Wohnungsmangel in Deutschland trifft Migranten härter


Eine Mietwohnung mit drei oder vier Zimmern in Berlin? Kein Problem für Topverdiener. Gut 4000 Euro pro Monat inklusive Heizung und anderer Nebenkosten werden im Mai 2026 für etwas mehr als 100 Quadratmeter auf einem großen Vermietungsportal verlangt. Das niedrigste Angebot: Knapp 1000 Euro Miete für 80 Quadratmeter. Allerdings ist die Wohnung stark renovierungsbedürftig und liegt am Stadtrand.

Eine schöne und für einen Normalverdiener bezahlbare Wohnung in guter Lage zu finden, das ist in weiten Teilen Deutschlands kaum noch möglich. Vor allem nicht in Städten und Ballungsgebieten oder auch in wirtschaftsstarken ländlichen Regionen. Bundesweit fehlen rund 1,4 Millionen Wohnungen – fast ausschließlich im unteren und mittleren Preissegment. Ein knappes Angebot und eine hohe Nachfrage treiben die Preise in die Höhe.

Deutschland ist ein Mieterland

2025 lebten in Deutschland rund 83,5 Millionen Menschen. Seit 1990 sind es 3,7 Millionen mehr geworden, der Zuwachs ergab sich fast ausschließlich durch Zuwanderung. Gleichzeitig ist die Zahl der Einpersonenhaushalte gestiegen. Das Wohnungsangebot hat mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten.

So groß ist die Wohnungsnot in Berlin

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Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Deutschland zur Miete. Das Mietrecht schützt bestehende Verträge vergleichsweise gut. Anders sieht es bei Neuvermietungen aus. Überdurchschnittlich oft hätten dabei Menschen mit Zuwanderungsgeschichte das Nachsehen, heißt es im aktuellen Jahresgutachten des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR).

Der mit neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler besetzte Rat hat sich in diesem Jahr mit dem Thema „Raum für Entwicklung: Wohnen und Teilhabe in der Einwanderungsgesellschaft“ befasst.

Weniger Wohnfläche, höhere Mietausgaben

Die Daten, die der Sachverständigenrat ausgewertet hat, zeigten deutliche Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, erläuterte der SVR-Vorsitzende Winfried Kluth, Migrationsforscher und Professor für Öffentliches Recht an der Universität Halle-Wittenberg, bei der Vorstellung des Gutachtens in Berlin.

Zugewanderte lebten im Schnitt auf weniger Wohnfläche, häufiger in überbelegten Wohnungen und deutlich seltener im Eigentum. Während mehr als die Hälfte der Menschen ohne Migrationshintergrund in Eigentum lebt, gilt das für weniger als ein Drittel der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Gleichzeitig müssen sie einen größeren Anteil ihres Einkommens für Miete aufbringen.

Rassismus und Diskriminierung bei der Wohnungssuche

Ursache sind vor allem niedrigere Einkommen und größere Haushalte. Hinzu kommen migrationsspezifische Hürden: unsicherer Aufenthaltsstatus, fehlende Netzwerke oder Sprachbarrieren erschweren den Zugang zu Wohnungen zusätzlich. Vor allem Geflüchtete ziehen in sozial benachteiligte Quartiere, weil dort günstiger Wohnraum verfügbar ist oder bereits soziale Netzwerke bestehen.

Gleichzeitig bleiben zahlreiche anerkannte Asylbewerber mangels Alternativen in staatlichen Unterkünften – obwohl sie eigentlich ausziehen dürften. Auch Diskriminierung spiele eine Rolle dabei, dass Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt würden, sagte die stellvertretende SVR-Vorsitzende Birgit Glorius. 

Der Bundesgerichtshof entschied Anfang 2026, dass eine Wohnungssuchende, die wegen ihres pakistanischen Namens von einem Makler diskriminiert wurde, eine Entschädigung von 3000 Euro erhält. Die in Deutschland geborene Frau hatte zunächst keinen Besichtigungstermin erhalten. Um die Diskriminierung zu belegen, hatte sie den Makler unter Nennung eines deutsch klingenden Namens erneut kontaktiert und dann Termine erhalten.

Migranten sind häufiger obdachlos

Um Diskriminierung bei der Wohnungssuche entgegenzuwirken, schlägt der Sachverständigenrat vor, die erste Runde der Bewerbungsphase anonymisiert laufen zu lassen. Das ist in der Regel die Bitte um einen Besichtigungstermin.

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration steht bei der Vorstellung seines aktuellen Jahresgutachtens im Haus der Bundespressekonferenz auf einer breiten Treppe.
Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) bei der Vorstellung des Jahresgutachtens 2026 in Berlin: (von links) Prof. Annekatrin Niebuhr, Prof. Winfried Kluth, Prof. Birgit Glorius, Prof. Irena Kogan; Hintere Reihe: Prof. Havva Engin, Prof. Marc Helbling, Prof. Hannes Schammann; Prof. Sandra Lavenex, Ph.D. Bild: SVR/Heidi Scherm

Immer mehr Menschen finden unter den gegebenen Umständen gar keine eigene Unterkunft mehr. Laut Sachverständigenrat betrifft das Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit überproportional häufig. 2024 waren rund 532.000 Menschen wohnungslos – mehr als doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Von den untergebrachten Wohnungslosen hatten 86 Prozent keinen deutschen Pass.

Armut und Zuwanderung verschränken sich

Die räumliche Konzentration von Zugewanderten und ihren Nachkommen in bestimmten Stadtteilen sei in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern geringer ausgeprägt, heißt es im Gutachten. „Zugenommen hat aber die soziale Segregation, also die räumliche Konzentration von Personen bestimmter Einkommensschichten“, so der SVR-Vorsitzende Kluth.

Wohnungslos trotz Arbeit: Leben zwischen Job und Straße

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„Arm und Reich leben tendenziell jeweils unter sich. Das hängt auch mit einer verstärkten Zuwanderung in ärmere Stadtteile oder Kommunen zusammen, da Neuzugewanderte im Durchschnitt vor allem kurz nach ihrer Ankunft ökonomisch schlechter gestellt sind.“ Armut und Zuwanderung würden sich zunehmend verschränken, so Kluth.  

Ausländische Fachkräfte fragen nach Wohnungen

Das hat nicht nur soziale, sondern auch wirtschaftliche Folgen. In wirtschaftsstarken Regionen gibt es zwar Jobs, aber oft keinen bezahlbaren Wohnraum. In strukturschwachen Regionen hingegen ist Wohnen günstiger, doch Arbeitsplätze und Qualifizierungsangebote fehlen. 

Diese Diskrepanz wirkt wie eine Blockade: Menschen können nicht dorthin ziehen, wo sie Arbeit finden, und Arbeitgeber finden keine Fachkräfte, weil diese keine Wohnung finden. „Internationale Fachkräfte selbst nennen Unterstützung bei der Wohnungssuche inzwischen als vordringlichen Bedarf“, sagte Kluth.

Städte als Brennpunkte

Zuwanderung konzentriert sich stark auf Städte. Fast 60 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund leben in urbanen Räumen; in Großstädten beträgt ihr Anteil an der Bevölkerung über 40 Prozent. Wenn sich in benachteiligten Stadtteilen Armut und Zuwanderung überlagern, kann das zu sozialen Spannungen führen – muss es aber laut Sachverständigenrat nicht zwangsläufig. Denn Quartiere mit hohem Migrantenanteil seien nicht grundsätzlich integrationshemmend. 

Entscheidend seien Infrastruktur, Bildungsangebote und soziale Netzwerke. Doch daran hapert es häufig, mit gravierenden Folgen vor allem für junge Menschen. Gerade im Bildungssystem zeigt sich der Einfluss der Wohnlage. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besuchen deutlich häufiger Schulen, in denen sie unter sich sind und die oft schlechter ausgestattet sind. Das beeinträchtigt die Bildungschancen zusätzlich.

Politische Handlungsspielräume

Im Gutachten empfehlen die Wissenschaftler den Ausbau von Wohnraum, insbesondere im sozialen Wohnungsbau. Quartiere mit besonderem Unterstützungsbedarf sollen gezielt gestärkt werden, etwa durch bessere Ausstattung von Kitas, Schulen und sozialen Einrichtungen. 

Auch Arbeitgeber werden in die Pflicht genommen: Sie könnten bei der Wohnraumbeschaffung für internationale Fachkräfte eine aktivere Rolle spielen, etwa durch Kooperationen mit Wohnungsunternehmen oder Beteiligung an Wohnprojekten.



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