Wie zwei Musiker das Internet retten
„Mantra-Rock Dada Pythago-Cubist Orchestra“ – so beschreibt die kanadische Band Angine de Poitrine ihren Musikstil selbst. So nischig das klingt, so sehr dringt das experimentelle Rock-Duo inzwischen in den Mainstream vor und baut eine Fangemeinde auf, die man nicht mehr ignorieren kann.
Die beiden Musiker behaupten, 333 Jahre alte Zeitreisende von einem anderen Planeten zu sein: zwei Aliens namens Khn und Klek de Poitrine. Auf der Bühne tragen sie schwarz-weiß gepunktete Kostüme und große Pappmaché-Masken mit langen Nase, so bleiben Schlagzeuger und Gitarrist anonym.
Diese bewusst einfachen, fast wie selbstgemacht wirkenden Pyjama-Kostüme sind ein starker Kontrast zu ihrem musikalischen Können. Ihre Stücke verbinden Einflüsse aus dem Prog-Rock der 1970er, experimentellem Jazz, Funk und Punk. Die Musik ist Understatement und hohe Kunst zugleich.
Der erste virale Durchbruch
Angine de Poitrine gründeten sich 2019 in Quebec. Ihr erstes Album „Vol. I“ erschien 2024. Doch erst Anfang dieses Jahres ging das Duo wirklich durch die Decke.
Der Wendepunkt kam im Februar: Die Musikplattform KEXP – bekannt dafür, dass sie Musik jenseits des Mainstream unterstützt – veröffentlichte eine Live-Session der Band, aufgenommen beim Festival Trans Musicales im französischen Rennes. Der YouTube-Clip wurde seitdem mehr als 13 Millionen Mal angesehen.
In den Kommentaren entstand eine eigene Fan-Kultur. „Schon wieder hier heute? Ich auch, bis morgen“, schreibt einer. Ein anderer meint: „Dieser Kommentarbereich braucht einen eigenen Kommentarbereich.“ Und viele Fans sind davon überzeugt, dass diese beiden Musiker von einem anderen Planeten kommen: „Wenn die eine Welttournee ankündigen, sagen sie uns hoffentlich, welche Welt sie meinen.“
Mit dem zweiten Album „Vol. II“, erschienen Anfang April 2026, hat die Band inzwischen über 2,4 Millionen monatliche Hörer auf Spotify. Die anstehende internationale Tour ist so gut wie ausverkauft.
Hochkomplex – und trotzdem menschlich
Für Fans ist das Ganze mehr als ein Gimmick. Die Musik wirkt so ungewöhnlich, dass sie fast die Regeln sprengt. „So sieht das Ende von π (die unendliche Zahl Pi, Anm. d. Red.) aus“, schreibt ein Kommentator. Ein anderer meint: „Der seltsame Teil beginnt bei 0:00.“
Trotz der die Sicht einschränkenden Masken ist das Spiel der beiden extrem präzise. Besonders Schlagzeuger Klek beeindruckt mit seinem Timing: „Die Atomuhr checkt bei diesem Drummer, ob sie noch richtig geht.“ Und nicht nur das Timing fällt auf: Viele Schlagzeuger kommentieren den trockenen Sound der Drums, der ganz unkonventionell hergestellt wird: Mit einem Tuch über den Trommeln.
Gitarrist Khn spielt ein Doppelhals-Instrument, das Gitarre und Bass verbindet, mit mikrotonalen Bünden. Mikrotonal bedeutet einfach erklärt: Es gibt nicht nur Halbtonschritte, sondern es werden noch mehr Noten dazwischen erzeugt. Während der Songs bedient Khn gleichzeitig Effektpedale mit dem Fuß und baut live Loops auf. „Dieser Fuß ist eigentlich das dritte Bandmitglied“, schreibt ein Fan.
Andere Fans fordern schon jetzt mindestens einen Grammy – für die beste Aufnahmetechnik.
Die beiden Musiker spielen seit ihrem 13. Lebensjahr zusammen. Die Idee für die Kostüme entstand eher zufällig. Ein Freund brauchte kurzfristig eine Band für ein Konzert. Da sie dort kurz zuvor schon mit einer anderen Formation gespielt hatten, wollten sie unerkannt auftreten – und schlüpften in ihre Alien-Rollen.
Auch wenn ihre früheren Bands in Quebec bekannt sind und im Netz viel über ihre Identität spekuliert wird, schützt das Duo seine Anonymität bewusst. „Jegliche Spekulationen über die Identität ihrer Mitglieder sind unbestätigt, werden von der Gruppe nicht unterstützt und könnten eine Verletzung der Privatsphäre darstellen“, heißt es auf ihrer Website.
Für die einen Provokation, für andere ein Befreiungsschlag
„Spielt ihr auch auf Hochzeiten?“, fragt ein Fan scherzhaft. Ein anderer hat erkannt, dass Angine de Poitrine nicht gerade den romantischen Hochzeitssoundtrack liefern und schreibt: „Meine Frau will mich verlassen, wenn ich das noch einmal höre. Ich werde sie vermissen.“
Ein anderer Fan ist ganz stolz darauf, dass es auch heute noch möglich ist, die Elterngeneration zu provozieren: „Es ist 2026, ich bin 43 und finde immer noch neue Musik, die meinen Vater nervt.“
Im März löste die Band sogar eine Art Kulturkampf in Quebec aus, als sie in der beliebten Sonntagabend-Talkshow „Tout le monde en parle“ des frankokanadischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks auftrat. Dort gaben die Musiker ein Interview in ihrer erfundenen „Alien-Sprache“, untertitelt für das Publikum. Rechte Medienkommentatoren in Québec sahen darin eine Verschwendung von Steuergeldern, dass der staatliche Sender eine solche Absurdität unterstütze. Doch diese Kontroverse machte die Band noch bekannter.
Der Name Angine de Poitrine bedeutet eigentlich „Angina pectoris“, also Brustenge – ein Symptom von Herzkrankheiten. Für viele Fans wirkt ihre Musik jedoch wie ein Gegenmittel zur Gleichförmigkeit moderner, oft glatt produzierter Musik – gerade in Zeiten, wo Streamingdienste wie Spotify KI-generierte Musik in großem Stil verbreiten. Auf dies hat ein Kommentator nur eine kurze Antwort: „Friss das, KI.“
Ein anderer bringt das Phänomen Angine de Poitrine so auf den Punkt: „Sie haben das Internet nicht kaputtgemacht – sie haben es repariert.“
Adaption aus dem Englischen: Silke Wünsch
