Wie Afrikas Jugend die Demokratie retten will
„Wir sind nicht nur die Zukunft, wir sind jetzt“, sagt ein junger Mann namens Clinton in einer Straße in Lusaka, Sambia. „Aber hören sie uns zu?“
„Es gibt kein Kamerun mehr“, sagt Jean David Blot in Douala. Er gehört zur Graswurzelbewegung „The Okwelians“. „Wir müssen alles neu aufbauen. Alles.“
„Wenn du dich auf ein Amt bewerben willst, ist das toll“, sagt die Studentin Mbayo Akiri in Dar-es-Salam, Tansania. „Aber es gibt gewisse Systeme, die dafür sorgen, dass gewisse Typen von Menschen nicht über einen gewissen Punkt hinauskommen.“
Sie zeigen einen Trend, der in allen Teilen Afrikas spürbar ist: Eine junge Generation, motiviert und voller Ideen, will entscheiden, Veränderung schaffen – und stößt sich an den Grenzen eines Systems, das von einer kleinen, oft alten Elite aufrechterhalten wird. Die Möglichkeiten scheinen begrenzt. Demokratische Beteiligung – eine Sackgasse? Oder gibt es neue Wege? Diese Fragen stellt die DW in einer Miniserie mit Beiträgen aus fünf afrikanischen Ländern.
Wenn Wählen Gehen nicht mehr hilft
Afrika ist ein junger Kontinent. Laut der Datenplattform worldometers.info liegt der Median aktuell bei 19,5 Jahren – das heißt, gut die Hälfte aller Menschen, die in Afrika leben, sind jünger als zwanzig Jahre. 2023 waren von rund 1,5 Milliarden Afrikanerinnen und Afrikanern mehr als 870 Millionen unter 25 – nur 53 Millionen waren 65 oder älter.
Wie diese jungen Menschen zur Demokratie stehen, haben die Forscher Christine Hackenesch und Godfred Bonnah Nkansah in einer Metastudie für das interdisziplinäre Projekt „Megatrends Afrika“ untersucht; ein Forschungsprojekt deutscher Institute, das mit Bundesmitteln gefördert wird. Aus Umfragedaten der Plattform „Afrobarometer“ über mehrere Jahre konnten sie einen Trend erkennen: Junge Menschen in Afrika zieht es seltener zu den Wahlurnen.
„Junge Menschen sind desillusioniert von ihren Regierungen“, sagt Bonnah Nkansah der DW. „Sie haben das Gefühl, dass es nicht viel ändern würde, ob sie wählen gehen oder nicht.“ Die Glaubwürdigkeit von Wahlen und Wahlbetrug seien in der Wahrnehmung der jungen Menschen ein großes Problem: „Es gibt Regierungsparteien, die Verfassungen umgehen, um doch an der Macht zu bleiben.“
Doch damit würden sie sich nicht begnügen, so der Forscher vom ghanaischen Kofi Annan International Peacekeeping Training Centre: „Die Daten zeigen, dass junge Menschen zunehmend alternative Wege der politischen Einflussnahme erforschen – etwa durch Protest.“ Dieser Protest finde auf den Straßen von Afrikas großen Städten statt – und im virtuellen Raum, wo Menschen sich in Sozialen Netzwerken organisieren.
Kyle Findlay hat sich diesem Thema von einer anderen Richtung genähert. Als Mitgründer der Digitalberatungsfirma Murmur Intelligence wertet der Südafrikaner Aktivitäten in Sozialen Netzwerken aus – etwa im Kontext von Wahlen. Ein Ergebnis, das er aus zahlreichen Analysen zieht: „Menschen in Afrika setzen nicht mehr so stark auf die Demokratie wie früher. Natürlich gibt es Unterschiede je nach Land, aber die Wahrnehmung ist, dass Demokratie in Afrika nicht durchgängig die gewünschten Ergebnisse erzielt hat.“ Wenn Demokratien keine besseren Lebensbedingungen für die Menschen schaffen, wenn sie freie Meinungsäußerung unterdrücken, steigt der Frust – und der Wunsch nach Veränderung.
Der Wunsch nach Veränderung und die Flucht ins Digitale
So in Tansania. Als die Regierung von Präsidentin Samia Suluhu Hassan zunehmend hart gegen gesellschaftliche Öffnung durchgriff, gingen viele Menschen auf die Straße. Für die Studentin Mbayo Akiri zeigt sich hier ein deutlicher Bruch mit tansanischer Kultur: „Wir sind erzogen worden in dieser Idee, Autorität nicht zu hinterfragen. Wenn eine Autoritätsperson spricht, hörst du zu.“ Doch das habe sich verändert. „Wir sind nicht für Proteste bekannt. Unsere Nachbarn sind es, wir nicht.“
Sie freue sich über diese Entwicklung, sagt Akiri – aber es bereite ihr auch Angst. Sie selbst beteilige sich nicht an den Protesten: „Es gibt überall Ohren. Und man weiß nie, wer der nächste ist.“ Das meine sie gar nicht als Kritik – so funktioniere die Regierung nun einmal, fügt die junge Frau schnell hinzu. „Aber ich denke, unser Leben könnte besser sein.“ Tatsächlich hat das harte Durchgreifen der Regierung Demonstrationen fast unmöglich gemacht. Inzwischen hat sich der Widerstand ins Netz verlagert.
Laut Godfred Bonnah Nkansah bietet der virtuelle Raum zahlreiche Möglichkeiten – wenn es etwa darum gehe, politische Informationen zu verbreiten oder Menschen zu mobilisieren. „Soziale Netzwerke scheinen ein guter Weg zu sein, gemeinsame Anliegen zu verstärken. Ich rede dort über Arbeitslosigkeit, eine andere Person greift es auf und schon löst es, etwa auf X, eine Welle aus.“
Junge Menschen vernetzen sich
Viele in Tansania äußern sich nur noch anonym. Persönlichkeiten der Diaspora wie der Musiker Wakazi nutzen ihre Bekanntheit, um auf Missstände wie Korruption oder die Einschränkung ziviler Rechte aufmerksam zu machen. Auch darüber, dass Menschen, die Kritik äußern, verschwinden. Zuletzt zeigten sich auch Aktivisten in der Region solidarisch mit den Kämpfen der Menschen in Tansania.
Ein Blick in die Geschichte Afrikas zeigt das Potenzial dieser Vernetzung – und auch seine Grenzen. Zum ersten Mal habe sich das ab 2011 im Arabischen Frühling gezeigt, der auch als Facebook-Revolution bekannt wurde, sagt der Bayreuther Soziologe Joschka Philipps. Seitdem habe es das immer wieder gegeben – etwa, als sich kongolesische Aktivisten 2015 Anregungen von Protesten im Senegal und in Burkina Faso holten.
„Da gibt es neue Ressourcen oder neue Repertoires, mit denen Jugendbewegungen arbeiten können“, sagt Philipps der DW. „Andererseits ist das auch immer wieder der Punkt, wo Bewegungen verwundbar sind. Die Staaten und die Regierungen haben gelernt, auch über die sozialen Netzwerke die verschiedenen Protestführer und -führerinnen zu identifizieren und dann eben auch mundtot zu machen.“
Eine Beobachtung, die sich mit den Analysen von Murmur Intelligence deckt. Beispiel Uganda, wo ein populärer Musiker längst in die Rolle des Oppositionsführers hineingewachsen ist: „Bobi Wine hat zehn Jahre einen unglaublichen Kampf hingelegt. Aber in den jüngsten Wahlen haben wir gesehen, dass Präsident Museveni und sein Lager alle Methoden aus dieser jungen Technologiebewegung übernommen haben“, so Kyle Findlay.
Die Komplexität mit Geduld durchdringen
Drohen demokratische Bewegungen also, sich auf diese Weise totzulaufen? Nicht unbedingt, meint Soziologe Philipps – und mahnt zu mehr Geduld. „Der Fakt, dass die Staaten kolonialen Ursprungs sind, ist bis heute hoch relevant. Die Art und Weise, wie Demokratie aus dem globalen Norden vermeintlich gefördert wurde, war selbst eigentlich ein antidemokratisches Konstrukt.“ So hätten sich Systeme herausgebildet, die nicht zum Nutzen der weiteren Bevölkerung waren. Auf eine paradoxe Weise seien also auch junge Menschen, die heute Militärführern wie Burkina Fasos Ibrahim Traoré und deren anti-westlicher Rhetorik anhängen, ein Zeichen demokratischer Ermächtigung.
Inmitten dieser komplexen Zusammenhänge suchen die Menschen in unterschiedlichen afrikanischen Kontexten nach neuen Wegen – und üben sich in Geduld. „Digitale Demokratie schafft vielleicht keine Veränderung im wirklichen Leben“, sagt Studentin Mbayo Akiri in Dar-es-Salam. „Aber in unseren Herzen verändern wir uns. Und wenn wir die Gelegenheit bekommen, machen wir vielleicht Dinge anders.“
Auch die Graswurzel-Aktivisten von The Okwelians in Kamerun, wo der 93-jährige Präsident Paul Biya gerade seine achte Amtszeit angetreten hat, wissen, dass sie einen langen Atem brauchen. „Wenn wir heilen und wieder aufbauen wollen, ist es wichtig, dass wir die nächste Generation zu visionären, dienenden Führungspersonen erziehen“, sagt Doris Ngum. Deshalb ist sie eine von vielen Aktiven, die in die Schulen gehen. Ihre Botschaft: „Wartet nicht auf die Regierung. Ihr seid die Veränderung!“
Mitarbeit: Elisabeth Asen (Douala), Imani Luvunga (Dar-es-Salam), Kathy Short (Lusaka)
