„Wir wurden nicht als Leonardo-di-Caprio-Fanclub gegründet“
Herr Fiebing-Petersen, Sie sind wissenschaftlicher Berater der Titanic-Ausstellung in Potsdam. Was ist für Sie das Besondere an der Schau?
Dass über 200 originale Artefakte aus dem Wrack des Schiffs gezeigt werden – nirgendwo kann man der echten Titanic in Deutschland aktuell näherkommen, als hier. Darunter sind private Gegenstände von Passagieren, Objekte vom Deck oder Teile aus dem Maschinenraum.
Der Deutsche Titanic-Verein von 1997 e.V. wird am Samstag sein Jahrestreffen in Potsdam durchführen. Was hat es mit dem Jahr 1997 auf sich?
Der Verein ist 1997 im Zuge der Titanic-Artefakte-Ausstellung in Hamburg gegründet worden. Uns ist wichtig, auf diesem Datum zu bestehen, weil wir nicht als Leonardo-di-Caprio– und Kate-Winslet-Fanclub gegründet wurden – uns geht es um die echte Geschichte. Nichtsdestotrotz spielt der Cameron-Film im Verein eine große Rolle, wir haben durch ihn viele Mitglieder gewonnen.
Aber der Film ist ja von 1997 – da könnte man schon auf den Gedanken kommen, dass der Verein etwas mit dem Film zu tun hat?
Der Deutsche Titanic-Verein wurde im Juni 1997 gegründet, James Camerons „Titanic“ premierte im englischsprachigen Ausland am 14. Dezember 1997, Deutschlandpremiere war der 8. Januar 1998. Und ein halbes Jahr vor der Premiere war ja nicht abzusehen, welchen Erfolg der Film haben würde.

© Andreas Klaer PNN/Andreas Klaer
Womit beschäftigt sich der Verein?
Wir setzen uns mit dem deutschsprachigen Anteil an der Geschichte der Titanic auseinander: Wir unterstützen unter anderem englischsprachige Forscher dabei, deutsche Quellen auszuwerten. Zudem recherchieren wir über die Deutschen an Bord – immerhin gab es 18 Bürger des deutschen Kaiserreichs auf der Titanic. Zudem gab es einige deutsche Firmen, die am Bau beteiligt waren. Die Fliesen im Schiff stammen zum Beispiel vom saarländischen Unternehmen Villeroy & Boch.
Was passiert beim Jahrestreffen in Potsdam?
Es wird Fachvorträge geben, wir werden natürlich in die Ausstellung gehen, es wird eine Schweigeminute für die Opfer der Titanic geben und wir werden gemeinsam essen und diskutieren.

© Andreas Klaer PNN/Andreas Klaer
Viele von uns genießen es einfach, einmal ein Wochenende lang nur über die Titanic sprechen zu können, ohne das übliche Augenrollen, das viele aus dem Bekanntenkreis kennen. Hier treffen sich einfach die Titanic-Nerds und diskutieren zum Beispiel darüber, welche Farbsättigung die Lackierung des Schiffsrumpfes hatte – das ist bis heute nicht ganz klar, weil alle Fotos davon schwarz-weiß sind.

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Es gibt ja mehrere Titanic-Ausstellungen in Deutschland – welche ist die beste?
Da ich wissenschaftlicher Berater für zwei dieser Ausstellungen bin, ist das nicht ganz einfach zu sagen. Die Ausstellung in Potsdam sticht wie gesagt aufgrund der vielen Original-Artefakte heraus, aber ich finde auch die in Leipzig sehr gut: Das ist eine medial gut aufbereitete Mischung aus authentischen Objekten und immersiven Projektionen, der Nachbau des Kabinenganges ist sogar historisch genauer als in Potsdam. Unschlagbar bleibt für viele aber sicherlich der Eins-zu-eins-Nachbau des berühmten Treppenhauses der Titanic – und den gibt es nur in Potsdam.

© Andreas Klaer PNN/Andreas Klaer
Die einzige Ausstellung, die ich ausdrücklich nicht empfehlen kann, ist die rein immersive Ausstellung in Frankfurt am Main: Viele Besucher fühlen sich davon sicher unterhalten, aber für mich ist die Titanic und ihr Untergang ein ernstes Thema, das sich nicht für einen spaßigen Familienausflug eignet. Das muss würdig präsentiert werden, und das fehlt mir bei der Ausstellung. Zudem stören mich die historisch völlig falschen Computeranimationen und die zahlreichen inhaltlichen Fehler.
Was fasziniert Sie persönlich so an der Titanic?
Es stecken viele Themen darin, die die Menschen bis heute bewegen: Die Titanic war ein Spiegelbild ihrer Zeit, wie man unter anderem an den Klassenunterschieden an Bord sehen kann. Außerdem war es die erste Katastrophe, die weltweit medial wahrgenommen wurde. Und man hat daraus gelernt: Viele Sicherheitsvorkehrungen, die heute auf Schiffen selbstverständlich sind, haben ihren Ursprung im Untergang der Titanic – zum Beispiel, dass es ausreichend Rettungsbootplätze für alle gibt.
