Wackelt der Urlaub wegen der gestiegenen Kerosinpreise?

Lieber auf das neue Kleid oder die neuen Shorts für den Urlaub verzichten als auf den Urlaub insgesamt – nach dieser Devise handeln offenbar 46 Prozent der Deutschen. Gemäß einer Studie des Unterkunftsuchportals Trivago, deren Ergebnisse der F.A.Z. vorliegen, würden sie über drei Monate auf den Kauf jeglicher Bekleidung verzichten, um ihre Urlaubskasse aufzubessern. 31 Prozent würden Videostreamingdienste kündigen, 33 Prozent den Besuch im Fitnessstudio streichen.
Urlaub genießt einen hohen Stellenwert, nur drei Prozent stufen ihn als „nicht notwendig“ ein, 31 Prozent halten ihn für in jedem Fall „unverzichtbar“. Doch dass in Umfragen überhaupt derart detailliert danach gefragt wird, ist ein Anzeichen dafür, dass mit den Folgen des Irankriegs Sorgen in die Urlaubswelt eingezogen sind. Die Neubuchungen sind eingebrochen, für Reiseveranstalter mit ihrem Kernprodukt Pauschalreisen maß der Marktforscher Travel Data and Analytics (TDA) 19 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahresmonat, während zugleich die Flugpreise stiegen.
„Die Kombination aus einer Krise und Preisrisiken führt zur Buchungszurückhaltung“, sagt TDA-Fachmann Roland Gassner der F.A.Z. „Das, was im März und Anfang April nicht gebucht wurde, fehlt bei Reisen im Mai und Juni. Für das Geschäft mit Best-Agern, kinderlosen Paaren und Singles sind diese Monate aber eigentlich eine wichtige Phase.“ Für die Sommerferien bleibe ein Hoffnungsschimmer. „Seit Mitte April sehen wir eine leichte Erholungstendenz.“ Davon profitierten Ziele wie Griechenland, nachdem im März die Nachfrage für das gesamte östliche Mittelmeer gesunken war. „Insgesamt bleiben die Neubuchungen aber deutlich unter dem Vorjahresniveau“, sagt Gassner.
Bis Februar liefen die Geschäfte gut, seitdem ist es anders
Hinter den Kulissen spricht mancher von einem „Sturm“, der durch die Branche wirbele. Der touristische Vertriebsklimaindex des Beratungsunternehmens Dr. Fried und Partner, eine Art Ifo-Index für die Reisebranche, ist auf 75 gestürzt. Werte unter 100 zeigen Pessimismus an. Der Index lag in den vergangenen zwei Jahrzehnten nur im ersten Corona-Jahr niedriger.
Bis Ende März hatten sich nach den Zahlen von Marktforscher TDA Reiseveranstalter wie TUI, Dertour und Alltours Sommerbuchungen gesichert, deren Wert 59 Prozent des gesamten Vorjahressommergeschäfts erreicht. Bis Ende Februar liefen die Geschäfte gut, seitdem ist es anders. In Summe dürften noch Sommerbuchungen mit einem zweistelligen Milliardenwert ausstehen, um bis zum Saisonende das Vorjahresniveau zu erreichen. 2025 waren bei Reiseveranstaltern nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes Buchungen über 43,4 Milliarden Euro eingegangen, der Großteil davon für das Sommerhalbjahr.
„Positiv für Reiseveranstalter war, dass zu Kriegsbeginn schon mehr als die Hälfte der üblichen Sommerbuchungen erfolgt war“, sagt Gassner. „Seitdem haben sie vor allem schon sechs Wochen mit Buchungseingängen von 15 bis 20 Prozent unter dem Vorjahresniveau erlebt.“ Kreuzfahrten und höherwertige Reisen von Spezialanbietern seien davon weniger betroffen, das Geschäft mit Sommerurlauben für Familien mit begrenztem Budget umso stärker.
Dertour: Airlines haben Eigeninteresse, Urlauberflüge durchzuführen
Der Ausblick des Marktforschers Gassner gerät skeptisch. „Die Inflation wird eher steigen, was die Kaufkraft der Bürger verringert. Die konjunkturellen Aussichten sind mäßig.“ Und es gebe einen Unterschied zur Krise 2020. „Am Beginn der Corona-Pandemie, als Buchungen ebenfalls ausblieben, halfen den Beschäftigten Kurzarbeitsprogramme. Es bleibt abzuwarten, ob es diese in einer ähnlichen Weise nochmals geben kann. Wirtschaftliche Sorgen der Menschen wachsen“, sagt er.
Dazu kommen Bedenken, ob das Kerosin für Flüge reicht. Luftfahrtverbände mahnen Staaten zur Vorsorge, die Internationale Energie-Agentur hat sich voller Bedenken geäußert. Christoph Debus, einst in der Geschäftsführung des Ferienfliegers Condor und heute Chef des Reiseanbieters Dertour, rechnet dennoch nicht mit leeren Tanks. Vom Nahostkonflikt und der Blockade in der Straße von Hormus seien etwa 15 bis 20 Prozent der globalen Rohöl-Versorgung betroffen. „Das heißt im Umkehrschluss: 80 bis 85 Prozent sind weiter verfügbar“, sagt Debus der F.A.Z.
Neubuchungen für die Türkei halbiert
„Zudem besteht ein starkes Eigeninteresse der Airlines, Ferienflüge mit einer hohen Auslastung durchzuführen.“ Soll heißen: Wenn Flüge wegfallen, dann sind es nicht die Urlaubershuttles. „Für die Sommerferien und den Herbst rechnen wir derzeit mit einer insgesamt stabilen Kapazität“, sagt Debus. Doch wenn die Situation in der Straße von Hormus länger anhalte, seien Anpassungen in Flugplänen nicht auszuschließen.
Der Lufthansa-Konzern nahm gerade Tausende Flüge für die nächsten Monate aus dem Plan. Auf der Streichliste stehen Bydgoszcz, Rzeszów und Katowice in Polen, das britische Newcastle sowie alle Kurzzubringer von Stuttgart nach Frankfurt. Mittelmeerziele finden sich auf der Streichliste keine. Flüge zu Badezielen sind traditionell im Sommer voller als manche von Geschäftsreisenden genutzte Städteverbindung – und für Airlines lukrativer.
Die Krise verschiebt derweil Reiseströme. In der Trivago-Umfrage gaben 32 Prozent an, Ziele zu meiden, die sie früher in Betracht gezogen hätten. 46 Prozent fokussierten sich auf Ziele, die ihnen vertrauter seien oder die sie als sicherer ansähen. Dabei werden Länder in einem sehr weiten Umkreis um die Golfregion aussortiert. Laut TDA war die Türkei vor Kriegsbeginn zum meistgebuchten Pauschalreiseziel aufgestiegen, im März halbierten sich die Neubuchungen. Nun ist Spanien zurück an der Spitze. Das Land war eines der wenigen Flugziele, für die zuletzt die Buchungen sogar stiegen.
„Insbesondere Urlaubsorte im westlichen Mittelmeerraum stehen hoch im Kurs“, bestätigt Debus. „Zusätzliche Flugverbindungen sorgen aktuell für bessere Verfügbarkeiten, mehr Flexibilität und stabilere Preise.“ Auch für Fernziele wie Mauritius oder Sansibar wurden mehr Direktflüge ohne Umstieg in den Emiraten organisiert. Zwei Monate lang galt für die Emirate eine Reisewarnung, weswegen Reiseveranstalter keine Reisen mit Zwischenstopp am Golf verkaufen konnten. Am Wochenende hob das Auswärtige Amt die Warnung auf. Allerdings dürften viele Urlauber den Umstieg dennoch scheuen, zumal das Auswärtige Amt weiter von Reisen in die Golfregion dringend abrät.
Debus hält nichts davon, in der Hoffnung auf ein Ende des Konflikts und auf Last-Minute-Schnäppchen abzuwarten. „Im Moment steigt der Kerosinpreis.“ Wenn er auf einem hohen Niveau bleibe, seien „Kostensteigerungen für zukünftige Buchungen nicht auszuschließen“. Auch die Hotelsuche könne schwieriger werden. „Es muss auch berücksichtigt werden: Wenn andere Urlauber aus anderen Ländern schon buchen, warten Hoteliers nicht auf die deutschen Reisenden.“
