Estland: Women4Cyber stärkt Frauen in der Cybersicherheitsbranche
Frau Ossip, wie viele Frauen arbeiten in Estland in der IT-Branche oder beschäftigen sich mit Cybersicherheit?
Leider kann ich keine genaue Zahl nennen. Allerdings ist Cybersicherheit eines der Aushängeschilder Estlands. Die Situation hier ist also definitiv besser als in einigen anderen europäischen Ländern oder im Rest der Welt. Wir haben kürzlich „Women4Cyber Estonia“ gegründet und innerhalb der ersten zwei Wochen nach Beginn der Anmeldephase schon 50 neue Mitglieder gewonnen. Ich gehe also davon aus, dass die Community ziemlich groß ist.
Estland gilt als Vorreiter in Sachen Digitalisierung und Cybersicherheit. Warum entscheiden sich trotzdem weniger Frauen als Männer für Berufe in diesen Bereichen?
Die Frage, warum Frauen eher selten Positionen oder Führungsrollen im Bereich Cybersicherheit übernehmen, wird oft damit begründet, dass wir eher geisteswissenschaftliche Fächer oder in ähnlichen Bereichen studieren. Fächer, die nicht unbedingt mit Cybersicherheit in Verbindung gebracht werden. In Wirklichkeit hat sich Cybersicherheit jedoch in den letzten zehn Jahren enorm verändert. Man findet heute in diesem Bereich alle möglichen Rollen – von Strategie über Politik bis hin zu technischen Aufgaben, sodass sich eigentlich niemand eingeschränkt fühlen sollte. Was auch immer man studiert hat, ich bin mir sicher, dass man dieses Fachwissen und diese Fähigkeiten auch in der Cybersicherheit in die Praxis umsetzen kann.
Von welchen Herausforderungen berichten Frauen?
Die Herausforderungen für Frauen in der Cybersicherheit sind ähnlich wie in anderen Bereichen. Frauen haben immer das Gefühl, dass sie die Kriterien zu 100 Prozent erfüllen müssen, während Männer das oft nicht so empfinden und die Chancen einfach nutzen. Frauen trauen sich einfach nicht genug, sich zu präsentieren. Kürzlich wurde die hervorragende Plattform „She Speaks Cyber“ ins Leben gerufen, auf der sich Frauen anmelden und als Referentinnen präsentieren können. Dort werden sie ausgewählt, um auf Podiumsdiskussionen oder auf Konferenzen wie der Cycon zu sprechen, wo wir uns gerade unterhalten. Wir müssen sichtbarer sein und mehr Selbstvertrauen haben, um uns da draußen zu präsentieren.
Welche Rolle spielen dabei klassische Geschlechterstereotypen?
Wir als Frauen in der Cybersicherheit wollen gar nicht mehr über Geschlechterklischees sprechen. Niemand sollte mehr infrage stellen, ob es wichtig ist, dass Frauen im Raum sind. Wir sind im Raum. Und die viel wichtigere Frage ist nun: Wie stellen wir sicher, dass Frauen tatsächlich Führungsrollen übernehmen? Wie erreichen wir, dass Frauen auch die Zukunft der Cybersicherheit mitgestalten?
Wie erreicht man, dass mehr Frauen in IT und Cybersicherheit am Entscheidungstisch sitzen?

Es gibt verschiedene Wege. Natürlich müssen wir früh anfangen, Programme für Kinder oder Schüler zu schaffen. Wir brauchen auch mehr Studiengänge an Universitäten, sei es auf Bachelor- oder Master-Ebene. Mentoring mit Frauen, die schon in diesem Bereich tätig sind, ist ebenfalls wichtig. Wir haben erst kürzlich mit einer Gruppe von Frauen darüber gesprochen, dass wir dazu neigen, unsere Gespräche immer so zu beginnen: „Oh, ich weiß nicht, ob ich das richtig weiß.“ Wir sollten anfangen zu sagen: „Ich weiß, dass es so ist“, und damit eine Art Selbstbewusstsein vermitteln.
Frauen sind in der Forschung und Entwicklung von Künstlicher Intelligenz oft unterrepräsentiert. Könnte der Mangel an Entwicklerinnen dazu führen, dass Produkte entstehen, die den Bedürfnissen von Frauen nicht gerecht werden?
Ich halte das Thema Diversität in jedem Bereich für wichtig. Wenn wir es versäumen, weibliche Stimmen bei der Gestaltung der Sicherheitspraktiken für KI einzubeziehen, verpassen wir einen Teil der Diskussion. Wir müssen also auf jeden Fall sicherstellen, dass auch Frauen in der KI-Diskussion vertreten sind.
Insbesondere Frauen sind häufiger Opfer digitaler Gewalt. Wie geht man in Estland damit um?
Um ehrlich zu sein, war das Thema Gewalt gegen Frauen im Internet für uns bisher nicht wirklich im Fokus. In Estland wird es jedoch durch eine Instagram-Seite stärker sichtbar gemacht. Diese ermöglicht es Frauen, ihre Geschichten und Screenshots von unangemessenen Nachrichten und so weiter zu teilen, um es öffentlich zu machen. Das Ganze wird zwar mit einer Prise Humor genommen, aber letztlich ist es natürlich nicht lustig. Es ist eine gute Möglichkeit, dieses Thema in die Öffentlichkeit zu bringen, damit Frauen ihre Geschichten teilen und sie nicht für sich behalten.
In Deutschland führen wir aktuell wegen des Falls der Schauspielerin Collien Fernandes eine große Debatte über Deepfakes und mögliche Gesetze, um Täter härter zu bestrafen und Opfer besser zu schützen. Wird darüber auch in Estland gesprochen?
Deepfakes geben definitiv zunehmend Anlass zur Sorge, denn die KI wird immer besser. Während man vor ein paar Jahren noch ganz klar zwischen echten und gefälschten Inhalten unterscheiden konnte, ist das heute kaum noch möglich. Ich habe in Estland noch keine wirklichen Probleme damit gesehen, und es gab auch noch keine konkreten Deepfakes, die jemanden beeinträchtigt hätten, aber ich bin mir sicher, dass das noch kommen wird und dass dies zu einem Problem werden könnte – wenn nicht jetzt, dann vielleicht in Zukunft.
Inwiefern kann die Cybersicherheit von einer weiblichen Perspektive profitieren?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie Frauen den Bereich der Cybersicherheit stärken können. Frauen sind meist Multitasker, und sie sind sehr gründlich. Wir sind einfühlsam – das alles sind gute Eigenschaften, und ich sage nicht, dass Männer sie nicht auch haben können. Aber das sind definitiv einige der Eigenschaften, die in eher technischen Bereichen manchmal fehlen.
