Zwischen Hochhäusern in Singapur – Wenn Otter Nachbarn werden
In Singapur leben Otter mitten in der Stadt – zwischen 40-stöckigen Hochhäusern, Baustellenlärm und vollen Restaurants. Doch das war nicht immer so. Und es bringt auch Probleme.
Der Singapurer Yong Lin braucht Geduld. Er steht mit seiner Kamera am Ufer der Marina Bay, im Hintergrund die Skyline der Großstadt. Er wartet auf eine Otter-Familie. Der Otter-Watcher beobachte sie nun schon seit zehn Jahren: „Sie sind ein Teil meines Lebens geworden.“
Mehr als 150 Otter leben heute in Singapur
Otter beobachten und fotografieren ist Lins Hobby. Das ist mitten in der Großstadt nicht selbstverständlich. In den 1970er-Jahren waren die Otter aus Singapurs Stadtbild verschwunden. Erst dank umfangreicher Initiativen zur Flussreinigung und Renaturierung der zahlreichen Wasserkanäle fühlen sich die eleganten und verspielten Marder in Singapur wieder wohl.
Jetzt sind die Otter zurückgekehrt – und scheinen sich inzwischen rundum wohlzufühlen. Long Lin zeigt auf ein kleines Boot auf dem Wasser. Bis heute würden die Wasserwege täglich gereinigt, sagt Lin. Mehr als 150 Otter leben heute in Singapur – in Familienverbänden – über die Stadt verteilt.
Eine halbe Stunde entfernt von Yong Lin, am Singapore River, zwischen 40-stöckigen Hochhäusern, lauten Baustellen und vollen Restaurants, schwimmt eine Familie zu ihrem Schlafplatz unter einer Brücke. Anwohner, Jogger und Touristen hören die Otter schon von Weitem an ihrem hohen Quieken und bleiben neugierig stehen. Es ist ein gutes Dutzend Otter mit Jungtieren. Sie sind so süß, flüstert ein Mädchen. „Besonders die Babys“, ergänzt eine andere Frau. Eine Anwohnerin freut sich: „Das gibt es nicht überall, wir können uns glücklich schätzen, dass wir sie so oft sehen.“ Was die Anwohnerinnen nicht so freut, ist der Gestank.
Niedlich – aber auch gefährlich?
Die Otter hinterlassen am Ufer ihren Kot – damit markieren sie ihr Revier. Sie rollen sich im Sand, im Gras, in Büschen am Ufer. Damit wollen sie vermeiden, dass andere Otter-Familien ihnen zu nah kommen. Denn die Otter sehen zwar niedlich aus, aber schon wenn sie einen Fisch zerfleischen, zeigen sich ihre spitzen, scharfen Zähne. Vor wenigen Wochen hat eine Otter-Familie sogar ein Krokodil im Norden Singapurs in die Flucht geschlagen. Ein Jogger, der vorbeikommt, sagt, er habe keine Angst vor ihnen: „Sie können dich angreifen. Aber solange du den Babys nicht zu nah kommst, ist es okay.“
„Eine Frau haben sie vor unserer Haustür gebissen“, erzählt eine Anwohnerin. Die Frau ist den Otter-Babys wohl zu nah gekommen. Seitdem hat die Naturschutzbehörde hohe Holzbarrikaden am Fluss aufgestellt. Und Schilder, die den richtigen Umgang mit den Ottern erklären – darunter Abstand halten, nicht füttern, nicht aus nächster Nähe fotografieren.
Als Otter-Watcher Yong Lin angefangen hat, Otter zu fotografieren, habe er noch nicht viel über die Tiere gewusst und – auch er – sei ihnen teils zu nah gekommen. Eines morgens habe er darauf gewartet, dass eine Otter-Familie aufwacht. Lin lag flach auf dem Boden. „Ein Otter hat mich entdeckt und innerhalb von Sekunden, liefen 16 Otter um mich herum. Ich wusste, jetzt habe ich ein Problem“, berichtet er. Aber er habe versucht, ruhig liegen zu bleiben und sich nicht zu bewegen. „Sie haben mich beschnüffelt, aber mich nicht gebissen.“ Nach zehn Minuten hätten sie das Interesse an ihm verloren und er konnte sich langsam zurückziehen. Seitdem hält er einen gebührenden Sicherheitsabstand.
Verständnis für die Wassermarder schaffen
Das Zusammenleben zwischen Mensch und Otter in Singapur laufe weitgehend harmonisch, sagt Karina Lim von der Singapurer Tierschutzorganisation Acres. Doch sie bekommt auch häufig Anrufe von Privatpersonen, die sie um Hilfe bitten. Etwa weil Otter in ihrem Pool schwimmen oder hinter kostbaren Fischen aus ihrem Teich her sind. Das käme häufiger vor, denn die Otter fressen gerne Fisch, berichtet Karina Lim von Acres. „Und sie streifen gerne durch Wohngebiete mit Einfamilienhäusern, durch private Wohnanlagen, wo Menschen Fische halten.“ Häufig handele es sich dabei um Koi-Karpfen, die mehrere hundert Dollar pro Fisch kosten – und sie fressen alle auf. „Häufig fressen sie noch nicht mal den ganzen Fisch, sondern nur den Kopf, und lassen den Rest liegen“, berichtet Lim. Das mache viele Menschen wütend.
Die Tierschutzorganisation versucht es mit Aufklärung und zeigt, wie die Singapurer ihr Privatgelände und ihre Fische vor den Ottern schützen können – mit Zäunen, und dem Versperren von Ein- und Ausgängen. „Aber meistens wollen sie, dass die Otter entfernt werden“, erklärt Lim. Es gebe sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Otter in der Bevölkerung.
Population hat stark zugenommen
Deswegen, und weil die Zahl der Otter in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat, denkt Singapurs Naturschutzbehörde darüber nach, einige Otter zu sterilisieren. Kalai Balakrishnan, Chef der Naturschutzorganisation Acres befürwortet das: „Ich finde das großartig. Die Otterpopulation ist in den vergangenen zehn Jahren deutlich gewachsen, und früher oder später wird das zu einem Problem, das angegangen werden muss.“ Deshalb sei es gut, dass jetzt über Sterilisation nachgedacht wird.
Otter-Fotograf Yong Lin sieht das anders. Er sagt, die Otter würden sich durch Revierkämpfe selbst in ihrer Zahl begrenzen. „Ich wünsche mir, dass die Natur das allein regelt.“ Zum aktuellen Zeitpunkt habe er nicht das Gefühl, dass ein Eingreifen notwendig sei.
Bei ihm hat sich das Warten gelohnt. Ein Otter schwimmt im Wasser an ihm vorbei. Er zoomt mit seiner Kamera nah dran. Anhand der Größe der Familien und unterschiedlicher weißen Flecken auf dem Fell, kann er die Otter-Familien auseinanderhalten.
Otter als Attraktion
Die süßen, quirligen Tiere sind inzwischen zu einer Singapurer Attraktion geworden. Sie dienen als Maskottchen, werden von Unternehmen zu Marketing-Zwecken genutzt oder als Anhänger und Plüschtier in Souvenir-Shops verkauft. Problematisch wird es, wenn Singapurer sie als Haustier halten wollen.
„In Singapur ist das natürlich illegal, aber wir haben definitiv schon Otter dieser Art gerettet, die ganz eindeutig als illegale Haustiere gehalten wurden“, sagt Tierschützer Kalai Balakrishnan. Dabei bräuchten die Singapurer nur vor die Haustür gehen, um Otter ganz aus der Nähe zu sehen.

