Volles Risiko für Titel-Traum bei WM 2026
Bei strahlendem Sonnenschein und schwül-warmen Temperaturen ist das DFB-Team in seinem WM-Basislager in Winston-Salem angekommen. In der für amerikanische Verhältnisse kleinen Stadt im US-Bundesstaat North Carolina leben rund 250.000 Menschen – und für die kommenden Wochen nun auch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft rund um Bundestrainer Julian Nagelsmann.
„Wir finden hier tolle Bedingungen vor, sowohl auf dem Platz als auch außerhalb des grünen Rasens“, sagte der 38-Jährige. Die Herberge solle „ein Ort des Rückzugs“ werden. „Wenn du dich wohlfühlst und gut vorbereiten kannst, dann ist die Wahrscheinlichkeit für gute Spiele höher. Und wenn du gute Spiele ablieferst, dann ist auch die Wahrscheinlichkeit für Erfolg höher“, so Nagelsmann.
Unter besten Bedingungen wohnt und trainiert die Mannschaft auf dem Gelände der Wake Forest University und versucht sich bis zum Start der Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada in Top-Form zu bringen. Eine solche Weltmeisterschaft sei eine Herkulesaufgabe, sagte DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig im Interview mit der Deutschen Welle (DW).
„Wir sind knapp zwei Jahre in der Vorbereitung. Unsere Reiseexperten waren sehr oft vor Ort [in den USA, Anm.d.Red.], um es hinzubekommen, dass das Quartier und alle organisatorischen Dinge keine Ausrede für sportlichen Misserfolg sein können.“
Es wird erzählt, dass es im Team-Hotel, dem „Graylyn Estate“, spuken soll. Angeblich steckt der Geist von Nathalie Gray dahinter, deren Ehemann das Anwesen in den 1920er-Jahren im neo-normannischen, burgähnlichen Stil für seine Frau erbauen ließ. Ein Hindernis für sportliche Erfolge soll das aber nicht sein.
Julian Nagelsmann: „Ich bin sehr zufrieden“
Nach zwei desaströsen WM-Auftritten in Russland 2018 und Katar 2022, wo Deutschland jeweils bereits nach der Gruppenphase aus den Turnieren ausgeschieden war, steht die DFB-Elf unter Druck.
Die WM-Generalprobe gegen Co-Gastgeber USA in Chicago hatte die Nationalmannschaft am vergangenen Samstag mit einer soliden Leistung 2:1 gewinnen können – und so für positive Stimmung bei den Verantwortlichen gesorgt.
Vor allem nach der der schweren Verletzung von Hoffnungsträger Lennart Karl und seinem WM-Aus, konnten Nagelsmann und seine Mannschaft den Blick wieder nach vorne richten.
„Es war wichtig, dass wir gewonnen haben. Neun Siege in Folge sind gut für das Selbstvertrauen“, sagte Nagelsmann. „Ich bin insgesamt sehr zufrieden.“
Wird Manuel Neuers Wade zum Problem?
Dennoch sieht auch der Bundestrainer die Entwicklung seiner Mannschaft noch lange nicht am Ende, denn die Reisestrapazen, die hohen Temperaturen und der etwas andere Rasen hatten den Spielern bei ihrem ersten Auftritt in den USA noch zu schaffen gemacht.
Zudem musste Rückkehrer Manuel Neuer erneut pausieren – seine Wadenverletzung ist noch nicht komplett auskuriert und der DFB wollte dem 40-Jährigen ausreichend Zeit für die Genesung geben.
Es gäbe aber keinen Anlass zur Beunruhigung, versicherte Sportdirektor Rudi Völler. „Wir reden hier über Manuel Neuer! Er ist ein Weltklasse-Torwart, der in seiner Karriere bereits alles erlebt und genug Erfahrung hat“, so Völler und bekräftigte: „Um Manuel müssen wir uns alle keine Sorgen machen. Zumal wir auch noch Oliver Baumann haben.“ Bei Trainingsauftakt im Base-Camp war der Weltmeister aber dann schon wieder dabei.
Nagelsmann hatte Neuer zurück aus der Nationalmannschafts-Rente geholt und den eigentlich gesetzten Oliver Baumann damit wieder zur Nummer zwei im deutschen Tor gemacht.
„Anfangs war es natürlich hart. Das war nicht ganz cool von meinem Gefühl her“, sagte der Hoffenheimer Torhüter beim TV-Sender RTL. „Aber mir war sofort klar, dass ich fürs Team da sein werde. Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, nicht herzukommen. Ich möchte der Mannschaft helfen, meinen Beitrag leisten.“
Neubesetzung im defensiven Mittelfeld
Grundsätzlich scheint Deutschland auf einem guten Weg zu sein. Denn auch die Defensive um Abwehrchef Jonathan Tah – lange Zeit die Problemzone des Teams – zeigte sich beim Duell mit dem Co-Gastgeber weitestgehend sicher.
Zwar waren immer noch einige Abstimmungsprobleme zu erkennen, doch die Entwicklung geht in eine gute Richtung. „Die Basis ist da und die ist gut“, analysierte Baumann. Trotzdem müsse an den Feinheiten noch gearbeitet werden.
Im defensiven Mittelfeld scheint sich Nagelsmann auf Aleksandar Pavlovic und Felix Nmecha festgelegt zu haben. Vor allem der Dortmunder Nmecha bekam vom Bundestrainer das Prädikat „Weltklasse“ verliehen.
„Felix ist ein Topspieler, der alles mitbringt, eines Tages auf dieser Position einer der Besten auf der Welt zu werden“, sagte Nagelsmann – den Beleg für seine Weltklasse muss der Mittelfeldmann allerdings noch liefern.
Nagelsmann: „Jamal braucht noch ein bisschen Zeit“
Die größten Hoffnungen der deutschen Fans und der Verantwortlichen liegen jedoch auf dem kreativen Herzstück der deutschen Mannschaft: Jamal Musiala und Florian Wirtz. Die beiden Offensivspieler haben bisher noch nicht zu ihrer Top-Form gefunden.
Vor allem Musiala ist nach seinem Wadenbeinbruch im Sommer 2025 noch nicht wieder richtig fit. „Jamal kommt immer besser in Tritt. Er braucht aber noch ein bisschen Zeit“, sagte Nagelsmann. „Er hat noch eine Woche, dann ist er bei 100 Prozent. Da mache ich mir keine großen Sorgen.“
Wirtz, der in Liverpool eine durchwachsene Saison hinter sich hat, will bei seiner ersten WM-Endrunde zum Führungsspieler werden. „Ich glaube schon, dass sich meine Rolle verändert hat. Das Team ist ein bisschen jünger geworden, ein paar ältere Spieler sind nicht mehr da“, sagte Offensivallrounder.
„Dann braucht es neue Spieler, die voran gehen wollen und die Verantwortung übernehmen. Das traue ich mir zu, um der Mannschaft den größtmöglichen Erfolg zu bringen.“
Florian Wirtz hofft auf „schönen Sommer“
Trotz einiger Unsicherheiten, was die Leistungsfähigkeit des DFB-Teams angeht, die Einstellung und die Mentalität der Mannschaft von Nagelsmann stimmen. Dennoch wächst der Druck, denn seit dem Weltmeister-Titel 2014 und der Europameisterschaft 2016 (Halbfinal-Aus) hat Deutschland bei einem großen Turnier nicht mehr richtig überzeugen können.
„Wir sind Freunde davon, etwas zu riskieren, etwas zu probieren und auf Fehler des Gegners zu lauern. Wir wollen selber etwas probieren und auch mit dem nötigen Mut und Selbstvertrauen an die Sache heranzugehen“, gibt sich Nagelsmann mutig und zuversichtlich.
Der Traum von einer erfolgreichen WM ist da und wenn alle Spieler rechtzeitig fit werden, ist ein gutes Abschneiden der DFB-Elf durchaus möglich, denn vor allem die junge Generation macht Hoffnung:
„Als kleiner Junge war es immer mein größter Traum einmal bei der Nationalmannschaft zu spielen und dann auch eine WM zu spielen“, freute sich Wirtz. „Jetzt versuche ich es einfach zu genießen und auch den Menschen in Deutschland hoffentlich einen schönen Sommer zu bereiten.“
