Wie sich Jule Brand zur entscheidenden Spielerin in Lyon entwickelt hat
Jule Brand hat die Fähigkeit, schwierigste Dinge kinderleicht aussehen zu lassen. Das stellte sie gerade erst in einem der wichtigsten Spiele ihrer jungen Karriere als Fußballerin unter Beweis. Es lief die 86. Minute, als die 23-Jährige eine Flanke von Melchie Dumornay im Strafraum mit rechts annahm und mit links gefühlvoll ins linke Eck verwandelte. Was so einfach aussieht, benötigt technische Fertigkeiten auf allerhöchstem Niveau.
Wenig später ertönte der Abpfiff und Brand durfte sich als Matchwinnerin feiern lassen. Denn mit ihrem Treffer zum 3:1-Endstand im Rückspiel des Champions-League-Halbfinals gegen den FC Arsenal Anfang Mai hatte sie ihr Team, OL Lyonnes, auf direktem Wege ins Finale geführt. „Der Moment, als der Ball ins Tor gegangen ist, war der schönste Moment, den ich bisher hatte“, erzählte Brand später. „Ich habe den Tag danach das Tor noch relativ häufig angeguckt.“
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Tore hat Brand bislang in der Champions League erzielt und drei Vorlagen gegeben. Damit ist sie beste Scorerin von OL Lyonnes.
Vor wenigen Monaten wäre Brand solch ein Treffer womöglich nicht gelungen. Zwar besitzt sie nicht erst seit ihrem Wechsel nach Lyon im vergangenen Sommer ihre herausragende Technik. Im Gegensatz zu ihren Anfängen hat Brand mittlerweile aber gelernt, ihre Fähigkeiten auch in den entscheidenden Momenten anzuwenden. Damit hat sie letztlich für Lyon den Weg nach Oslo zum Endspiel gegen den FC Barcelona am Samstag (18 Uhr, Disney+) geebnet.
Nach zwei Jahren in Wolfsburg wechselte Brand zu Lyon
Die deutsche Nationalspielerin gilt schon länger neben Klara Bühl vom FC Bayern als die aktuell beste deutsche Offensivspielerin. Nach ihrem Startelfeinsatz im Finale der Europameisterschaft 2022 mit 19 Jahren, folgte die Auszeichnung als „Golden Girl“, also als beste U-21-Spielerin Europas, durch die italienische Zeitung „Tuttosport“. Den bis dahin erfolgreichsten Sommer ihrer Karriere rundete Brands Wechsel zu einem der größten deutschen Vereine, dem VfL Wolfsburg, ab.
Weg aus der Heimat, weg von ihrem Ausbildungsverein, der TSG Hoffenheim. Den gleichen Mut brachte die Mittelfeldspielerin schließlich im vergangenen Juli auf, als sie nach zwei erfolgreichen Jahren beim VfL zum internationalen Topklub nach Frankreich wechselte.
Ich bin immer gerne ins Dribbling gegangen, auch oft mit dem Kopf durch die Wand. In Situationen, in denen es eigentlich unnötig und dumm war.
Jule Brand über ihre schwierige Anfangszeit in Lyon
Wie schon in Wolfsburg brauchte Jule Brand auch diesmal ihre Eingewöhnungszeit. Alles war nochmal eine Nummer größer, besser, erfolgreicher. In Lyon trainierte sie fortan nur noch mit Fußballerinnen auf Weltklasseniveau zusammen. „Ich lerne sehr viel von den Mädels im Training – auch, was die Mentalität angeht“, meint Brand. „Alle haben schon viele Titel gewonnen, sind aber immer noch hungrig auf den nächsten Titel. Das sehe ich einfach im Training, auf dem Platz, neben dem Platz.“
Sie musste sich ihren Stammplatz hart erkämpfen. Anfangs kam sie öfter nur von der Bank, fand lange nicht ganz in ihr Spiel hinein, traf die falschen Entscheidungen und hatte daher insgesamt wenig Einfluss. „Ich bin immer gerne ins Dribbling gegangen, auch oft mit dem Kopf durch die Wand. In Situationen, in denen es eigentlich unnötig und dumm war.“ Ihren ersten Treffer für Lyon erzielte sie erst im Oktober. Später wird sie sagen, dass ihre fußballerischen Leistungen eher durchwachsen und zu inkonstant waren.

© IMAGO/Ball Raw Images/IMAGO/Maciej Rogowski
Doch Jule Brand ist eben eine Fußballerin, die nie aufgibt, die sich reinbeißt und immer versucht, sich weiterzuentwickeln. Diese Beharrlichkeit hat sie nun dahin gebracht, für Lyon eine entscheidende Rolle im Finale des größten europäischen Wettbewerbs einzunehmen. Die Französinnen sind mit acht Titeln Rekordsiegerinnen der Champions League. Ihr Gegenüber, der FC Barcelona, gewann 2021 zum ersten Mal den Titel, stand seitdem immer im Finale und gewann dabei noch zwei weitere Male den vielleicht wichtigsten Pokal im Vereinsfußball.
Es ist das Duell der Gigantinnen und gleichzeitig das Traumfinale der beiden Trainer Jonatan Giráldez und Pere Romeu. Immerhin verbindet die beiden eine gemeinsame Vergangenheit: Romeu war einst Co-Trainer unter Giráldez in Barcelona, ehe Letzterer über Washington Spirit 2025 nach Lyon kam.
Während Romeu bei Barcelona den für die Katalaninnen typischen Ballbesitzfußball aufzieht und dafür mit Alexia Putellas und Aitana Bonmatí die perfekten Spielerinnen hat, dürfte Giráldez im Finale mehr auf das hohe Tempo seines Teams setzen. Gerade bei Umschaltaktionen ist Lyon gefährlich und besitzt auch bei Standards eine hohe Effektivität. „Wir müssen voll da sein, ab der ersten Minute sehr aufmerksam sein“, meint Brand. „Wir wissen, was da auf uns zukommt. Wir wissen aber auch, was uns gefährlich macht und welche Stärken wir haben.“
In Oslo möchte sich Brand ihren großen Traum vom Champions-League-Titel erfüllen. Sollte sie am Samstag den Henkelpott in die Höhe stemmen, wäre es der vorläufige Höhepunkt einer Karriere, die gerade erst richtig begonnen hat – und der beste Beweis dafür, wie sehr deutsche Topspielerinnen vom Schritt ins Ausland profitieren können.
