Wo die Deutschen ihren Sommerurlaub verbringen wollen
Entspannen in Andalusien, Abenteuerurlaub in der Wüste oder mit dem Camper Richtung Alpen: Während Flugreisen nach Asien gerade unbeliebt sind, geraten andere Ziele ins Visier von deutschen Urlaubern.
Der Campingplatz in Seeshaupt am Starnberger See ist mit 75 Touristenstellplätzen vergleichsweise klein, aber idyllisch: Direkt am See gelegen, machen hier vor allem Menschen Urlaub, die Ruhe und Entspannung suchen. „Es geht einfach darum, draußen in der Natur zu sein und minimalistisch zu leben. So wie es der Camper mag“, sagt Matthias Lederer. Er leitet den Campingplatz, auf dem Anfang Mai viele Camper die neue Saison einläuten.
Reservieren lohnt sich
Es sind vor allem Deutsche, aber auch Österreicher und Schweizer, die hier Urlaub machen: „Ab Mitte Juni bis Mitte September sind wir dann komplett ausgebucht“, berichtet Lederer. Besonders für die Sommermonate lohnt sich eine Reservierung, und das gilt nicht nur für den Platz in Seeshaupt. Camping ist beliebt, 44,7 Millionen Übernachtungen gab es im vergangenen Jahr auf deutschen Campingplätzen – ein Rekord.
„Für dieses Jahr haben wir besonders viele Langzeitbuchungen, gerade über die Sommermonate“, so Lederer. Der Campingplatzbesitzer schätzt, dass da auch finanzielle Aspekte eine Rolle spielen: „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Leute Sprit und allgemein Geld sparen wollen.“ Angesichts aktueller Spritpreise ist das wenig verwunderlich: Der April dieses Jahres war laut ADAC der teuerste Tankmonat aller Zeiten. Für den Liter Super E10 zahlten Autofahrer im Durchschnitt 2,11 Euro, für Diesel 2,26 Euro.
Rekordausgaben für den Urlaub
Dabei sind die Menschen hierzulande durchaus bereit, viel Geld für ihren Urlaub auszugeben. Laut aktueller Tourismusanalyse gaben die Deutschen im vergangenen Jahr eine Rekordsumme von 1.636 Euro pro Person für ihren Urlaub aus. Und angesichts der steigenden Preise dürfte es auch dieses Jahr wieder einen neuen Höchstwert geben, vermutet Anne Zitschke, Reiseexpertin bei HolidayCheck.
„Durch die allgemein steigenden Preise steigt auch der Reisepreis. Aber der Urlauber ist immer noch bereit, höhere Preise auch zu zahlen“, so die Expertin. Gestiegen sind vor allem Preise in beliebten Urlaubsregionen, etwa in Spanien. Im Hochsommer – also zur Hauptsaison – verfünffachen sich die Preise dort im Vergleich zum Frühjahr. Ein Vier-Sterne-Hotel am Strand mit Frühstück kostet in der Hauptsaison rund 5.000 Euro für ein Paar.
Urlaub in Spanien ist gefragt
Die Urlauber kommen trotzdem, in diesem Jahr werden in Spanien mehr Touristen erwartet als je zuvor. Mit 100 Millionen ausländischen Gästen rechnet der spanische Tourismusminister Jordi Hereu Boher: „Es stimmt, dass es bei wochenlang andauernden Konflikten zu Tourismus-Verlagerungen kommen wird. Wir müssen uns darauf vorbereiten.“
Zitschke betont, dass auch die Veranstalter auf die gestiegene Nachfrage nach europäischen Zielen reagieren: „Dort, wo die Nachfrage groß ist, werden noch mehr Flüge hingeschickt. Deswegen gibt es auch noch Kapazitäten, und es wird auch Last-Minute-Angebote geben.“ Sie betont aber auch, dass Urlauber, die auf Last-Minute hoffen, flexibel sein müssten – etwa, was den Urlaubsort oder die Reisezeit betrifft.
Iran-Krieg hat Folgen für den Urlaub
Zumal Flugreisen generell bald teurer werden könnten. Der Grund liegt rund 5.000 Kilometer weit weg: die Straße von Hormus. Sie ist durch den Iran-Krieg blockiert. Das hat Auswirkungen auch auf den Kerosinpreis. Der lag Anfang des Jahres noch bei rund 670 Dollar pro Tonne. Mit Kriegsbeginn kam es zu einem deutlich Preissprung, im April wurden Höchstwerte von fast 1.800 Dollar pro Tonne erreicht. Seitdem ist der Kerosinpreis leicht gesunken, liegt aber immer noch höher als vor Beginn des Krieges.
Die Preise für Flugtickets haben bisher allerdings nicht in gleichem Maße nachgezogen, wie eine aktuelle Auswertung des Vergleichsportals Check24 für Plusminus zeigt. Danach sind die Preise für getätigte Buchungen auf Check24 bis Anfang Mai zum Teil sogar geringer als im Vorjahr. Für Flüge nach Zypern sanken die Preise um 16 Prozent, nach Ägypten um zwölf Prozent, in die Türkei um vier Prozent. Etwas teurer waren stark nachgefragte Mittelmeerziele: Für Flüge nach Griechenland stiegen die Preise um drei Prozent, nach Spanien um vier Prozent. „Eine flächendeckende Verteuerung sehen wir aktuell nicht“, so Christian Meier, Geschäftsführer von Check24.
Airlines haben sich Preise bereits gesichert
ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel schätzt, dass das vor allem daran liegt, dass sich große Airlines Treibstoffpreise schon Monate im Voraus sichern. Das passiert durch sogenanntes Hedging: „Bei der Lufthansa etwa sind für 80 Prozent des Kerosinbedarfs die Preise über Hedging gesichert. Das ist sicherlich ein Grund, warum wir noch keine massiven Preissteigerungen gesehen haben.“ Zudem haben Airlines bereits mit anderen Maßnahmen reagiert, um die Kerosinkosten zu senken: „Sie haben teilweise ihre Angebote nach Asien reduziert und auch Flugzeuge aus dem Programm genommen, die besonders viel Kerosin verbrauchen.“
Noch ein anderes Thema treibt Urlauber um: die Debatte über eine drohende Kerosinknappheit. „Was bei diesem Thema beruhigend wirkt, ist die Tatsache, das drei Viertel des Kerosinbedarfs eben nicht aus der Golfregion stammen“, so Immel: „Und das, was aktuell durch den Krieg fehlt, das kann ersetzt werden – zu großen Teilen aus den USA oder aus Nigeria.“
Wohl auch deshalb blicken deutsche Airlines optimistisch in die Zukunft. Lufthansa schreibt auf Anfrage von Plusminus: „Für die im Sommerflugplan vorgesehenen Flüge erwartet der Konzern eine weitgehend stabile Treibstoffversorgung. Dazu arbeitet Lufthansa an unterschiedlichen Maßnahmen.“ Ähnlich äußerten sich auch TuiFly und Eurowings.
Urlauber planen um
Reisende sind dennoch verunsichert – und planen um. Laut aktueller Umfrage von HolidayCheck wollen fast ein Fünftel der Deutschen dieses Jahr ganz auf Urlaub verzichten. Und 40 Prozent der Befragten wählen andere, sicherere Reiseziele.“Wir sehen nicht unbedingt viele Stornierungen, sondern eher Ausweichmöglichkeiten. Der Urlaub ist nach wie vor wichtig, und da sucht sich der Urlauber neue Orte“, betont Reiseexpertin Zitschke.
Ein Ziel, das sich hier etablieren könnte: Marokko. Marrakesch, im Herzen Marokkos, ist voller Besucher. Marokkos Regierung rechnet in diesem Jahr mit einem Tourismus-Rekord. Schon im vergangenen Jahr gab es allein bei deutschen Gästen ein Plus von elf Prozent.
Ob der aktuelle Boom aber von Dauer ist, ist fraglich. Die Deutsche Gabriele Noack-Spaeth betreibt ein kleines Hotel in der Altstadt von Marrakesch. Das Frühjahr sei sehr gut gelaufen – aber mittelfristig mache sich der Krieg im Nahen Osten auch hier bemerkbar, berichtet sie: „Im Moment sind wir sehr gut gebucht, aber das sind Buchungen, die schon länger bestehen. Neue Buchungen kommen so gut wie keine rein.“
„Reisende vergisst schnell“
Für die Branche insgesamt muss das aber noch keine schlechte Nachricht sein. Expertin Zitschke betont: „Die Tourismusbranche hat leider sehr viele Krisen in den letzten Jahren erlebt und aus der Erfahrung können wir sagen, dass sie sich sehr schnell von Krisen erholt.“


