Trauriger Legenden-Abschied: Arsenal weint vor Glück, Atletico schweigt lieber
Trauriger Legenden-AbschiedArsenal weint vor Glück, Atletico schweigt lieber
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20 Jahre des Wartens und Leidens sind beendet: Der FC Arsenal steht wieder im Finale der Champions League. Das Rückspiel gegen Atlético ist ein zähes Ringen. Die Spanier hadern mit dem deutschen Schiedsrichter.
In der Nachspielzeit hatte Schiedsrichter Daniel Siebert eine Menge zu tun. Weil Atléticos superemotionaler Trainer Diego Simeone zu dolle schimpfte, sah er Gelb. Nichts ungewöhnliches. Auch sein Pendant bei Arsenal London, Mikel Arteta, übertrieb es. Er sah ebenfalls Gelb. Die gleiche Karte gab’s noch für den Madrilenen Koke und den „Gunner“ Kepa. Sie rudelten im Rudel am wildesten. Dann gibt es noch einen letzten Einwurf, Abpfiff.
Der FC Arsenal ließ 20 Jahre des Leidens und Wartens hinter sich und steht erstmals seit 2006 wieder im Finale der Champions League. Auf den Tribünen weinten die Menschen, auf dem Rasen lagen sich die Spieler in den Armen und konnten nicht fassen, was ihnen gelungen war. „Ihr seht, was es uns bedeutet“, sagte Matchwinner Bukayo Saka bei Amazon Prime: „Es ist eine wunderschöne Geschichte – und ich hoffe, sie endet gut in Budapest.“ Dort geht es dann im Endspiel gegen den FC Bayern oder Paris St. Germain. Das entscheidet sich am Abend.
Der Weg nach Budapest war ein zäher. Es war nicht anders zu erwarten. Gegen Atlético zu spielen, ist selten ein Genuss. Angeleitet von Trainer Diego Simeone ist Madrid die vermutlich leidenschaftlichste Kampfmannschaft Europas. Der Weg zum Ziel, zum Sieg, führt über Zweikämpfe und Geduld. Während die Gäste ihr schnörkelloses Umschaltspiel aufblitzen ließen und vereinzelt für Offensivgefahr sorgten, biss sich Arsenal lange die Zähne an der berüchtigten Defensive der Rojiblancos aus. Doch die Geduld und die Beharrlichkeit zahlten sich aus. Saka staubte kurz vor der Pause ab. Es war der einzige Treffer des Abends. Aber nicht die letzte Szene, über die man an diesem Abend sprechen musste.
Atletico ist fassungslos
Zehn Minuten nach der Pause kam Antoine Griezmann im Strafraum der Londoner zu Fall. Er war von Riccardo Calafiori klar am Fuß getroffen worden. Ein nicht zu übersehender Tritt. Klarer Elfmeter. Eigentlich. Siebert sah die Dinge aber anders. Er hatte unmittelbar zuvor ein Foul von Marc Pubill beim Ballgewinn gegen den Brasilianer Gabriel gesehen. Der körperliche Einsatz des Spaniers war zumindest wuchtig. Atlético, diese Zweikampf-Truppe, war fassungslos. Biss sich aber nach dem Spiel wütend auf die Zähne. Anders als die spanischen Medien. Die Sportzeitung „AS“ klagte: „Erst Saka, dann der Schiedsrichter. Das Gespann entschied, nach einem Foul von Calafiori an Griezmann, einen klaren Elfmeter nicht zu geben.“
Simeone wollte seine Meinung nicht offen kundtun. Er machte lediglich deutlich, dass er den Vorfall für „völlig offensichtlich“ hielt. „Dazu gibt es nichts mehr zu sagen, wir sind raus. Glückwunsch an Arsenal, sie haben gut mitgehalten. Sie haben eine Mannschaft und einen Trainer, die mir gefallen.“ Atléticos Kapitän Koke wollte sich ebenfalls nicht groß äußern. „Ich werde nichts zum Schiedsrichter sagen, denn er hat sein Bestes gegeben. Er weiß, wie er das Spiel geleitet hat. Er hat sicherlich sein Bestes gegeben, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.“
Eine riesige Chance hatte Atletico zuvor liegengelassen. William Saliba hatte den Ball unfreiwillig zu Atléticos Giuliano Simeone verlängert, der Torwart David Raya umdribbelte, dann aber beim Abschluss aufs leere Tor unter dem Druck von Gabriel scheiterte (51.). Für Arsenal verpasste Viktor Gyökeres die mögliche Entscheidung (66.) – und eröffnete damit eine intensive Schlussphase. Die aber rettete die Gäste nicht mehr.
So rauscht Atlético von der großen Bühne. Und Klubikone Griezmann ebenfalls aus dem Rampenlicht. Er verlässt die Rojiblancos in diesem Sommer und wechselt in die MLS. Orlando City SC ist sein künftiger Arbeitgeber. Beim Abschied vor der Kurve kämpfte der 35-Jährige mit den Tränen. Er hatte den Traum von Henkelpott.
Chaos in der Arsenal-Kabine
Auf der anderen Seite tanzten die „Gunners“ völlig enthemmt im Regen. Das Emirates Stadium bebte, als die zwei quälend langen Jahrzehnte des Wartens endlich vorüber waren, und Teammanager Mikel Arteta fiel jedem um den Hals, der ihm in die Quere kam. In der Kabine herrsche „Chaos“, verriet Declan Rice bei Prime Video: „Man kann gar nicht hoch genug einschätzen, was wir in diesem Wettbewerb bisher geleistet haben. Wir haben jedes Recht, diesen Moment zu feiern.“ Rice sprach auch von einem „Wendepunkt“ in dieser Saison: „Wir hatten eine Phase, in der wir nicht unsere beste Leistung gebracht haben. Wir haben etwas nachlässig gespielt, aber wir haben wieder einen neuen Weg gefunden.“
Steht den Gunners, die im April noch einzubrechen drohten und zwei Titel verspielten, nun Ende Mai die größte Woche der Klubgeschichte bevor? Erst könnte sich Arsenal nach 22 Jahren wieder die Meisterschaft sichern, sechs Tage später dann erstmals den Henkelpott. Die „Sun“ schwärmte bereits von den Dingen, die womöglich bevorstehen: „Die Zweifel im Emirates-Stadion sind endgültig ausgeräumt, wie vom Erdboden verschluckt. Und nun, nach einer Nacht voller Entschlossenheit, die von defensiver Brillanz geprägt war, träumen sie vom ultimativen Double.“
