Wie hart steigende Inflation die Tafeln in Deutschland trifft
Die Kosten für Sprit sind stark gestiegen, auch Lebensmittel werden teurer – der Iran-Krieg treibt die Inflation nach oben. Damit wird es auch für die Tafeln immer schwerer, den Schwächsten der Gesellschaft zu helfen.
Morgens gegen zehn Uhr bei der Tafel in Ludwigshafen. Es muss jetzt fix gehen. In anderthalb Stunden kommen die ersten Kundinnen und Kunden. 33 ehrenamtliche Helfer sind an diesem Vormittag im Einsatz. Draußen liefern die ersten Transporter gespendete Waren aus Lebensmittelgeschäften der Stadt an.
Inmitten des Trubels ist auch Jürgen Hundemer unterwegs. „Die Teuerung der vergangenen Wochen ist auch bei uns aufgeschlagen. Unsere Betriebskosten gehen nach oben – und das deutlich“, sagt der 73-jährige Vorsitzende des Trägervereins der Tafel Ludwigshafen. Seit 18 Jahren arbeitet Hundemer für die Tafel. „Einen solchen Preisschub hatten wir zuletzt nach Corona. Ich mache mir Sorgen, wie das weitergeht – für uns, aber vor allem für die sozial schwachen Menschen, die zu uns kommen.“
Weniger Lebensmittel von Supermärkten
Christa Pflock ist eine der ehrenamtlichen Helferinnen. Hinter ihr sind die Regale noch leer. Pflock räumt die Stiegen aus, die vor wenigen Minuten angeliefert wurden. „Auch die Supermärkte haben zuletzt weniger Frischeprodukte wie Joghurt oder eingepackten Käse gespendet. Sie müssen auch auf ihre Kosten achten“, erzählt die Rentnerin.
„Die verkaufen ihre eigene Ware – reduziert. Und das merken wir schon. Wir haben schon viele Leute, aber derzeit weniger Ware. Vor allem Obst und Gemüse ist derzeit knapp. Aber ich hoffe, da kommt heute noch was.“
Spritpreise als massive Belastung
Draußen fährt Steffen Rohr vor. Er holt die Waren aus der ganzen Stadt ab. Pro Jahr kommen so rund 1.000 Tonnen Lebensmittel aus der Region zusammen. Rohr betankt auch die Transporter. Ein voller Diesel-Tank kostete bislang knapp 70 Euro – jetzt sind es rund 100 Euro. „Wir waren gerade an der Tankstelle und haben da für 2,09 Euro den Liter getankt. Da macht man sich schon seine Gedanken. Für die Tafel ist das ein immenser Kostenblock.“
Die Tafel braucht im Jahr etwa 60.000 Liter Diesel. Drinnen packt auch Jürgen Hundemer bei den angelieferten Stiegen an, bringt sie in die Kühlkammer. Davon gibt es hier vier. Ihm machen auch die Stromkosten Sorgen. „Wir hatten vorher rund 10.000 Euro im Jahr zu bezahlen. Wir gehen derzeit davon aus, dass die Kosten auf das gesamte Jahr gerechnet auf bis zu bis 13.000 Euro steigen dürften.“
70 Familien aus 40 Nationen
Gegen zwölf Uhr geht es los. Zur Tafel in Ludwigshafen kommen Menschen aus 40 Nationen, erzählt Hundemer. Täglich sind es etwa 70 Familien. Alle zwei Wochen dürfen sie hier Lebensmittel holen. Die Tafel-Leitung hat vorab ihre Bedürftigkeit geprüft. Erwachsende zahlen zwei Euro. Für jedes Kind ist es ein Euro pro Einkauf.
Viele schämen sich, wollen nur anonym sprechen – wie ein 80-jähriger Kunde. „Es tut weh, am Ende des Lebens hier angekommen zu sein. Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet, war unter anderem Lkw-Fahrer“, sagt er. Schicksalsschläge und Krankheiten hätten ihn in diese Situation gebracht. „Ohne die Tafel könnte ich kaum noch über die Runden kommen. Es ist alles so teuer geworden. Ich fühle mich von der Politik alleingelassen. Denen da oben geht es gut. Wer kümmert sich noch ums uns?“, fragt der Mann, während er die Lebensmittel einpackt.
Aufnahmestopps und Wartelisten
Eine Kundin nennt ihren Namen: Ramona ist Ende 40 und bezieht wie ihr Mann Bürgergeld. Auf dem Arbeitsmarkt sieht sie nur noch wenig Chancen für sich. Ihr machen die steigenden Preise Angst. „Man merkt, dass alles teurer geworden ist. Ich würde behaupten, dass ich mit einem Drittel weniger vom Einkauf nach Hause komme – für dasselbe Geld“, sagt sie. „Zuletzt ging es noch ohne, aber die letzte Woche im Monat merken wir schon, dass es richtig knapp wird. Wir sind dankbar, dass es die Tafel hier in Ludwigshafen gibt.“
Die Tafel in Ludwigshafen ist kein Einzelfall. Der Dachverband in Berlin spricht von einer bundesweiten Entwicklung. „Die Tafeln spüren die hohen Preise bei Energie und Sprit, können aber kaum sparen: Sowohl die Fahrten, um Lebensmittel einzusammeln, als auch der Strom für Kühlung oder Beleuchtung sind für den Tafel-Betrieb zwingend nötig. Die Kosten für die Lebensmittelverteilung steigen“, so der Vorsitzende Andreas Steppuhn.
Er sieht eine Kostenlawine auf die Tafeln zurollen. „Mehr als 2.500 Tafel-Fahrzeuge sind im Land unterwegs, viele von ihnen jeden Tag.“ Betroffen seien auch die ehrenamtlichen Helfer, die gerade auf dem Land längere Fahrstrecken mit ihrem Pkw zurücklegen müssten. Bundesweit haben die Tafeln etwa 77.000 Helferinnen und Helfer. „Aktuell erhalten deutschlandweit 1,5 Millionen Menschen Unterstützung. Durch die zahlreichen Krisen der letzten Jahre haben bereits etwa ein Viertel der über 970 Tafeln Aufnahmestopps oder Wartelisten“, sagt Steppuhn.
„Da hilft kein zeitlich begrenzter Tankrabatt“
Nicht nur in Ludwigshafen, auch bundesweit spare der Lebensmittelhandel wegen der steigenden Preise. „Wir verzeichnen im Großen und Ganzen seit Längerem einen Rückgang bei den Spenden aus dem Lebensmittelhandel. Ein Grund ist, dass der Handel zunehmend effizienter kalkuliert und weniger Überschüsse entstehen.“
Steppuhn sieht angesichts der Lage die Bundesregierung in der Pflicht und fordert strukturelle Maßnahmen. „Die befristete Senkung der Energiesteuer ist für viele Menschen sicher willkommen, aber sie ist keine zielgerichtete und ausreichende Entlastung für armutsbetroffene Menschen“, so der Chef der Tafeln. „Schon jetzt kommen auch Menschen zu uns, deren Einkommen bislang gerade gereicht hat, die aber durch die steigenden Lebenshaltungskosten zunehmend unter Druck geraten. Da hilft kein zeitlich begrenzter Tankrabatt, sondern eine zielgerichtete, strukturelle Sozialpolitik.“
Essen für die Schwächsten der Gesellschaft – Helfer bereiten in Ludwigshafen Lebensmittel vor.
Gesellschaftliche Spannungen nehmen zu
Stiftungen und Spender aus der regionalen Wirtschaft finanzieren die Tafel in Ludwigshafen. Die Stadt Ludwigshafen stellt das Gebäude und schießt 13.000 Euro jährlich zu, erzählt Hundemer. Insgesamt versorgt die Tafel in Ludwigshafen derzeit etwa 3.000 Menschen mit dem Nötigsten. „Wir haben eine lange Warteliste, die wir nach und nach abarbeiten,“ sagt Stephanie Zimmer aus der Geschäftsstelle.
Sie arbeitet den Papierkram ab, kümmert sich mit um die Organisation. „Es gibt viele Leute, die regelmäßig nachfragen, wann sie denn jetzt dran sind, weil sie eine große Not haben am Ende des Monats und nicht wissen, wie sie ihre Lebensmittel bezahlen sollen. Das hat zuletzt deutlich zugenommen“, so Zimmer. Aber die Tafel habe nur begrenzt Plätze.
Hundemer und sein Team suchen deshalb nach neuen Spendern, um den Betrieb im bisherigen Umfang mit den neuen Preisen aufrechterhalten zu können. „Ich sehe es hier doch jeden Tag: Die Spannungen in der Gesellschaft nehmen zu. Es geht immer mehr auseinander. Die Verteilungskämpfe dürften zunehmen. Das macht mir auf lange Sicht Sorgen.“

