Warum Europa auf Indopazifik schaut


Der australische Verteidigungsminister Richard Marles wählte drastische Worte. Der Meeresboden sei zu einem „Schlachtfeld“ geworden, sagte er Ende Mai auf dem Shangri-La-Dialog in Singapur. Angriffe auf Unterseekabel hätten ein historisch beispielloses Ausmaß erreicht.

Tatsächlich verbindet kaum etwas Europa und den Indopazifik heute stärker als die Sorge um jene Infrastruktur, die den globalen Datenverkehr, die Kommunikation und große Teile der Weltwirtschaft zusammenhält. Am Rande des Dialogs kündigten Australien, Großbritannien und die USA unbemannte Systeme zum Schutz dieser Unterwasserinfrastruktur an.

Warum kleine Wasserstraßen Großmächte verwundbar machen

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Die Debatte verweist auf eine lange unterschätzte Entwicklung: Europa und die Staaten im Indopazifiks teilen zunehmend dieselben strategischen Verwundbarkeiten. Das französische Institut für Internationale Beziehungen (IFRI) spricht von einer neuen Sicherheitsrealität, in der die Interessen Europas und Ostasiens enger zusammenrücken als jemals zuvor. Dabei verschärft sich der Druck: China weitet seine militärische Expansion aus, flankiert durch eine geoökonomische Bewaffnung von Handelswegen.

„Europa spielt in Asien sicherheitspolitisch keine Rolle“

Besonders sichtbar wird diese Verwundbarkeit bei den Unterseekabeln. „Die Sicherheit dieser Kabel ist ein globales Gemeinschaftsgut“, sagt Christian Wirth von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) im DW-Interview. Die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur sei heute eine gemeinsame Herausforderung, sei es durch Russland in der Ostsee oder durch Akteure im Indopazifik. Vorfälle müssten als systemisches Risiko gewertet werden, das den globalen Handel flächendeckend gefährde, sagt er. Die Taiwanstraße sei in diesem Kontext nicht nur ein lokales Problem, sondern ein entscheidender Faktor für die globalen Sicherheitsinteressen.

Wie konkret diese Verwundbarkeit geworden ist, zeigte sich bereits mehrfach in der Taiwanstraße. Allein 2025 wurden in der Meeresenge zwischen dem chinesischen Festland und der Insel Taiwan mehrere Unterseekabel beschädigt. In einem Fall hielt 2025 die taiwanische Küstenwache ein Frachtschiff fest, nachdem dieses eine wichtige Kommunikationsverbindung zwischen Taiwan und den Penghu-Inseln vor der chinesischen Küste, die aber unter taiwanesischer Verwaltung stehen, zerstört hatte. Das Schiff fuhr unter der Flagge des westafrikanischen Lands Togo. Acht Besatzungsmitglieder war aber alle Festlandchinesen. Der Kapitän wurde 2025 von einem taiwanesischen Gericht zu drei Jahren Haft verurteilt. Ob technische Defekte oder gezielte Sabotage dahinter standen, blieb umstritten. 

Für viele Sicherheitsexperten sind solche Vorfälle jedoch Beispiele für sogenannte „Grauzonen“-Operationen unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts. Marc Saxer, Geopolitikexperte der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in Bangkok, sagt, dass Europa die technologische Innovationskraft Ostasiens aus sicherheitspolitischer Sicht neu kalibrieren müsse. „Die Freiheit der Seewege ist ein sicherheitspolitisches Interesse Deutschlands“, so Saxer zur DW. Besonders die Straße von Malakka sei für deutsche Lieferketten zentral. Allerdings gelte auch etwas anderes: „Ostasien liegt jenseits der sicherheitspolitischen Machtprojektionskapazitäten Europas. Deswegen spielt Europa dort sicherheitspolitisch keine Rolle.“

„Fenster der Verletzbarkeit“

Sicherheitsfragen in Europa, im Nahen Osten und in Ostasien müssten immer im Zusammenhang beantwortet werden. „Wir beobachten gegenwärtig die Ausbildung einer Welt, die in drei geopolitische Konfliktzonen zerfällt“, sagt Saxer. Würden Ressourcen in einer Region gebunden, fehlten sie an anderer Stelle.

Deutsche Fregatte im Südchinesischen Meer

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Die europäisch-indopazifischen Beziehungen befänden sich in einer neuen Phase, sagt Christian Wirth. Diese sei geprägt durch eine disruptive US-Politik, bei der die Vereinigten Staaten Truppen und Waffen zwischen Krisenherden verlagern müssen – insbesondere jene Raketentypen, die sowohl in der Ukraine als auch in Taiwan oder Südkorea dringend benötigt würden. Diese Dynamik verdeutliche schmerzlich, dass die USA als stabiler verlässlicher Sicherheitsgarant für beide Regionen zunehmend wegbrechen. Auch das Pariser EU Institute for Security Studies (EUISS) warnt: Die gegenwärtigen Belastungen könnten Europas „Fenster der Verletzbarkeit“ vergrößern.

Diplomatie und industrielle Realität

Ein zentraler Punkt bleibt die ordnungspolitische Zusammenarbeit. „Man möchte mit Europa gemeinsam retten, was von der regelbasierten multilateralen Ordnung noch übrig ist“, sagt Saxer. Er schränkt jedoch ein, dass für viele Staaten Asiens sowie den Globalen Süden die Weltordnung von 1945 nicht länger akzeptabel sei, sondern reformiert werden müsse.

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Hier zeigt sich ein Spannungsfeld: Während das IFRI für eine stärkere industrielle Eigenständigkeit Europas und den Ausbau eigener Verteidigungsfähigkeiten plädiert, mahnt Saxer zur Vorsicht vor einer sicherheitspolitischen Überdehnung. Er sieht die deutschen Interessen in einer Hierarchie, in der die Herausforderungen in Europa Vorrang hätten. Wirth verweist ergänzend auf die zunehmenden Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien und die Notwendigkeit größerer europäischer Handlungsfähigkeiten.

Frachtschiff «Hongtai» (r) neben Schiffen der Küstenwache Taiwans
Die taiwanesische Küstenwache eskortiert ein verdächtiges Frachtschiff „Hongtai“ nach einer Kabelbeschädigung, 2025Bild: Küstenwache Taiwans/dpa/picture alliance

Dass die sicherheitspolitische Verflechtung beider Regionen längst über diplomatische Erklärungen hinausreicht, zeigt auch die Rüstungsindustrie. Südkorea hat sich in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Lieferanten von Rüstungsgütern für europäische Staaten entwickelt. Die sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen Europa und Ostasien werden damit zunehmend auch durch industrielle Kooperationen und gemeinsame Lieferketten geprägt.

Dass eine solche Neuausrichtung auch vor dem Hintergrund neuer diplomatischer Leitplanken – etwa der „konstruktiven strategischen Stabilität“ zwischen den USA und China – relevant bleibt, darin sind sich Wirth und Saxer einig. Beide Beobachter unterstreichen, dass dieser globale Rahmen die europäischen Staaten nicht von der Aufgabe entbinde, ihre Handlungsfähigkeit durch eine diversifizierte Basis zu stärken. 



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