USA: Wie David Holt in Oklahoma City Einheit schafft
Oklahoma City gilt als Inbegriff der Durchschnittlichkeit – so sehr, dass Marktforscher die Stadt als Testmarkt für „Average America“ anpreisen. Demographie und Diversität spiegeln den nationalen Schnitt wider. Und auch politisch ist die Stadt im zentralen Süden der Vereinigten Staaten ein Mikrokosmos des Landes: In der Präsidentenwahl 2024 stimmte knapp die Hälfte für Donald Trump und knapp die Hälfte für Kamala Harris – also fast so, wie die USA insgesamt (49,7 zu 48,2 Prozent).
Und doch funktioniert in Oklahoma City etwas, womit sich der Rest des Landes schwer zu tun scheint. Die Stadt mit ihren 700.000 Einwohnern und 1.600 Quadratkilometern Fläche leidet nicht an einer Zerrissenheit und Polarisierung, die den politischen Betrieb andernorts lähmt. Oklahoma City wirkt vielmehr vereint: Im Februar wurde ihr Bürgermeister David Holt, ein Republikaner, mit 86 Prozent der Stimmen für eine dritte Amtszeit bestätigt. Initiativen, die anderswo im Streit versanden, finden hier parteiübergreifenden Rückhalt.
Für Bürgermeister Holt ist das kein Zufall, sondern ein Beweis, dass Amerika funktioniert. „Die meisten Amerikaner können Kompromisse schließen. Sie sind pragmatisch. Sie wollen weiterkommen und Dinge umgesetzt bekommen. Sie müssen nicht in jedem Punkt zu hundert Prozent bekommen, was sie wollen; sie sind bereit, sich auf etwas zu einigen, das einen tragfähigen Kompromiss darstellt“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Amerika – ein zutiefst gespaltenes Land? „Nein“, sagt Holt und lässt an seiner Antwort keinen Zweifel.
Vorwahlen geben den Rändern zu viel Macht
Der 47 Jahre alte Republikaner weiß, dass seine Darstellung optimistisch klingt – vielleicht zu optimistisch für ein Land, das nach außen hin so unversöhnlich wirkt. Doch Holt hat eine Erklärung. Die gemäßigte Mitte, sagt er, existiere durchaus – sie bekomme nur so gut wie nie die Möglichkeit, mit einer Stimme zu sprechen. Sie werde gespalten und gegeneinander ausgespielt. Die politischen Ränder bekämen durch das amerikanische Wahlverfahren einen übergroßen Einfluss. „Das Bild, das man aus der Ferne von den USA bekommt, ist verzerrt – es zeigt nicht wirklich, wer wir sind.“
Wer in den USA für das Gouverneursamt, den US-Senat oder das Präsidentenamt kandidiert, muss zuerst eine parteiinterne Vorwahl gewinnen. Derzeit laufen die Vorwahlen für die Kongresswahlen im November 2026 – Bundesstaat für Bundesstaat, zu unterschiedlichen Terminen. In diesen ersten Runden entscheiden ausschließlich die eigenen Parteianhänger darüber, wer als Kandidat zur eigentlichen Wahl antritt.
Bei den Vorwahlen mobilisierten oftmals jene am erfolgreichsten, die „ziemlich extreme Ansichten“ verträten, sagt Holt. Denn an den Vorwahlen beteiligen sich oft nur besonders engagierte Amerikaner – solche mit ungewöhnlich starken Meinungen. „Das zwingt die Kandidaten regelrecht dazu, sich einer winzigen Minderheit mit extremen Ansichten anzubiedern.“ Nach Washington würden am Ende „überproportional häufig Abgeordnete geschickt, die eher vom rechten oder linken Rand kommen“.
„Ich muss mich nicht nach den Extremen richten“
In Oklahoma City funktioniert das Wahlsystem anders. Nur der Name steht auf dem Wahlzettel, nicht die Parteizugehörigkeit. Auch wenn Holt als Republikaner registriert ist, muss er nicht erst eine republikanische Vorwahl gewinnen. „Ich stelle mich allen Menschen, die in Oklahoma City leben“, sagt er. „Ich muss mit allen zusammenarbeiten, und das Wahlsystem setzt auch genau diesen Anreiz.“
So baue er eine Koalition aus „ganz normalen“ Republikanern, Demokraten und Unabhängigen auf, „also aus dem breiten Mittelfeld, diesen vielleicht 70 Prozent in der Mitte“, sagt Holt, nicht den vielleicht fünfzehn Prozent auf jeder Seite. „Ich muss mich nicht nach den Extremen richten. Ich höre zwar allen zu – in einem demokratischen System verdient jeder eine Stimme, auch die Extremen. Aber sie sollten eben nicht mehr Gewicht haben als alle anderen. Und am Ende sind sie zahlenmäßig in der Minderheit.“

Im Umgang mit Donald Trump setzt Holt mittlerweile auf Pragmatismus. Das mag damit zusammenhängen, dass er seit dem vergangenen Jahr die Vereinigung amerikanischer Bürgermeister leitet, die sich in Washington für die Belange der Städte und Gemeinden einsetzt. Jahrelang hatte der Republikaner zu den lautesten Kritikern Trumps in der eigenen Partei gehört. In der Präsidentenwahl verweigerte er dem Kandidaten der eigenen Partei seine Unterstützung.
Heute sagt er: „Wahlen sind die Zeit, in der man über Werte streitet und darüber spricht – aber wenn sie entschieden sind, muss man innerhalb dieser Realität handlungsfähig bleiben und funktionieren.“ Er sei ein Verfechter der Demokratie: Trumps Wahlsieg 2024 habe Bedeutung, Wahlergebnisse dürfe man nicht ignorieren.
Pakt gegen autokratische Tendenzen
Vor wenigen Tagen ist der Bürgermeister von Oklahoma City gemeinsam mit mehreren US-Demokraten einem internationalen Verbund von Bürgermeistern, dem sogenannten Pact of Free Cities, beigetreten. Ihr Ziel: autoritäre Regierungsführung und demokratischen Rückschritt verhindern. Gegründet wurde die Initiative von den Bürgermeistern von Bratislava, Budapest, Prag und Warschau.
Man werde nicht davor zurückschrecken, sagt Holt, „den Mund aufzumachen“, wenn die Trump-Regierung Städte verbal angreife, die kommunale Selbstverwaltung unter Druck setze oder Desinformation über amerikanische Städte verbreite. „Wir haben zum Beispiel sehr viel dafür getan, die Menschen darüber aufzuklären, dass die Kriminalität in US-Städten landesweit zurückgeht – trotz der gegenteiligen Rhetorik des Präsidenten.“
In den Vereinigten Staaten, sagt Holt, werde das „demokratische Experiment“ manchmal für selbstverständlich gehalten. „Ich denke, es liegt an uns allen, die Demokratie zu verteidigen und uns gegen Autoritarismus zu wappnen.“
