Einzelhandel hofft auf WM-Euphorie gegen die Konsumflaute
Das Konsumklima in Deutschland ist so schlecht wie seit Jahren nicht mehr. Handel und Gastronomie hoffen auf einen „WM-Effekt“. Doch selbst beim „Sommermärchen“ 2006 war der nicht sehr nachhaltig.
Wolfgang Blatt ist ein Mensch mit einem einnehmenden Wesen. Mit Mannheimer Zunge spricht er von einem „Gemeinschaftsgefühl“, das ein Fußballturnier wie die WM in der Gesellschaft auslöse. „Wenn die Stimmung steigt und die Euphorie, dann sind die Menschen lockerer, flockig“, sagt er. „Dann denkt man nicht so viel über die negative Welt nach. Und wenn der Mensch gut drauf ist, dann gönnt er sich auch was.“
In seinem Fall heißt das: Spielzeug kaufen. Denn Blatt besitzt einen Spielzeugladen mitten in der Mannheimer Innenstadt. Auf die WM setzt er große Hoffnungen, sein Schaufenster ist voll mit Bällen, Fußballbüchern und Fanartikeln der deutschen Nationalmannschaft.
Seit 1970 hat er selbst jede WM verfolgt – kein Wunder, dass seine Sprachbilder vom Fußball geprägt sind, selbst wenn er über den deutschen Einzelhandel spricht. „Wir müssen raus aus der Depression. Wir müssen vorwärts, genau wie so ein Mittelstürmer: Zack, Tor! So wünsche ich mir die deutsche Handelslandschaft.“
Der Handel hofft auf ein neues Sommermärchen
Um im Fußballbild zu bleiben: Dieser Tage erinnert die deutsche Handelslandschaft eher an eine Mannschaft, die in der Vorrunde ausscheidet als an einen Titelverteidiger – trist, grau, am Boden zerstört. Laut Deutschem Handelsverband (HDE) ist die Konsumlaune im Land so schlecht wie zuletzt im Februar 2023. Kein Wunder also, dass der Einzelhandel in die WM große Hoffnungen setzt.
„Eine WM ist immer geeignet, eine gute Stimmung, viel Motivation in die Gesellschaft zu bringen. Je weiter die Nationalmannschaft kommt, desto besser. Und wir hoffen alle im Handel, dass wir eine Art Sommermärchen im Jahr 2026 erleben“, sagt Alexander von Preen, Präsident des HDE und gleichzeitig Vorstandschef der Sportfachhandelgruppe Intersport.
Die hat wenige Meter von Blatts Spielzeugladen entfernt einen von sechs sogenannten Flagship Stores in Deutschland. Dort geb es alle Trikots von allen 48 WM-Teams, verspricht Intersport. Laut Marketingabteilung ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland.
Ob das Unternehmen wirklich viele Trikots von Curaçao, Jordanien oder Haiti verkauft, sei dahingestellt – dass eine große Verkaufsfläche dennoch bereitgestellt wird, zeigt den Stellenwert der WM. Und die in sie projizierten Hoffnungen.
Späte Anstoßzeiten schwächen den Gastro-Effekt
Kurzfristig gebe es auf jeden Fall Effekte, sagt der Einzelhandelsforscher Carsten Kortum von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn. „Eine Weltmeisterschaft über fünf Wochen sorgt natürlich für neue Konsumanlässe“, sagt er. Das gehe von den Trikots über Fernseher bis hin zu Besuchen von Gastronomie und Einkäufen im Supermarkt. Doch gerade bei letzteren beiden zeige sich auch sehr schön, dass nicht jede Branche gleich stark profitiere.
Im Biergarten Schwabengarten in Leinfelden-Echterdingen bei Stuttgart zeigen sie normalerweise alle Spiele bei Großturnieren. Diesmal wird es wegen der späten Anstoßzeiten etwas anders. „Wir zeigen alle Deutschlandspiele. Und ansonsten die Spiele, die innerhalb unserer Öffnungszeiten sind“, sagt Gesellschafter Nico Tratz. Und auch dann immer mit Maß und Rücksicht auf die Nachbarn.
Auch wenn es für die Gastronomie eine Ausnahmeregelung durch den Bund gibt und vom Ordnungsamt das Signal, zu späterer Stunde auch mal beide Augen zuzudrücken – „kleinere“ Spiele zeigen sie hier nur in einer Hütte und nicht auf Großbildleinwand.
Ganz anders die Supermärkte. Ezlam Haffar arbeitet im Mini-Supermarkt seines Schwiegervaters in Mannheim. Er zeigt, wie sie sich hier eingedeckt haben: mit Nüssen, Chips, Süßigkeiten. „Damit die Leute sich vorbereiten können, wenn sie die WM-Spiele daheim gucken“, sagt er. Die Hoffnungen des Lebensmitteleinzelhandels sind berechtigt: 85 Prozent der Deutschen wollen die Spiele auf der Couch anschauen, zeigt der aktuelle „Konsumentenreport“ der Initiative Digitale Handelskommunikation (IDH).
Volkswirt: „König Fußball“ reicht nicht gegen Wirtschaftskrise
Doch eines dürfe man nicht glauben, sagt Volkswirt Carsten Brzeski: dass eine mögliche WM-Euphorie plötzlich die wirtschaftlichen Probleme eines ganzen Landes lösen könne. Selbst 2006, beim „Sommermärchen“ im eigenen Land, habe es nur leichte Effekte für die Wirtschaft gegeben – und selbst die seien relativ schnell verpufft. „Darauf zu setzen, dass König Fußball den großen Stimmungswandel bringt in Deutschland und wir auf einmal wieder stark wachsen, wäre naiv“, sagt Brzeski. „Wir brauchen stattdessen endlich Wirtschaftsreformen.“
Spielwarenladenbesitzer Blatt in Mannheim hofft trotzdem auf ein gutes Abschneiden der deutschen Mannschaft, um wenigstens kurzfristige Euphorie-Effekte mitnehmen zu können.
Im Falle eines deutschen Titelgewinns macht die Forschung sogar ebenfalls ein kleines bisschen Hoffnung: Wie beim Gastgeber gibt es auch beim Gewinner der WM oftmals messbare positive Effekte auf die Gesamtwirtschaft – wenn eben auch immer nur kurz.
Das bestätigt auch das ifo-Institut: „Die Forschung zeigt, dass Weltmeister-Länder tatsächlich einen realen Wachstumsschub verzeichnen“, sagte Ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe. „Ab Platz zwei bleibt es bei der Begeisterung – und die verfliegt schnell wieder.“

