Atomwaffen: Rückkehr der nuklearen Machtpolitik
Aufrüsten ist für viele Länder das Gebot der Stunde – einschließlich Atomwaffen. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI haben alle neun Atomwaffenstaaten im Jahr 2025 ihre Arsenale modernisiert und erweitert. Hinzugekommen sind neben neuen Nuklearwaffen auch zusätzliche Trägersysteme, die sowohl mit konventionellen als auch mit nuklearen Sprengköpfen bestückt werden können. Dazu gehören etwa Raketen oder Marschflugkörper.
In ihrem Jahresbericht 2026 machen die Friedensforscher einen generellen Trend aus: Es setzen wieder mehr Staaten auf Atomwaffen zur Landesverteidigung. Tytti Erästö, Wissenschaftlerin beim SIPRI-Programm für Massenvernichtungswaffen, veranschaulicht das am Beispiel von Finnland und Schweden: Ihre Politik in Bezug auf Atomwaffen habe sich seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine 2022 und nach ihrem Beitritt zur NATO drastisch gewandelt. „Diese Staaten, die historisch als blockfreie Befürworter der atomaren Abrüstung bekannt waren, sind nun aktiv an der Nuklearpolitik der NATO beteiligt, beispielsweise durch die Teilnahme an Übungen, die den Einsatz von Atomwaffen simulieren“, erklärt Erästö gegenüber der DW.
Nach den Recherchen von SIPRI gab es 2025 weltweit fast 12.200 Atomwaffen. Zwar ist ihre Zahl im Vergleich zum Vorjahr leicht gesunken, doch ein Indikator für Abrüstung ist das nicht. Derzeit würden zwar mehr veraltete Sprengköpfe ausgemustert als neue hinzukommen. Doch: „Dieser Trend dürfte sich in den kommenden Jahren umkehren, da sich das Tempo der Demontage verlangsamt, während sich die Stationierung neuer Atomwaffen beschleunigt“, stellen die Friedensforscher fest.
Ohne Rüstungskontrolle keine Eindämmung der Risiken
Während der ehemalige US-Präsident Barack Obama im Jahr 2009 noch für seine Vision einer atomwaffenfreien Welt gefeiert wurde, geht die Entwicklung heute in die entgegengesetzte Richtung. Im Februar lief das letzte verbliebene internationale Abkommen aus, das die Zahl der Atomwaffen begrenzte: der „New START“-Vertrag zwischen den USA und Russland.
„Es gibt immer mehr Anzeichen dafür, dass die Atomwaffenstaaten ihre Abrüstungsverpflichtungen vernachlässigen oder sogar ganz aufgeben und stattdessen ihre nukleare Stärke zur Schau stellen“, betont Hans M. Kristensen, Atomwaffenexperte beim SIPRI-Programm für Massenvernichtungswaffen und bei der Federation of American Scientists (FAS). „Indem sie auf nukleare Lösungen zurückgreifen, schaffen Staaten neue Risiken und schüren die Dynamik des Wettrüstens.“
Insgesamt besitzen laut SIPRI neun Staaten Atomwaffen: Neben den USA und Russland sind das Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel, das den Besitz von Atomwaffen offiziell nicht bestätigt. Laut den Daten von SIPRI verfügen Russland und die USA zusammen über rund 83 Prozent aller einsatzfähigen Atomsprengköpfe.
Unter anderem Nordkorea baut seine nuklearen Fähigkeiten weiter aus. Nach Schätzungen von SIPRI könnte das Land bereits rund 60 Sprengköpfe fertiggestellt haben, und es verfüge über genügend spaltbares Material, um mindestens 30 weitere zu produzieren. Im Jahr 2025 stellte das Regime in Pjöngjang neue Raketensysteme vor und testete sie, darunter die mit Festtreibstoff betriebene Interkontinentalrakete Hwasong-20.
China baut weitere Silos für Atomraketen
Schneller als jedes andere Land rüstet China seine Atomstreitkräfte auf. Nach den Schätzungen von SIPRI verfügt das Land derzeit über rund 620 Atomsprengköpfe, im Vorjahr waren es noch 600. Bei einer Militärparade im September 2025 präsentierte das chinesische Militär erstmals eine vollständige nukleare Triade – also Nuklearwaffen, die von Land, von See und aus der Luft abgeschossen werden können.
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Die Raketen, die nuklear bewaffnet werden können, stationiert China in drei großen Raketensilo-Feldern im Norden des Landes – laut SIPRI sind es Hunderte. Gleichzeitig werde an 30 Silos in drei Bergregionen im Osten gearbeitet. „Je nachdem, wie China die Struktur seiner Streitkräfte gestaltet, könnte das Land bis zum Ende des Jahrzehnts potenziell über mindestens ebenso viele Interkontinentalraketen (ICBMs) verfügen wie Russland oder die USA“, heißt es im SIPRI-Jahresbericht. Die Zahl der Atomsprengköpfe bleibt dennoch weit unter der, über die Russland oder die USA verfügen. Chinas Botschaft aber scheint klar zu sein: Es will andere Länder von einem möglichen Angriff mit Nuklearwaffen glaubwürdig abschrecken.
In Europa bietet Frankreich nuklearen Schutz an
In Westeuropa verfügen nur Großbritannien und Frankreich über eigene Atomwaffen. Frankreich besitzt 290 Atomsprengköpfe, die entweder von Atom-U-Booten oder von Rafale-Kampfjets aus abgefeuert werden können. Die Regierung entwickelt ihre Atomstreitkräfte stetig weiter und bietet anderen europäischen Ländern an, von diesem atomaren Schutzschirm zu profitieren.
Deutschland darf keine eigenen Atomwaffen besitzen. Das legt unter anderem der „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ zur Wiedervereinigung von 1990 fest. Daher stellt Deutschland sich unter den Atomwaffen-Schirm der USA, die schätzungsweise 20 Atombomben in Deutschland stationiert haben.
„Nukleare Teilhabe“ nennt die NATO diese gemeinschaftlich organisierte Abschreckung mit US-Atomwaffen. Da US-Präsident Donald Trump aber immer wieder Zweifel am Engagement der USA in der NATO sät, hat die Bundesregierung vor Kurzem zusätzlich Gespräche mit Frankreich über Möglichkeiten einer engeren Kooperation bei der nuklearen Abschreckung aufgenommen.
