TSV 1860 München eröffnet Fanshop am Flughafen trotz Krise – München


Valentin Pusnava beginnt laut zu zählen. „57, 58, 59 …“, ruft er ins Mikro und die mehr als 100 Menschen, die sich im Terminal 2 des Münchner Flughafens versammelt haben, brüllen laut zurück: „Sechzig, Sechzig …“. Dann durchtrennt der Leiter der TSV 1860 Marketing GmbH das Band vor dem Eingang der verglasten Räumlichkeiten – und München ist reicher um eine Attraktion, die es sehr wahrscheinlich nur hier gibt: den Fanshop eines – frisch gebackenen – Fußball-Regionalligisten in einem internationalen Airport.

Die Münchner Löwen und nicht zuletzt ihre leidgeprüften Fans durchleben derzeit turbulente Tage. 60 Jahre nach dem Gewinn der einzigen deutschen Meisterschaft steht der Verein wieder einmal vor einem Neuanfang mit ungewissem Ausgang. Klar ist nur, der Wiederaufbau wird in der kommenden Saison in der vierten Liga beginnen. Nachdem sich Investor Hasan Ismaik vergangene Woche geweigert hatte, 2,7 Millionen Euro aufzubringen, um die Lizenz für die Dritte Liga zu sichern, war klar: Die Löwen steigen in die Regionalliga ab.

Seitdem kommt der Verein nicht zur Ruhe. Nach Ismaiks Ankündigung, die Insolvenz der Profifußball-Gesellschaft der Löwen nicht verhindern zu wollen, und dem Lizenzentzug gab das Präsidium des Stammvereins bekannt, den Kooperationsvertrag mit Ismaiks Firma HAM aufzukündigen – „aus wichtigem Grund“, wie es in einer Mitteilung hieß. Gegen diese Entscheidung, machte Ismaik deutlich, wolle er juristische Schritte einleiten.

All die Verwerfungen und Volten der vergangenen Tage spielen an diesem Samstagvormittag am Münchner Flughafen allenfalls am Rande eine Rolle. Ein Löwenfan nimmt Ismaik sogar ein wenig in Schutz. „Der Scheich ist nicht alleine schuld“, sagt er, während er mit seiner Tochter auf die Eröffnung des neuen Aushängeschilds der Löwen im Erdinger Moos wartet. „Das fing damals schon mit der Allianz-Arena an. Jetzt fangen wir halt wieder von vorn an. Das kennen wir Sechziger ja.“

Dass keine leichten Tage hinter dem Verein und seinen Anhängern liegen, weiß auch Merchandising-Geschäftsführer Pusnava. „Wir sind alle tief enttäuscht und haben die Hoffnung ein bisschen verloren“, ruft er den Anhängern über das Mikrofon zu – und erntet stummes Nicken von vielen Fans, die sich im Halbkreis vor dem neuen 1860-Store versammelt haben. „Aber wir sind Löwen, wir werden weiter kämpfen und niemals aufgeben. Und wir wollen die Löwen am Leben halten.“

Süalp Erdoğan, Generalkonsul der Türkei in München, erhält von Valentin Pusnava, Geschäftsführer der TSV 1860 Merchandising GmbH, ein Löwen-Trikot.
Süalp Erdoğan, Generalkonsul der Türkei in München, erhält von Valentin Pusnava, Geschäftsführer der TSV 1860 Merchandising GmbH, ein Löwen-Trikot. Marco Einfeldt

Dann darf noch der Generalkonsul der Türkei in München, Süalp Erdoğan, ein Grußwort sprechen, der sich selbst als absoluten Löwenfan bezeichnet. „Ich bin ein echter Löwe“, sagt der Diplomat – und selbst in so dunklen Zeiten wie derzeit imponierten ihm die Solidarität und Leidenschaft, die den Verein auszeichneten, sagt er. Dann bekommt er von Pusnava ein Trikot geschenkt.

Eigentlich hätte an diesem Samstagvormittag auch Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger von den Freien Wählern der Eröffnung des Fanshops beiwohnen und eine Rede halten sollen. Doch am Freitagnachmittag bestätigte eine Sprecherin des Ministeriums auf SZ-Nachfrage, dass Aiwanger doch nicht an den Airport kommen werde. Eine SZ-Nachfrage, warum der Minister den Termin so kurzfristig absagen ließ, beantwortet das Ministerium nicht.

Valentin Pusnava übermittelt den Fans dann am Samstag, Aiwanger habe mitgeteilt, er könne „aus familiären Gründen“ nicht teilnehmen. Da jedoch waberte unter den Fans am Flughafen schon das Gerücht, der Freie-Wähler-Chef wolle sich lieber aus den Querelen bei den Löwen heraushalten.

Der neue Fanshop der Löwen am Münchner Airport liegt direkt gegenüber dem Store des FC Bayern.
Der neue Fanshop der Löwen am Münchner Airport liegt direkt gegenüber dem Store des FC Bayern. Marco Einfeldt

Von diesen Turbulenzen aber ist an diesem Samstag kaum etwas zu spüren. Merchandising-Geschäftsführer Pusnava will auch lieber Aufbruchstimmung verbreiten. „Ich bin mir sicher, dass wir ab kommender Woche wieder positivere Nachrichten hören werden“, sagt er im Store – und meint damit das Präsidium und den Investor. Denn der agiert noch immer im Hintergrund, auch wenn er bei der Eröffnung des neuen Ladens nicht anwesend ist. Denn der Shop am Flughafen ist Teil der TSV 1860 Merchandising GmbH, die zu Hasan Ismaiks Firma HAM gehört. Auf die Frage, ob Ismaik dadurch bei 1860 weiter an Bord sei, sagt Pusnava: „Ja, absolut.“ Ob er es auch bleibe? „Sieht ganz danach aus.“

Die Eröffnung des Stores angesichts der jüngsten Geschehnisse abzusagen, sei aber keine Option gewesen, stellt Pusnava klar. „Wir haben mehrere Monate darauf hingearbeitet“, sagt er. „Und wir wollten trotz allem ein positives Zeichen setzen, dass der Verein und die Marke Sechzig weiterleben. Und wir sind auch international bekannt – da ist das genau das richtige Signal.“

Über der Verkaufstheke in dem neuen, hochmodernen Laden prangt in weißer Schrift auf blauem Hintergrund das Lebensmotto der Sechziger. „Einmal Löwe, immer Löwe“, steht darauf geschrieben. Die ersten Fans, die den Store betreten, bekommen von den Mitarbeitern Gutscheine in die Hand gedrückt über jeweils 18,60 Euro, die sie nur an diesem Tag am Flughafen ausgeben können. Vom Trikot über Stutzen bis zum Kaffeebecher gibt es alle Devotionalien, die sich im Sortiment eines großen Vereins an einem Flughafen finden lassen müssen. Wie nur wenige Meter direkt gegenüber im Shop des großen Rivalen FC Bayern im Airport Center.

Und dennoch trennen die beiden Klubs aus der Landeshauptstadt derzeit Welten. Der eine gewinnt deutsche Meisterschaften am Fließband, der andere versucht mal wieder in der vierten Liga die Wiederauferstehung. An diesem Samstag ist aber nur im neuen Shop der Löwen etwas los.



Source link

Ähnliche Beiträge