Wie Nathaniel Brown zur Überraschung des DFB-Teams wurde


Nathaniel Brown ist zwar kein Dortmunder, und er spielte auch nie für den BVB, das Motto der Vereinslegende Adi Preißler passt trotzdem gut zum 22-jährigen Fußballer: „Grau is’ im Leben alle Theorie – entscheidend is’ auf’m Platz!“ Denn auch Brown ist kein Freund der großen Worte, sondern einer der Taten.

Als der deutsche Nationalspieler vor wenigen Tagen in einem Hotel in Chicago auf seine mutmaßliche Einigung mit dem FC Bayern angesprochen wurde, wiegelte er mit wenigen Worten ab: „Ich konzentriere mich voll und ganz auf die WM. Deswegen werde ich das heute auch nicht kommentieren.“ Zugegeben, diese Aussage ist nicht wirklich verwunderlich angesichts der Tatsache, dass er noch bis 2030 bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag steht.

Manchmal glaube ich, er weiß noch nicht genau, wie gut er eigentlich ist. Das macht ihn sympathisch, er ist sehr demütig und sehr wissbegierig.

Bundestrainer Julian Nagelsmann über Nathaniel Brown

Doch auch Fragen nach möglichem Druck aufgrund seiner ersten WM-Teilnahme oder dem Konkurrenzkampf mit dem deutlich erfahreneren David Raum auf der Position des Linksverteidigers begegnete Brown mit erstaunlich großer Gelassenheit. „Mir ist egal, ob ich spiele oder nicht. Natürlich will ich spielen, aber wir haben ein großes Ziel“, sagte Brown. „Da müssen wir die Egos oder die eigenen Ansprüche hinten anstellen.“

Worte, die Julian Nagelsmann gefallen dürften. Das gilt allerdings auch andersherum, schließlich war der Bundestrainer in den vergangenen Tagen und Wochen voll des Lobes über Brown. „Manchmal glaube ich, er weiß noch nicht genau, wie gut er eigentlich ist. Das macht ihn sympathisch, er ist sehr demütig und sehr wissbegierig“, sagte Nagelsmann am Samstag nach dem 2:1-Sieg über die USA im finalen Testspiel vor der WM.

Vor drei Jahren spielte Brown noch in der Zweiten Liga

Dass mal der aktuell wichtigste Trainer im deutschen Fußball so über Nathaniel Brown sprechen würde, war nicht unbedingt abzusehen. Immerhin spielte er vor zwei Jahren noch beim 1. FC Nürnberg in der Zweiten Liga. Einzig Markus Krösche, Sportvorstand Frankfurts, schien das Potenzial früh erkannt zu haben und verpflichtete den jungen Verteidiger bereits im Januar 2024. „Nene wird der nächste Linksverteidiger der Nationalmannschaft“, sagte Krösche damals mutig und sollte recht behalten.

Der Grund für Browns rasanten Aufstieg ist die abgelaufene Saison mit der Eintracht. Trotz der für den Klub schwierigen Spielzeit überzeugte er – sowohl auf der linken als auch auf der rechten Seite. „Er hatte immer ein konstantes Niveau. Das ist in seinem Alter mit der Situation im Klub beachtlich“, sagte Nagelsmann.

Als Linksfuß kommt ihm die linke Außenbahn naturgemäß mehr zugute. Unter Vereinstrainer Albert Riera lief er aber auch mal rechts auf und stellte dabei seine große Flexibilität unter Beweis. Brown ist ohnehin kein typischer Außenverteidiger wie etwa Raum, der die Linie rauf und runterläuft und eine Flanke nach der anderen schlägt. Er hat auch großes Potenzial im Aufbauspiel, das er in Frankfurt bereits abgerufen hat.

Der 22-Jährige gilt zudem als technisch hochveranlagt, ist mit einer Menge Spielwitz ausgestattet und wurde von DFB-Kapitän Joshua Kimmich als sehr intelligent, flexibel und dynamisch beschrieben. Nicht zuletzt überzeugt Brown mit seiner hohen Geschwindigkeit. Er gilt als schnellster Spieler im Kader Deutschlands. Sein bislang größtes Manko, den Defensivzweikampf, hat er ebenfalls deutlich verbessert. Gegen die physisch starken US-Amerikaner gewann der eher schmächtige Spieler sieben seiner neun Zweikämpfe am Boden.

Besonders im defensiven Zweikampf hat sich Brown enorm weiterentwickelt.

© IMAGO/Sports Press Photo/IMAGO/Shaina Benhiyoun/SPP

All diese Fähigkeiten haben Begehrlichkeiten mehrerer internationaler Topklubs geweckt und ihm nicht zuletzt die Nominierung für das Turnier in den USA, Mexiko und Kanada beschert. Nach den beiden starken Leistungen in den Testspielen gegen Finnland und die USA könnte er sich zudem anstelle von Raum in die Stammformation gespielt haben.

Auch weil er mit Florian Wirtz auf der linken Seite schon gut harmoniert hat und perfekt in die taktische Ausrichtung Nagelsmanns passt. Geht es gegen tiefstehende Gegner – wie das gegen Curacao, die Elfenbeinküste und Ecuador in der Gruppenphase wohl der Fall sein wird –, möchte der Bundestrainer mit ihm als Aufbauspieler im halblinken Mittelfeld agieren. Eine etwas riskante Herangehensweise, die mit Brown als konterresistentem Spieler aber gut möglich ist.

Ein weiterer Punkt, der für Brown spricht, ist seine Unbekümmertheit. Er lässt sich von kaum etwas oder jemandem beirren. So stellte er selbst internationale Topstars wie Lamine Yamal oder Michael Olise vor Probleme. „Wir sollen keinen Druck spüren und einfach frei aufspielen. Das Wichtigste im Fußball ist der Spaß – und wenn der da ist, läuft alles besser“, sagte Brown selbst.

Bei dieser WM kann er nun zeigen, wie weit ihn das noch trägt. Das Turnier könnte für ihn das sein, was die abgelaufene Saison bei der Eintracht war: ein weiterer Schritt nach oben. Und nach allem, was man bislang über ihn weiß, wird er sich dabei von niemandem aufhalten lassen.



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