Wim Wenders zieht Film „Falsche Bewegung“ vorerst zurück
Nach der heftigen Debatte um eine explizite Filmszene hat der renommierte deutsche Regisseur Wim Wenders seinen Film „Falsche Bewegung“ aus dem Jahr 1975 bis auf Weiteres zurückgezogen. Jahrelang schon hatte Nastassja Kinski Wenders darum gebeten, die Szene, in der die damals 13-Jährige fast nackt zu sehen ist, aus dem Film zu schneiden. In einer Mitteilung bat Wenders nun um Entschuldigung. „Als einziger der damals für ‚Falsche Bewegung‘ handelnden Verantwortlichen, der noch da ist, sehe ich, dass Nastassja Kinski damals hätte besser beschützt werden müssen. Dafür bitte ich Dich um Entschuldigung, Nastassja, ohne Wenn und Aber.“
In der kurzen Szene, die Wenders nach eigenen Angaben heute niemals mehr so drehen würde, besucht ihr Filmpartner Rüdiger Vogler, damals über 30 Jahre alt, das Mädchen in ihrem Schlafzimmer. Sie liegt auf dem Bett und trägt nur einen Slip. Der Mann zieht sich bis auf seine Unterwäsche aus und legt sich auf sie. „Obwohl ich mit 13 noch nicht so viel wusste, habe ich schon gemerkt, dass das nicht in Ordnung war“, sagte Kinski kürzlich der Süddeutschen Zeitung.
Das sieht mittlerweile auch Wim Wenders so. „Die vielen Reaktionen, Hinweise und Gespräche der vergangenen Tage haben wesentlich dazu beigetragen, meinen Blick auf die damaligen Ereignisse weiter zu schärfen. Dafür bin ich dankbar“, schreibt Wenders in seiner Erklärung. Es sei nötig, dass unsere Gesellschaft angemessene Umgangsweisen für strittige Filmwerke des 20. Jahrhunderts finde und sich neuen Lernprozessen und Perspektiven stelle.
In dieser wichtigen Debatte würde er einen breiten Austausch suchen. „Erst danach, auch wenn es länger dauern sollte, und nachdem wir eine einvernehmliche Lösung, auch in Absprache mit Nastassja Kinski, haben vorlegen können, werden wir den Film wieder freigeben.“
Öffentliche Debatte
Mit seiner Dankesrede zum Ehrenpreis für das Lebenswerk beim Deutschen Filmpreis am 29. Mai in Berlin machte Wenders aus der Kontroverse um die Szene eine grundsätzliche öffentliche Debatte. Für ihn werfe der Fall eine größere Frage auf: Wie soll man mit Filmen umgehen, die in einer anderen Zeit entstanden sind?
„Der junge Mann, 29-jährig, von vor 50 Jahren, dem kann ich keinen Vorwurf machen. Er hat einen Film in seiner Zeit gemacht, er wollte irgendwie den Zeitgeist treffen.“ sagte Wenders über sich selbst. Später arbeitete er mit Kinski erneut zusammen, unter anderem für den gefeierten Film „Paris, Texas“ (1984) und bei „In weiter Ferne, so nah!“ (1993).
Es sei ihm klar, erklärte Wenders, dass diese Szene einer Schauspielerin, die er sehr verehrt habe und immer noch verehre, wehtue. Dennoch zögere er, den Film nachträglich zu verändern, sagte er bei der Preisverleihung. Nun hat er – auch auf großen öffentlichen Druck hin – die Konsequenz aus der Debatte gezogen. Vorerst wird der Film nicht mehr gezeigt und von allen Streamingplattformen heruntergenommen.
Sollten Filme nachträglich überarbeitet werden?
Tatsächlich wurden schon zahlreiche Filme nach ihrer Veröffentlichung verändert – sei es, um sie für den Kinoeinsatz zu kürzen, für bestimmte Märkte anzupassen oder weil Regisseure später der Ansicht waren, eine andere Fassung sei besser.
In seiner Rede verwies Wenders auf Steven Spielberg, der es später bereute, seinen Science-Fiction-Hit „E.T.“ (1982) für die Neuauflage zum 20. Jubiläum verändert zu haben. In der überarbeiteten Version hielten Bundesbeamte statt Waffen plötzlich Funkgeräte in den Händen.
„Das war ein Fehler“, sagte Spielberg 2023 bei einer Veranstaltung des US-Magazins Time. „Ich hätte das nie tun sollen. ‚E.T.‘ ist ein Produkt seiner Zeit. Kein Film sollte aufgrund der Sichtweisen verändert werden, durch die wir heute freiwillig oder unfreiwillig auf die Welt blicken.“ Filme seien ein Wegweiser dafür, wo wir standen, als wir sie gemacht haben, und wie die Welt damals aussah.
Von „Aladdin“ (1992) bis „Lilo & Stitch“ (2002) wurden zahlreiche Disney-Klassiker für Neuauflagen oder für die Streamingplattform Disney+ bearbeitet, um sie an die Befindlichkeiten eines heutigen Publikums anzupassen.
Auch bekannte Autorenfilmer haben ihre Werke nachträglich verändert. Ridley Scott veröffentlichte 2007 eine neue Schnittfassung seines Science-Fiction-Klassikers „Blade Runner“ (1982). George Lucas überarbeitete die ursprüngliche Star Wars-Trilogie zum 20. Jubiläum. Und nur eine Woche nach dem Kinostart von „The Shining“ (1980) ließ Stanley Kubrick eine Szene entfernen, die Kritiker als verwirrend empfunden hatten.
Letztlich sind diese Fälle aber nicht mit der Debatte um Wenders‘ „Falsche Bewegung“ vergleichbar. Denn die Änderungen an den genannten Filmen erfolgten nicht auf Wunsch einer Schauspielerin, die bis heute unter der Existenz einer sexuell anstößigen Szene leidet, die gedreht wurde, als sie minderjährig war.
Kinder- und Jugendschutz am Set
Es gibt anhaltende Diskussionen über ältere Filme, in denen Kinder in expliziten Szenen zu sehen sind. In Louis Malles „Pretty Baby“ (1978) spielte die damals 12-jährige Brooke Shields eine minderjährige Prostituierte und tritt darin auch nackt auf. Zwei Jahre später spielte Shields die Hauptrolle in „Die blaue Lagune“. Mit 14 agierte sie neben dem 18-jährigen Christopher Atkins, beide hatten Nacktszenen und waren intim miteinander. Shields erinnert sich, dass sie sich am Set unwohl und „bedrängt“ fühlte.
Olivia Hussey und Leonard Whiting waren 15 und 16, als sie in Franco Zeffirellis „Romeo und Julia“ (1968) auftraten. Sie reichten wegen einer Nacktszene in dem Film eine Klage über 500 Millionen Dollar gegen Paramount Pictures ein. Obwohl ein Gericht ihre Klage im Oktober 2024 endgültig abwies, haben solche Streitfälle dazu geführt, dass sich der Umgang der Unterhaltungsbranche mit Kindern und Jugendlichen grundlegend verändert hat.
Heute gelten bei Produktionen mit minderjährigen Darstellerinnen und Darstellern strenge Schutzvorgaben. Erziehungsberechtigte müssen am Set anwesend sein, die ausdrückliche Zustimmung der Eltern wird eingeholt, und speziell ausgebildete Intimacy Coordinators (Koordinatoren für Intimszenen) begleiten sensible Szenen.
Übersetzung aus dem Englischen: Silke Wünsch (mit dpa)
