Der Anstieg der Inflation überzeugt die EZB noch nicht

An diesem Donnerstag steht die Leitzinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) für April an. Während zur März-Zinssitzung noch nicht definitiv feststand, ob und wie stark der Ölpreis die Inflationsrate nach oben treiben würde, liegen mittlerweile verbindliche Zahlen vor: Die Rate für den Euroraum ist von 1,9 Prozent im Februar auf 2,6 Prozent im März hochgeschnellt; die Zahlen für April werden am Donnerstag veröffentlicht.
Im März hatte die EZB die Leitzinsen unverändert gelassen und unter anderem darauf verwiesen, dass man noch nicht sicher wisse, wie es mit der Inflation weitergehe. Jetzt weiß man, dass sie angestiegen ist (siehe Grafik).
Trotzdem gibt es ein Argument, warum die Notenbank auf eine Zinserhöhung verzichten könnte: Der Anstieg der Inflation im März war nahezu ausschließlich auf die Preise für Öl und Kraftstoff zurückzuführen. Die Kerninflation, das ist die Teuerung ohne die stark schwankenden Preise für Energie und Nahrungsmittel, war gegenüber Februar sogar rückläufig, von 2,4 auf 2,3 Prozent.
In der EZB mehrten sich zuletzt die Stimmen, die ein vorsichtiges Vorgehen fordern. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sagte, es gelte, bei der Zinspolitik einen kühlen Kopf zu bewahren. Man müsse die Daten in einem Umfeld „enormer Unsicherheit“ analysieren. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel sagte, es gelte, zu vermeiden, der Wirtschaft durch eine vorzeitige Straffung der Geldpolitik „unnötige Kosten“ aufzubürden. Österreichs Notenbankchef Martin Kocher führte aus, man werde die Daten bis zur Sitzung am Donnerstag und möglicherweise auch noch während des Treffens „genau beobachten und darüber diskutieren“.
EZB kann nicht für mehr Öl sorgen
In der Geldpolitik sagt man, wenn es ausschließlich einen vorübergehenden Angebotsschock durch höhere Energiepreise gibt, soll die Notenbank „hindurchschauen“. Der Grund: Die Notenbank kann mit ihren Leitzinsentscheidungen nicht für mehr Öl sorgen, das ist auch nicht ihre Aufgabe. Wenn daraus aber breitere Inflation entsteht, dann ist es ihre Aufgabe, diese durch höhere Zinsen zu bekämpfen. Wenn die Preise steigen, weil die Nachfrage das Angebot übersteigt, kann die Notenbank über höhere Zinsen die Nachfrage bremsen.
Nun war die Erfahrung aus der Inflationswelle 2022/2023, dass die Notenbank unterschätzt hatte, wie schnell und stark aus dem Energiepreisanstieg eine allgemeine Inflation wurde. Sie hat die Zinsen zu spät angehoben. Die höheren Energiepreise fraßen sich gleichsam in das gesamte Preissystem. Restaurants argumentierten, wenn die Energie zum Kochen teurer werde, müssten sie die Preise für das Essen anheben. Und die Gewerkschaften sagten, wenn Heizen und Sprit teurer würden, brauche man höhere Löhne, die wiederum zu höheren Preisen führten.
Allerdings gibt es heute einen wichtigen Unterschied zu 2022: Damals gab es nicht nur einen Energiepreisschock wie heute. Damals kam die Welt gerade aus der Pandemie. Es gab starke Nachholeffekte: Alle hatten in der Pandemie weniger Geld ausgeben können und wollten auf einmal wieder ins Restaurant gehen oder einen Einkaufsbummel machen. Zugleich gab es auf der Angebotsseite noch Engpässe: Die Lieferketten waren zum Teil noch aus der Pandemie gestört. Für viele Tätigkeiten fanden Unternehmen zudem schwer Arbeitskräfte: Die Restaurants warben sich die Kellner gegenseitig ab.
Jetzt gibt es daher Ökonomen, die davor warnen, die EZB solle nicht dieselben Fehler wie 2022 machen. Andere sagen, die Geschichte wiederhole sich nicht, die Ausgangsvoraussetzungen seien andere. Wieder andere argumentieren, die EZB könne die Zinsen auch gleichsam „präventiv“, also vorsichtshalber, mal anheben.
Volker Wieland, Professor für monetäre Ökonomie in Frankfurt, meint: „Die EZB muss nicht sofort auf den Anstieg der Verbraucherinflation reagieren, aber zumindest dann, wenn die Zweitrundeneffekte in den anderen Preisen sichtbar werden.“ Das habe sie damals nicht getan – daraus sollte sie gelernt haben.
Diese Woche ist wohl noch keine Zinserhöhung zu erwarten
Die Commerzbank schreibt in einer Analyse, sie rechne für diesen Donnerstag noch nicht mit einer EZB-Zinserhöhung; wohl aber für die Sitzung danach am 11. Juni, sofern die Straße von Hormus bis dahin nicht „vollständig und nachhaltig geöffnet“ sei.
„Wir gehen aber nicht so weit wie die Finanzmärkte, die bis zum Jahresende nicht nur eine, sondern gleich rund zweieinhalb Zinserhöhungen erwarten“, sagt Commerzbank-Ökonom Marco Wagner. Konjunkturelle Frühindikatoren wie der Einkaufsmanagerindex deuteten für die kommenden Monate auf ein deutlich nachlassendes Wirtschaftswachstum hin, das mittelfristig die Inflation dämpfen könnte.
Felix Schmidt, Ökonom des Bankhauses Berenberg, meint ebenfalls, die EZB werde im April die Füße stillhalten. Im Juni werde sie die Lage anhand der vorhandenen Daten neu bewerten. „Wir rechnen damit, dass sich der Iran-Konflikt bis dahin weiter beruhigt und die Energiepreise weiter sinken werden, sodass ein Eingreifen der EZB nicht mehr nötig sein wird“, sagt Schmidt: „Sollte der Konflikt jedoch abermals aufflammen und sich der Inflationsdruck ausweiten, wird die EZB möglicherweise doch genötigt sein, den Leitzins anzuheben.“
Leon Ferdinand Bost vom Bankhaus Metzler schreibt, nicht nur die EZB werde in dieser Woche die Zinsen unverändert lassen, sondern auch die amerikanische Notenbank Federal Reserve, die Bank of Japan und die Bank of England: „Sollte bis zur EZB-Zinssitzung im Juni eine deutliche Entspannung bei den Energiepreisen zu verzeichnen sein, halten wir es sogar für am wahrscheinlichsten, dass die EZB den Angebotsschock einfach aussitzen wird.“
