Vertriebenentag in Tschechien: Sieg der Zivilgesellschaft


Achtzig Jahre nach der Vertreibung von drei Millionen Sudetendeutschen aus der damaligen Tschechoslowakei haben die guten deutsch-tschechischen Beziehungen den ersten Sudetendeutschen Tag auf dem Gebiet der Tschechischen Republik überstanden. Es zeigte sich jedoch auch, dass es in der heutigen Prager Regierungskoalition unter Premier Andrej Babis und unter deren Wählerinnen und Wählern viele gibt, die keine Versöhnung und Zusammenarbeit mit Deutschland wünschen.

Mit den Stimmen der Regierungsabgeordneten hatte die Regierungskoalition am 14. Mai eine Resolution verabschiedet, in der die Abgeordnetenkammer des tschechischen Parlaments die Durchführung des Sudetendeutschen Tags in Tschechien „verurteilte“ und knapp eine Woche vor dessen Beginn zur Absage der Veranstaltung aufrief.

Premier Andrej Babis selbst forderte immerhin, dass die Proteste gegen das Treffen zu der die tschechische Bürgerinitiative „Meeting Brno“ in der gleichnamigen Stadt (deutsch: Brünn) eingeladen hatte, friedlich verlaufen sollten. „Die Organisatoren meinen es vielleicht gut, aber sie sind sich nicht bewusst, wie negativ dies von einem Teil unserer Gesellschaft wahrgenommen wird“, so der tschechische Premier

Ein „relativ großer Teil“ der tschechischen Bevölkerung sehe in der Veranstaltung keinen Versuch der Versöhnung, „sondern im Gegenteil eine Provokation“, so Babis gegenüber dem Online-Portal Denik.cz. „Ich möchte alle bitten, vernünftig zu sein und dafür zu sorgen, dass dort wirklich nichts passiert. Das wäre für unser Land und unseren Ruf sehr schlecht“, appellierte der Premier an die Gegner des ersten Sudetendeutschen Treffens in Tschechien. Bisher hatten die Vertrieben sich immer in Deutschland getroffen .

Trügerische Idylle

Letztlich verliefen sowohl die Veranstaltungen rund um den Sudetendeutschen Tag, der vom 22. bis 24. Mai in Brno stattfand, als auch die Demonstrationen gegen das Treffen friedlich. Die Resolution der Regierungsabgeordneten sowie einige hasserfüllte Reden bei der Demonstration der Gegner einer Aussöhnung mit Deutschland haben jedoch den bisher vorherrschenden Eindruck erschüttert, dass Deutsche und Tschechen alle Fragen der Kriegs- und Nachkriegsvergangenheit geklärt hätten.

Viele Menschen haben sich auf einem Platz versammelt, einige Von ihnen halten weiß-blau-rote Fahnen hoch, auf einem Plakat in der Mitte steht in Frakturschrift "Heim ins Reich!"
25.05.2026: Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Protestmarsch gegen den Sudetendeutschen Tag in BrnoBild: Václav Šálek/CTK/dpa/picture alliance

1997 hatten sich beide Seiten in einer Erklärung verpflichtet, „ihre Beziehungen nicht mit politischen und rechtlichen Fragen aus der Vergangenheit zu belasten“. Nun hat sich jedoch herausgestellt, dass der Blick auf das gegenseitige Verhältnis vor allem unter den Tschechinnen und Tschechen rosiger erschien, als er tatsächlich war. Diese trügerische Idylle führte im Mai 2025 zu der Entscheidung der Führung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, ihr jährliches Treffen 2026 zum ersten Mal in Tschechien abzuhalten.

„Aber damals gab es auch eine andere Koalitionsregierung, deren Minister zu sudetendeutschen Treffen reisten, die auf deutschem Gebiet stattfanden. Manch einer könnte zu dem Schluss gekommen sein, dass die Durchführung des Sudetendeutschen Tages auf tschechischem Gebiet dazu beitragen würde, dass sich Tschechien und Deutschland noch näherkommen“, so der Co-Vorsitzende des Deutsch-Tschechischen Gesprächsforums und ehemalige Botschafter Prags in Berlin, Rudolf Jindrak, gegenüber der DW.

„Aber auch vor einem Jahr hätte man sich den tschechischen Wahlkalender ansehen und Szenarien ausarbeiten sollen, wie diese Wahlen ausgehen könnten und wie die Unterstützung dann aussehen würde. Das ist offensichtlich nicht geschehen“, so Jindrak weiter. Nach den Wahlen im Herbst 2025 hatte Babis rechtspopulistische Partei ANO eine Regierung mit zwei rechtsextremen Gruppierungen, der „Motoristen-Partei“ und der Partei „Freiheit und direkte Demokratie“ (SPD) gebildet.

Tschechiens Demokraten für Versöhnung

Der Sprecher der Sudetendeutschen Landsmannschaft, der ehemalige CSU-Europaabgeordnete Bernd Posselt, zeigte sich wenig überrascht über den Widerstand gegen den Sudetendeutschen Tag in Brno. „Nationalisten und Kommunisten waren schon immer gegen die europäische Einheit und die Versöhnung zwischen den Völkern“, erklärte Posselt gegenüber der DW.

Ein Mann spricht in eine Mikrofon, neben ihm steht eine Frau, hinter den beiden sind weitere Menschen zu erkennen
22.05.2026: Bernd Posselt, der Vorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft, spricht beim Treffen in Brno Bild: Aureliusz M. Pędziwol/DW

Überraschend sei hingegen die „breite Unterstützung, die das Vertriebenentreffen von allen pro-europäischen und demokratischen Parteien in der Tschechischen Republik erhalten hat“, so Posselt weiter. Alle Oppositionsparteien im Prager Parlament hatten sich für die Durchführung des Vertriebenentreffens in Brno ausgesprochen. Viele ihrer Politiker, angeführt von Milos Vystrcil, dem Senatspräsidenten, waren sogar anwesend.

Der pro-westliche tschechische Präsident Petr Pavel übernahm die Schirmherrschaft über die Veranstaltung und empfing am Sonntag in Prag auch den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der zuvor in Brno gesprochen hatte. „Bayern und Tschechien sind Freunde und Partner“, betonte Söder beim Empfang.

Zudem versuchte Pavel gemeinsam mit seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier, die Situation rund um den Kongress zu beruhigen. „Wir schätzen den Weg der Versöhnung sehr“, erklärten die Präsidenten am 21. Mai in einer gemeinsamen Erklärung.

Mehrheit der jungen Tschechinnen und Tschechen für Treffen

Tausende Tschechinnen und Tschechen, die an Versöhnungsveranstaltungen mit Sudetendeutschen teilnahmen, sowie viele Oppositionspolitiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Tschechiens schafften es schließlich, den bitteren Nachgeschmack der Polemik gegen Deutschland und die Deutschen durch tschechische Nationalisten und Prager Regierungspolitiker in einen positiven Eindruck der Tagung in Brno zu verwandeln.

Laut der Politikwissenschaftlerin Jana Urbanovska von der Masaryk-Universität in Brno ist der Erfolg des Sudetendeutschen Tags ein Sieg der tschechischen Zivilgesellschaft. „Das Treffen in Brno hat die Stärke und den Mut der Zivilgesellschaft gezeigt, die sich von der ablehnenden Haltung der populistischen Regierungskoalition nicht einschüchtern ließ und ihr Vorhaben erfolgreich zum Ende gebracht hat“, erklärt Urbanovska gegenüber der DW. „Es ist die Zivilgesellschaft, die die tschechisch-deutsche Partnerschaft trägt“, fügte sie hinzu.

An diesem Punkt hat die tschechische Zivilgesellschaft vor allem unter den Bürgerinnen und Bürgern Tschechiens noch viel zu tun: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Median vom 21. Mai sprachen sich 57 Prozent der Befragten gegen die Ausrichtung eines Sudetendeutschen Tages in ihrem Land aus. Am stärksten dagegen waren Menschen über 75 Jahre und Wähler der Regierungskoalition. Dagegen befürwortete die Mehrheit der Befragten unter 50 Jahren das Vertriebenentreffen.

 



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