Wie will sich Deutschland schützen?
„Bevölkerungsschutz und Bundeswehr sind heute zwei Seiten einer und derselben Medaille“, sagt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) als er am Mittwoch in Berlin gemeinsam mit Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) den zehn Milliarden Euro teuren Pakt für den Bevölkerungsschutz vorstellt.
Großer Bahnhof in Sichtweite zum Kanzleramt
Dafür haben sich die Politiker den großen Platz vor dem Hauptbahnhof ausgesucht. Die beiden stehen vor einem nagelneuen Einsatzwagen für den Zivilschutz, den sie nebst zwölf weiteren Exemplaren an ehrenamtliche Helferinnen und Helfer übergeben.
Ort und Zeit haben durchaus etwas Symbolisches. Von hier aus sieht man das nur wenige hundert Meter entfernte Kanzleramt und das Reichstagsgebäude, in dem die Abgeordneten des Deutschen Bundestags am Donnerstag über das taufrische Programm debattieren werden.
Dobrindt und Pistorius ziehen an einem Strick
„Der Pakt für Bevölkerungsschutz ist deutlich mehr als ein reines Investitionsprogramm. Er ist eine neue tragende Säule unserer sicherheitspolitischen Architektur“, betont Dobrindt und fügt hinzu: „Wir packen gemeinsam an, um mehr Sicherheit in einem Ernstfall zu garantieren.“
Der neben ihm stehende Pistorius schlägt in die gleiche Kerbe: „Nur was man übt auf der Grundlage eines gemeinsam erarbeiteten Plans, wird am Ende auch beherrscht. Denn es muss darum gehen, vorbereitet zu sein für den Fall einer sich realisierenden Bedrohung. Und gleichzeitig tun wir alles, dafür, dass diese Bedrohung niemals eintritt.“
Viel Geld für das Technische Hilfswerk (THW)
Die Bundeswehr wird dafür schon länger finanziell und personell aufgerüstet. Und nun also auch der Bevölkerungsschutz, in den bis 2029 zehn Milliarden Euro fließen sollen. Fast ein Drittel des Geldes ist für die Modernisierung von Gebäuden des Technischen Hilfswerks (THW) sowie Personal und Technik der bundeseigenen Organisation vorgesehen.
Das THW verfügt aktuell über einen Etat von gut 500 Millionen Euro und beschäftigt 2200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Hinzukommen 88.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer.
Auch eine bereits bestehende Medizinische Task Force (MTF) wird laut Dobrindt gestärkt. Dafür sollen künftig mehr als 50 Standorte in ganz Deutschland einsatzbereit sein, wenn kurzfristig sehr vielen verletzten Menschen geholfen werden muss. Der Grundgedanke für dieses Konzept existiert bereits seit 2007, wurde seitdem aber mehrmals weiterentwickelt.
Die Zeitenwende und ihre Folgen
Nach dem völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 und der vom damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) ausgerufenen Zeitenwende steht der Bevölkerungsschutz wieder weit oben auf der politischen Agenda.
Allerdings war auch schon im Juli 2021 bei der Flutkatastrophe im Ahrtal mit 135 Toten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen klar geworden, wie schlecht Deutschland auf Krisen vorbereitet ist. Damals versagten Frühwarnsysteme – unter anderem mangelte es an Sirenen.
Wo kann man sich vor Bomben schützen?
Der Nachholbedarf ist riesig, denn auch sonst fehlt an allen Ecken und Enden noch immer die nötige Infrastruktur – und in der Bevölkerung anscheinend auch oft das Problembewusstsein für äußere und innere Bedrohungen. Jahrzehnte des Friedens haben offenbar zu einer gewissen Sorglosigkeit geführt. Doch wohin, wenn Deutschland in einen Krieg verwickelt werden sollte und die Menschen Schutz vor Bombenangriffen suchen?
Der Deutschen Städte- und Gemeindebundes, der die rund 14.000 Kommunen m Land vertritt, hat die Bundesregierung schon 2024 zum Handeln aufgefordert. Zehn Milliarden Euro müssten seines Erachtens in den Bevölkerungsschutz gesteckt werden, um allein die knapp 600 noch zur Verfügung stehenden, aber maroden Bunker zu sanieren.
Bunker-Plätze reichen theoretisch nur für wenige Menschen
Und selbst damit wäre im Krisen- oder gar Kriegsfall nur den wenigsten der 84 Millionen Menschen in Deutschland geholfen, weil lediglich 478.000 von ihnen darin Platz fänden. Das wären gerade einmal 0,56 Prozent. Diese Zahlen stammen vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK).
Diese staatliche Behörde informiert auf ihrer Website auch ausführlich über Möglichkeiten, wie man sich sonst besser schützen kann. Der Ratgeber „Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“ enthält Checklisten, um im Notfall gut vorbereitet zu sein. Grundregel: „Alle Haushalte sollten sich möglichst 10 Tage selbst versorgen können. Das bedeutet: Wasser und Essen, medizinische Versorgung und Hygiene für den Notfall sicherzustellen.“
Mehrsprachiger Ratgeber “ Vorsorgen für Krisen und Katastrophen“
Die Broschüre gibt es auf Deutsch und in den acht am weitesten in Deutschland verbreiteten Fremdsprachen: Arabisch, Englisch, Französisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Türkisch, Ukrainisch.
Bundesinnenminister Dobrindt hat noch andere Ideen. Schon im Oktober regte er an, das Thema Kriegs- und Krisenbewältigung in den Schulunterricht zu integrieren: „Mein Vorschlag ist, dass in einem Schuljahr in einer Doppelstunde mit älteren Schülern darüber diskutiert wird, welche Bedrohungsszenarien es geben kann, und wie man sich darauf vorbereitet“, sagte er und bekam dafür Unterstützung vom Deutschen Lehrerverband (DL).
Als Dobrindt zusammen mit dem Verteidigungsminister den Pakt für Bevölkerungsschutz vorstellt, bekräftigt er seinen Vorstoß. Es gehe darum, einer jüngeren Generation nahezubringen, wie man sich bei Katastrophen, Unglücksfällen und Bedrohungen verhalte. „Wir wollen das in den Schulen erreichen, weil die Kinder die Wissensträger in die Familien hinein sind.“ Außerdem kündigt er an, in seinem Ministerium eine neue Stabsstelle einzurichten: Kommando zivile Verteidigung.
Linke kritisiert den Fokus auf Verteidigungspolitik
Kritik kommt von der Linken. Klar sei: Deutschland brauche einen leistungsfähigen, verlässlichen und alltagstauglichen Bevölkerungsschutz. „Dieser muss die Menschen wirksam vor Hitze, Kälte, Hochwasser, Waldbränden, Sturmereignissen und weiteren Katastrophenlagen schützen“, fordert der Bundestagsabgeordnete Jan Köstering.
Der Sprecher für zivilen Bevölkerungs- und Katastrophenschutz hält die Pläne des Innenministeriums für unausgewogen: „Das Problem ist, dass der Fokus nicht konsequent auf einem modernen Bevölkerungsschutz liegt, sondern erneut stark von sicherheits- und verteidigungspolitischen Szenarien geprägt ist.“
Dieser am 18.05.2026 veröffentlichte Artikel wurde am 20.05.2026 aktualisiert. Anlass war die Vorstellung des Pakts für Bevölkerungsschutz durch Innenminister Alexander Dobrindt und Verteidigungsminister Boris Pistorius.
