Wie die Ukraine ihr Energiesystem im Krieg umbaut


Im Herbst 2024 startete Russland massive Luftangriffe auf die Ukraine, traf die Energieversorgung hart und schürte damit Ängste um die Sicherheit der Kernkraftwerke. Mehrere Reaktoren wurden vom Netz getrennt. Einer wurde vollständig abgeschaltet.

„Wir hatten nicht einfach nur Angst“, sagt Shaun Burnie, als er sich an diese Nacht erinnert. „Uns graute vor Schrecken.“

Der erfahrene Nuklearspezialist von Greenpeace hat an einigen der am stärksten radioaktiv belasteten Orten der Erde gearbeitet. Gefürchtet hat er sich vor dem, was hätte folgen können.

Shaun Burnie und eine weitere Person in Schutzkleidung mit roten Helm und Maske
Dreimal war Shaun Bernie innerhalb der Anlagen, die den Reaktor von Tschernobyl abschirmen – er sagt, er sei nicht erpicht darauf, zu oft dorthin zurückzukehrenBild: Pavlo Siromenko/Greenpeace

Denn Kernkraftwerke brauchen eine konstante externe Stromversorgung, um Kühlsysteme für den Reaktorkern und abgebrannte Brennelemente zu betreiben. Wenn das Stromnetz zusammenbricht und Anlagen sich vom Netz trennen, schalten sie auf Dieselgeneratoren um. Im schlimmsten Fall – wenn sie sich nicht wieder verbinden können – fallen die Kühlsysteme aus und die Reaktoren überhitzen.

Die nukleare Gefahr bleibt

Die Ukraine weiß, was das bedeutet. Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, explodierte ein Reaktor im Kernkraftwerk Tschernobyl. Hunderttausende Menschen mussten aus der Region evakuiert werden, große Teile Europas wurden radioaktiv kontaminiert.

„Tschernobyl ist Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Jeder kann darüber Geschichten aus der Familie oder der Gemeinschaft erzählen“, sagt Lena Kondratiuk aus Riwne in der Westukraine, die im Bereich erneuerbare Energien arbeitet. „Und jetzt, während des Krieges, ist die Erinnerung noch realer geworden.“

Zwei Personen in Schutzkleidung vor der Reaktor-Schutzhülle
Eine Hülle um den Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl soll die Umwelt vor radioaktiver Strahlung schützen Bild: Kyrylo Chubotin/Ukrinform/ABACA/picture alliance

Bislang hat es keinen weiteren Super-GAU gegeben. Die Ukraine bezieht  mehr als die Hälfte ihres Stroms aus Kernenergie und plant sogar, weitere Reaktoren zu bauen.

Doch die nukleare Gefahr bleibt, da Russland weiterhin die Energieinfrastruktur angreift. Die atomare Aufsichtsbehörde der Vereinten Nationen, die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), hat die Lage Anfang des Jahres als „die weltweit größte Bedrohung für die nukleare Sicherheit“ bezeichnet.

Wie wird die Stromversorgung in der Ukraine resilienter? 

Mehr als die Hälfte der ukrainischen Kapazitäten zur Stromerzeugung ist beschädigt oder zerstört. Große Kraftwerke, ob nuklear, kohle‑ oder gasbetrieben, die große Mengen Strom an einem einzigen Ort erzeugen, sind leichte Ziele. Deshalb ist Dezentralisierung ein attraktiver Ansatz, das Energiesystem besser gegen Angriffe zu schützen.

Arbeiter repariert durch russischen Drohnenangriff beschädigtes Umspannwerk
Dutzende Arbeiter, die das ukrainische Stromnetz nach russischen Angriffen reparierten, haben den Einsatz mit ihrem Leben bezahltBild: Vyacheslav Madiyevskyy/REUTERS

Dazu gehört auch, mehr erneuerbare Energien zu nutzen: Die Anlagen sind schwerer anzugreifen, günstiger zu reparieren und schneller einsatzbereit. „Eine einzelne Rakete reicht aus, um ein Kohlekraftwerk mit 250 Megawatt Leistung zu zerstören“, sagt Chris Aylett, Energieexperte bei der britischen Denkfabrik Chatham House.

Um die gleiche Leistung bei der Stromerzeugung mit Wind zu zerstören, brauche es dagegen 40 Raketen. Solarparks seien ebenfalls widerstandsfähiger. „Wenn es dort Schäden gibt, muss nicht zwangsläufig alles ausfallen – man kann neue Module einbauen“, sagte Aylett.

Diese Vorteile veranlassen ukrainische Energieunternehmen und Nichtregierungsorganisationen, den Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben. Solaranlagen auf Dächern versorgen inzwischen Krankenhäuser, Schulen und öffentliche Gebäude. Im verganenen Jahr installierte die Ukraine Anlagen, die genug Strom für mehr als eine Million Haushalte liefern. Und das alles unter russischem Beschuss.

Stromversorgung sichern mit Solaranlagen

Lena Kondratiuk treibt diesen Trend mit voran. Die heute 25-Jährige war zunächst Freiwillige bei der Nichtregierungsorganisation Ecoclub. 2020 übernahm sie dort eine Stelle als Analystin für erneuerbare Energien.

Nach der russischen Invasion, als Stromausfälle alltäglich wurden, verlagerte die Organisation ihren Schwerpunkt weg von der Lobbyarbeit und startete die Kampagne „Solar Aid for Ukraine“.

Mit 21 begann Kondratiuk, Projekte zu managen. Anfangs schreckte sie vor der Verantwortung zurück, übernahm die Aufgabe aber, „weil Krieg ist, weil ich verstehe, dass ich zum Beispiel morgen sterben kann“.

Lena Kondratiuk von Ecoclub steht vor Solarpaneelen in der Ukraine
Lena Kondratiuk reist mit der Nichtregierungsorganisation Ecoclub durchs ganze Land, um den Menschen mit Solaranlagen eine andere Form der Stromversorgung zu ermöglichenBild: Ecoclub

Wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer hat sie gelernt, sich anzupassen. Ihre Arbeit führt sie inzwischen durch das ganze Land, auch in den Süden nach Mykolajiw, etwa 60 Kilometer von der Frontlinie entfernt.

Bei ihrer ersten Reise in die Stadt wurde diese beschossen, die Stromversorgung lief über Dieselgeneratoren. „Ich wollte nicht dorthin zurückkehren, weil ich Angst hatte“, sagt sie.

Inzwischen unternimmt Kondraktiuk die 13‑stündige Reise etwa einmal im Monat, obwohl Russland auch Personenzüge angreift. Sie liebt Mykolajiw wegen der Menschen. „Sie zeigen, dass es selbst im Krieg noch möglich ist, glückliche Momente in seinem Leben zu finden und weiterzumachen.“

Erneuerbare Energie als Überlebensstrategie

Trotz der Risiken hat Kondratiuk geholfen, fast 90 Solarsysteme in Betrieb zu nehmen. In Orten wie Mykolajiw sind diese Systeme mehr als grüne Energie: Sie sind Lebensadern. 

„Erneuerbare Energien haben in der Ukraine nichts mit dem Klimawandel und Nachhaltigkeit zu tun. Es geht darum, jetzt zu überleben“, sagt Kondratiuk. „Es geht um den Zugang zu grundlegenden Bedürfnissen.“

Diese Solar‑ und Batteriesysteme halten die Wasserversorung bei Stromausfällen in Betrieb. Sie ermöglichen Krankenhäusern während der Ausfälle den Betrieb aufrechtzuerhalten  und Kindern, ihre Handys zu laden, um mit ihren Eltern in Kontakt zu bleiben.

Arbeiter installieren Solarpaneele auf dem Dach einer Geburtsklinik
Solarpaneele auf einer Geburtsklinik in Kyjiw: Hybride Systeme aus Solarkraft und Batteriespeichern haben sich für Ukrainer als Lebensader während der Stromausfälle erwiesenBild: Anatolii Stepanov/AFP

Bei einem Projekt, an dem sie mitarbeitete, wurde ein Pflegeheim für Frauen mit psychischen und neurologischen Erkrankungen mit Solarpanelen ausgestattet. Vor der Installation standen Mitarbeitende um vier Uhr morgens auf, um Mahlzeiten zuzubereiten, bevor der Strom abgeschaltet wurde. 

Was andere von der Ukraine lernen können

Für die Ukrainerinnen und Ukrainer ist es oberste Priorität, dass der Strom weiter fließt. Kernenergie war dafür entscheidend. Ohne sie, so sagen Experten, stünde die Ukraine angesichts der im Krieg zerstörten fossilen Erzeugungskapazitäten deutlich schlechter da. 

Ukraine: „Tun alles, damit die Menschen wieder Wärme haben“

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Der britische Energieexperte Aylett hat untersucht, welche Lehren europäische Länder aus den Erfahrungen der Ukraine beim Betrieb eines Stromnetzes unter ständigem Beschuss ziehen können. Die Ukrainerinnen und Ukrainer hätten „eine erstaunliche Art von Einfallsreichtum beim schnellen Wiederaufbau gezeigt. Das hat uns viel darüber gesagt, wo die verwundbaren Stellen sind, und was man berücksichtigen muss.“

Die wichtigste Lehre ist demnach, die Infrastruktur geografisch zu streuen – unabhängig von der Energiequelle. Ebenso wichtig ist die Diversifizierung des Energiemixes mit mehr erneuerbaren Energien und Speicherkapazitäten.

Dazu kommt als dritter Punkt: Vorräte anlegen von den richtigen Komponenten, die ein System am Laufen halten. Und diese Komponenten standardisieren, damit eine Reparatur höchstens Wochen und nicht Monate dauert.

Zur Zukunft der Kernenergie äußert sich Aylett pragmatisch. In Ländern wie Frankreich, wo sie eine wichtige Energiequelle ist, sehe er keinen Grund, warum dies enden sollte. „Letztlich will man einfach so viel CO2‑arme Energie wie möglich ausbauen und sie dabei so sicher wie möglich machen.“

Drohnenschaden an Schutzhülle des Kernkraftwerks zeigt ein Loch in der Außenhülle
Im Februar 2025 beschädigte eine russische Drohne die Schutzhülle am havarierten Kernkraftwerk Tschernobyl – laut Fachleuten wird diese nicht mehr so funktionieren wie einst geplantBild: State Agency of Ukraine on Exclusion Zone Management

Projektmanagerin Kondratiuk ist froh, so lange nach der Tschernobyl-Katastrophe geboren worden zu sein – auch wenn sie nun eine andere Katastrophe in der Ukraine erlebt, von der sie nicht erwartet, dass sie bald endet.

Dennoch blickt sie auf eine Zeit nach dem Krieg. „Ich möchte meinem Land weiterhin helfen, ich möchte meine Arbeit beim Ecoclub fortsetzen“, sagt sie. „Ich denke immer noch, dass es selbst nach dem Krieg und nach unserem Sieg noch mehr Arbeit geben wird als jetzt, weil wir das Land wiederaufbauen müssen – und es grüner und besser wiederaufbauen müssen.“

Aus dem Englischen adaptiert von Uta Steinwehr.

Dieser Artikel basiert auf einer Folgedes DW-Podcasts „Living Planet“. 



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