen. Gewonnen hat die Eintrittskarte mit der Nummer 00001 Yolett Cervantes Cuaquehua (21) aus Veracruz. Eine Jury befand, sie könne am besten mit dem Ball umgehen. „Sie sind der Stolz Mexikos. Sie werden nicht den Präsidenten oder den Regierungschef vertreten, sondern Mexiko“, sagte Sheinbaum auf einer Pressekonferenz vor wenigen Tagen, auf der sie Cervantes Cuaquehua die Nominierung überreichte.
„Ich bitte Sie, heute vielleicht nur über Fußball zu sprechen“
Laut mexikanischen Medienberichten wird die Präsidentin kein einziges Spiel der insgesamt 13 Partien auf dem Boden ihres Heimatlandes besuchen. Die linkspopulistische Präsidentin ist bekannt dafür, dass sie die Stimmung in ihrem Volk geradezu antizipieren kann. Auch Infantino scheint zu spüren, dass sich da etwas zusammenbraut im Land des Co-Gastgebers. Die teuren Tickets haben dem Durchschnittsmexikaner jede realistische Chance genommen, einen Platz im runderneuerten Stadion zu ergattern. Viele Menschen in Mexiko haben das Gefühl, nur Zaungäste einer Veranstaltung zu sein, die Infantino die inklusivste aller Zeiten und „das größte Event der Menschheit“ nennt. „Ich bitte Sie, heute vielleicht nur über Fußball zu sprechen“, sagt der FIFA-Präsident in Richtung der überfüllten Pressetribüne gleich zu Beginn, wohlwissend, dass es natürlich anders kommen wird.
Infantino geht in die Offensive und versucht der scharfen internationalen Kritik den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er verweist auf die sechs Millionen verkauften Karten und darauf, dass wir „jeden verdienten Dollar in den Fußball in die 211 Länder reinvestieren.“ Er nennt Länder wie Butan oder Sierra Leone als Beispiel für Nationen, wo das außer der FIFA ja sonst niemand tue. In der Tat hat das umstrittene dynamische Preissystem dem Schwarzmarkt einen spürbaren Schlag versetzt. Das Geld, dass die FIFA jetzt zusätzlich einnimmt, haben früher die Schwarzmarkthändler eingestrichen, die genau dieses System genutzt haben. Aber dadurch ist die WM letztendlich auch zu einer Art Privatklub für reiche Fußballfans geworden.
Infantino sieht sich zudem als Friedenstifter
Geradezu neidisch blickt er auf die positiven Schlagzeilen, die New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani einheimste, weil dieser 1000 Tickets zu 50 US-Dollar „für die New Yorker Arbeiterklasse“ kaufte. Auch Mamdani ist ein Linkspopulist, der genau spürt, was in den Medien und auf der Straße gut ankommt. Es ist nicht überliefert, dass Mandami der New Yorker Arbeiterklasse auch den Zugang zum gleichzeitig stattfindenden NBA-Finale zwischen den New Yorks Knicks und den San Antonio Spurs ermöglicht. Die billigste Karte kostete hier laut Medienberichten 4000 US-Dollar. Mandami selbst sicherte sich eine verbilligte Stehplatzkarte und nutzte dabei den Zugang zu Hauskarten, die normalen Fans nicht zur Verfügung stehen. Infantino rechnet trotzig vor: „Wir haben 130.000 Eintrittskarten zu 60 US-Dollar verkauft“. Und doch bekomme er die schlechten Schlagzeilen und Mandami werde gefeiert.
Infantino sieht sich zudem als Friedenstifter. Als der Irankrieg ausbrach, habe er versprochen, dass Iran in den USA spielen werde. „Und wenn ich sie mit dem Bus von Teheran hierhin hätte fahren müssen“. Solche geopolitischen Dinge würden aber nun mal nicht in der Macht der FIFA liegen, sondern der beteiligten Staaten. Der Weltverband sei nur für die Organisation der Weltmeisterschaft zuständig und nicht für hoheitliche Aufgaben des Staates wie die VISA-Vergabe oder die Einreisebestimmungen.
Womit das nächste brisante Thema aufschlug, die verweigerte Einreise für WM-Schiedsrichter Omar Artan aus Somalia. Der FIFA-Präsident rät dazu, dass es manchmal klüger sei, das Gegenteil zu tun, als laut zu schreien. Grundsätzlich gelte: „Wir versuchen alles um das Problem zu lösen. Aber wir sind eine Sportorganisation und nicht die Könige der Welt.“ Und trotzdem: Inzwischen wird Omar Artan in seiner Heimat gefeiert und Infantino muss sich rechtfertigen. Auch wenn er in diesem Punkt Recht hat, die USA mit ihrem strengen Einreiseverfahren behalten sich vor, wen sie am Ende tatsächlich ins Land lassen. Wenn die Grenzbehörden entscheiden, Omar Artan darf nicht einreisen und ihm nachsagen, er habe Verbindungen zu Menschen, die der Al-Shabab-Miliz nahe stünden in seiner Heimat, dann ist die FIFA machtlos. Das noch mal zu drehen, dürfte schwierig werden.
Ganz am Ende der Pressekonferenz wünschte Infantino den anwesenden Medienvertretern: „Genießen Sie den Weltcup“. Ob diese Mexikaner das wirklich tun werden, hängt auch davon ab, wie die Nationalmannschaft von Trainer Javier Aguirre abschneidet. Die verhaltene Stimmung im Co-Gastgeberland könnte ihre Eigendynamik entwickeln, wenn der sportliche Erfolg ausbleibt. Mexikos Präsidentin hat erst einmal entschieden, lieber nicht hinzugehen. Entsteht dann doch nach den ersten mexikanischen Siegen eine WM-Euphorie, wird sie Infantino sicher herzlich an ihrer Seite begrüßen. Derzeit gehen nämlich eine ganze Menge Politiker mit einem Sensor für Volkes Stimme auf Distanz zu Infantinos „größter Veranstaltung der Menschheit“. Und er sagt trotzig: „Ich bereue nichts.“
