Wann ist der Gipfel erreicht? Wie Gehzeiten auf Wegweisern in den Bergen errechnet werden – Bayern
Für Stefan Winter selbst ist es nicht unbedingt sinnvoll, sich an die Orientierungen für Gehzeiten seines eigenen Arbeitgebers zu halten. Winter war viele Jahre Leistungssportler, er ist geprüfter Bergführer und Ressortleiter Sportentwicklung beim Deutschen Alpenverein (DAV). Wenn Winter in den Bergen unterwegs ist, schafft er also Touren, für die normal trainierte Wanderer sechs Stunden brauchen, in deutlich geringerer Zeit. Die knallgelben Wegweiser mit ihren Zeitangaben sind ihm da kaum eine Hilfe.
Und trotzdem schätzt Winter die Zeitangaben, weil sie Wanderern und Bergsteigern eine unerlässliche – und manchmal lebensrettende – Orientierung geben. „Die Berechnung von Gehzeiten ist essenziell für die Tourenplanung und die Sicherheit in den Bergen“, sagt Winter, etwa wenn es darum geht, vor dem Gewitter oder der Dämmerung wieder im Tal zu sein. Um die Angabe der Gehzeiten, etwa auf Wegweisern in den Alpen, zu vereinheitlichen, nimmt der Alpenverein eine Formel zur Grundlage, die Höhenmeter und zurückgelegte Strecke berücksichtigt – und sich an einem eher gemütlichen Tempo orientiert, bei dem sich normal trainierte Menschen noch unterhalten können.
Die Gehzeiten, die Markierungen für die Schwierigkeitsgrade, selbst das Material für Wegweiser und die Schriftgröße für Zwischenziele, Wegnamen, Ziele und Entfernungen sind inzwischen bis auf den Millimeter exakt geregelt. Es gibt dafür ein Wegehandbuch des deutschen und des österreichischen Alpenvereins, für die Berechnung von Gehzeiten ist sogar eine DIN-Norm eingetragen.
Das war nicht immer so, vor Jahrzehnten hat man sich weniger Gedanken gemacht und sich auf Ortskundige verlassen, die Wegzeiten eher nach der Methode „Pi mal Daumen“ auf Schilder pinselten. „Vor einem guten halben Jahrhundert hat das Thema dann verstärkt touristische Institutionen, Gemeinden, Verbände und Seilbahnen erreicht“, sagt Winter. Zu einer grundlegenden Formel und Vereinheitlichung hat es dennoch bis ins neue Jahrtausend gedauert. Die Formel ist laut Winter gerade jetzt wieder wichtig, zu Pfingsten, wenn der Sommer ansteht und die Saison in den Bergen anläuft – und gerade unerfahrene Wanderer Orientierung brauchen.
Die Alpenvereine in Deutschland und in Österreich gehen in ihrer Formel davon aus, dass Wanderer pro Stunde 300 Höhenmeter im Aufstieg und 500 Höhenmeter im Abstieg bewältigen. In der Horizontalen legt der durchschnittliche Wanderer demnach vier Kilometer pro Stunde zurück. Beide Werte, also der für die Höhendifferenz und der für die Entfernung, werden zunächst separat berechnet. Dann wird der kleinere Wert halbiert und mit dem größeren Wert addiert. Das Ergebnis ist die Gehzeit bis zum Zielpunkt.
300 Höhenmeter und vier Kilometer legt ein durchschnittlicher Wanderer laut DAV in der Stunde zurück. Sind es bis zum Gipfel 900 Höhenmeter und acht Kilometer Entfernung, berechnet sich die Gehzeit laut Formel wie folgt:
Höhenmeter: 900 Meter = 3h
Entfernung: 8km = 2h
Halbierung kleinerer Wert: 2h x 0,5 = 1h
Ergebnis: 1h+3h = 4h
Die Gehzeit für eine solche Tour beträgt vier Stunden.
„Das beruht auf Erfahrungswerten, ist aber im Ergebnis trotzdem immer nur ein Mittelwert, der in jeglicher Hinsicht nach oben und nach unten abweichen kann“, warnt Winter. Puffer für Pausen müssen Wanderer ohnehin draufschlagen. Wer öfter mal stehen bleibt und eine Karte herausholt, die Aussicht genießt oder die Vegetation begutachtet, ist vielleicht langsamer. Wer mit Kindern unterwegs ist, muss sowieso mit längeren Gehzeiten rechnen. Und wer fitter ist, läuft schneller. Die Schweizer, sagt DAV-Experte Winter und lacht, gehen grundsätzlich von leistungsorientierten Bergsteigern aus: Dort berechnet man die Gehzeit nach derselben Formel, geht allerdings beim Aufstieg von 400 Höhenmetern pro Stunde aus.
Abweichungen von der Formel bedingen auch die Verhältnisse in den Bergen: Ist es regnerisch und rutschig, dauert es länger. Ist der Weg „ausgesetzt“, besteht also die Gefahr abzustürzen, oder „verblockt“, also felsig und steinig, ebenfalls. Im schroffen Karwendelgebirge, sagt Winter, benötigt man demnach tendenziell länger von A nach B als im von Wiesen und Weideland geprägten Allgäu, trotz gleicher Höhenmeter und Entfernung.
30 000 Kilometer Wegenetz betreut der Deutsche Alpenverein in den bayerischen Bergen. Die Schilder mit den Gehzeiten stellen die sogenannten Wegereferenten der für die Regionen zuständigen Sektionen auf. In Arbeitsgruppen machen sie sich laut Winter Gedanken darüber, wo die Schilder am besten platziert werden und halten sich dabei an Vorgaben aus dem Wegehandbuch: 600 Millimeter lang soll so ein Schild etwa sein und in gelber Signalfarbe, RAL 1023.
Gehzeiten bis 45 Minuten werden in Fünf-Minuten-Abständen angegeben, Gehzeiten von ein bis zwei Stunden in Viertel-Stunden-Abständen und Gehzeiten von mehr als zwei Stunden in Halb-Stunden-Angaben. Die Wegereferenten sollen die Formel als Grundlage nutzen. Ist ein Weg ihrer Erfahrung nach schwierig zu gehen, schlagen sie trotzdem noch etwas Zeit drauf auf den errechneten Weg.
Auch andere Verbände, die Wegweiser mit Gehzeiten anbringen, halten sich mehrheitlich an die Formel, etwa Tourismusverbände oder Kommunen. Wo der DAV nicht aktiv ist, also in den Mittelgebirgen oder bei Wanderungen im flachen Land, orientieren sich die Hinweisschilder an der DIN-Norm 33466, die 2004 erschienen ist und ebenfalls die Formel aus alpinen Gebieten abbildet. In der mangelhaften Kennzeichnung von Wanderwegen, heißt es bei DIN, liege „ein hohes Sicherheitsrisiko“.
Ambitionierte Bergsteiger, weiß auch DAV-Experte Winter, neigten dazu, ihre Touren akribisch zu planen und errechneten sich anhand von Tourenbeschreibungen auf entsprechenden Portalen vorab ihre Gehzeiten. Der Bergführer empfiehlt solch eine Vorbereitung auch weniger erfahrenen Wanderern, die seiner Erfahrung nach oftmals zu spät am Tag auf Bergtouren starteten. So geraten sie nachmittags in Sommergewitter oder im Herbst in die Dämmerung und damit bei Sturm und Dunkelheit in Gefahr, weil sie ihre Gehzeit unterschätzen.


