Religion befeuert Landkonflikte in Dürrezeiten


In der gesamten Sahelzone, in der traditionell viele Fulani-Hirten leben, haben steigende Temperaturen, Dürre und Wüstenbildung die Weideflächen verringert. Heute treiben die Hirten ihre Tiere zunehmend über ihre traditionellen Verbreitungsgebiete hinaus und geraten in Konflikt mit sesshaften Bauerngemeinschaften.

Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) hat über zwei Jahrzehnte Daten aus ganz Nigeria ausgewertet, um Zusammenhänge zwischen Dürremustern, Konfliktfällen und der religiösen Zusammensetzung lokaler Gemeinschaften zu untersuchen.

Laut dem Soziologen Ruud Koopmans, der die Studie mitverfasst hat, widerlegen die Daten die Auffassung, dass der Klimawandel die Hauptursache für Gewalt ist. Stattdessen nennt er religiöse Spaltungen als entscheidenden Faktor.

Religion beeinflusst gewaltsame Konflikte in der Sahelzone

„Dort, wo die muslimischen Hirten auf mehrheitlich christliche Bauern treffen, gibt es die meisten gewaltsamen Auseinandersetzungen“, sagt Koopmans, der an der Berliner Humboldt-Universität arbeitet. Und fügt hinzu: „Wo es diese religiösen Unterschiede gibt, wird der Konflikt durch Dürreperioden noch verschärft.“

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Anhand einer Umfrage im Bundesstaat Kaduna im Nordwesten Nigerias stellten die Forscher fest, dass die christlichen Befragten Konflikte um Weideland eher auf religiöse Ursachen zurückführten und den muslimischen Fulanis mehr Misstrauen entgegenbrachten. Die muslimischen Befragten nannten dagegen eher Dürreperioden und den Wettbewerb um Ressourcen als Ursache für Konflikte.

Die Forscher sagen, dass ähnliche Dynamiken auch außerhalb Nigerias gelten könnten, etwa in Teilen der Sahelzone, wo sich Klimastress und soziale Spaltung überschneiden. Sie fordern Maßnahmen zur Wasser- und Landbewirtschaftung, aber auch Frühwarnsysteme und gemeinschaftsbasierte Konfliktvermittlung in religiös gemischten Regionen. Solche Maßnahmen könnten dazu beitragen, dass Umweltbelastungen nicht zu gewaltsamen Konflikten führen.

Religiöse Spannungen in Nordnigeria

Laut Koopmans haben sich die religiösen Spannungen seit Ende der 1990er Jahre verschärft. Er führt die Einführung der Scharia in Teilen Nordnigerias, den Widerstand in gemischten Regionen wie dem Mittleren Gürtel Nigerias und den Aufstieg der islamistischen Miliz Boko Haram als Faktoren an, die das Misstrauen zwischen den Gemeinschaften vertieft hätten.

Diese Entwicklungen, so argumentiert er, hätten auch historische Ängste wiederbelebt, insbesondere in den christlichen Gemeinschaften. Im Mittleren Gürtel, wo muslimische Hirten und überwiegend christliche Bauerngemeinschaften aufeinandertreffen, sind laut der Studie Zusammenstöße wahrscheinlicher; in den nördlichen Regionen, in denen sowohl Hirten als auch sesshafte Gemeinschaften mehrheitlich muslimisch sind, ist die Wahrscheinlichkeit von Konflikten hingegen geringer.

Laut der WZB-Studie kann eine gemeinsame religiöse Identität dazu beitragen, die Eskalation zu begrenzen, indem sie entweder an religiöse Autoritäten appelliert, die von beiden Seiten respektiert werden, was die Wahrscheinlichkeit einer Streitbeilegung erhöht und das Risiko von Gewalt verringert.

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Innerhalb von Glaubensgemeinschaften gibt es andere Möglichkeiten, über Autoritäten und Mediation zu deeskalierenBild: Light Oriye Tamunotonye/AFP/Getty Images

In der Studie heißt es: „Wenn sowohl Nomaden als auch Bauern Muslime sind, respektieren sie auch eher die gemeinsamen religiösen Normen in Bezug auf Eigentum und Gewaltanwendung. Es hat einen klaren spirituellen Nachteil, Menschen zu schaden, die den gleichen Glauben haben.

Gewaltbereitschaft bei Fulani-Hirten treibt religiöse Gewalt an

Die US-Kommission für internationale Religionsfreiheit (USCIRF) identifizierte bewaffnete Fulani-Gruppen als einen der wichtigsten nichtstaatlichen Akteure hinter religiöser Gewalt in Nigeria. Schätzungsweise 30.000 Fulani-Kämpfer sollen demnach in ganz Nigeria aktiv sein.

„Diese Kämpfer haben keine zentrale Führung, einige von ihnen arbeiten aber bei Angriffen zusammen“, so die USCIRF, die auch sagt, dass Gewalt, an der Fulani-Kämpfer beteiligt waren, im vergangenen Jahr mehr Todesopfer unter den religiösen Gemeinschaften forderte als Angriffe durch aufständische Gruppen oder kriminelle Banden.

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Viele Angriffe konzentrierten sich auf christliche Gemeinschaften, insbesondere im Mittleren Gürtel und zunehmend im Süden Nigerias – doch auch muslimische Gemeinschaften waren von Überfällen, Morden und Entführungen betroffen.

Die in Washington ansässige Kommission der US-Regierung fügt hinzu, dass die Kämpfer koordinierte Angriffe auf ländliche Gemeinden durchführen würden – oft in der Nacht – und dabei Motorräder, Schusswaffen und Macheten einsetzen würden, um die Bewohner von ihrem Land zu vertreiben.

Die Gewalt hat zu Massenvertreibungen beigetragen, wobei mindestens 1,3 Millionen Menschen im Mittleren Gürtel in überfüllte und unsichere Lager gezwungen wurden. Entführungen zur Erpressung von Lösegeld sind ebenfalls zu einer wichtigen Taktik geworden, wobei religiöse Einrichtungen häufig das Ziel sind.

Stärkere Sicherheitskoordination in Nigeria gefordert

Die Rechtsexpertin und Gründerin des in Abuja ansässigen House of Justice, Gloria Mabeiam Ballason, sagt, dass das Ausmaß der Bedrohung nur schwer von unabhängiger Seite überprüft werden könne, da die nigerianischen Behörden ihr zufolge keine überprüfbaren Informationen vorlegen. Dies könne das Vertrauen der Öffentlichkeit untergraben. Ballason warnt, dass widersprüchliche Botschaften Unsicherheit und Angst schüren können. „Diese Bedrohungen sind real. Es wäre hilfreich, wenn die Regierung ein klares Programm und eine Strategie hätte, um sicherzustellen, dass die nächsten Rekruten für den Terrorismus gestoppt werden“, sagt sie der DW.

Wilson Inalegwu, ein pensionierter stellvertretender Generalinspekteur der Polizei, fordert, dass die sofortigen Bemühungen mit einer besseren Planung und Koordination einhergehen sollten. Er kritisiert, dass sich Angriffe zurzeit oft über Regionen hinweg ausbreiten würden, weil die Behörden nicht in der Lage seien, Muster zu erkennen.

„Die Menschen im Bundesstaat Kwara waren nicht vorbereitet. Sie dachten, es sei ein Niger-Problem. Dann kamen sie nach Kwara. Die in Oyo dachten, es sei ein Problem von Kwara. Jetzt ist es in Oyo. Wir brauchen also eine Art sehr robuster Patrouillen entlang dieser Gebiete“, sagte er der DW.

Mitarbeit: Ben Adam Shemang (Abuja)



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