Ulm oder Barcelona – Wer hat den höchstem Kirchturm der Welt?


Kirchtürme waren über Jahrhunderte weit mehr als architektonische Zusätze. Sie prägten die Silhouette einer Stadt, trugen die Glocken, dienten als Orientierungspunkte und wurden zu Symbolen für Glauben, Wohlstand und bürgerliches Selbstbewusstsein. In diesem historischen Wettstreit der Höhen nimmt das Ulmer Münster seit 1890 eine Sonderstellung ein: Mit 161,53 Metern gilt sein Westturm als höchster vollendeter Kirchturm der Welt.


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Der Bau des Münsters begann 1377. Auslöser war nicht nur religiöser Ehrgeiz, sondern auch ein praktisches Problem: Die alte Pfarrkirche lag außerhalb der Stadtmauern und war in unsicheren Zeiten nur schwer gefahrlos zu erreichen. Rat und Bürgerschaft entschieden sich deshalb für einen Neubau innerhalb der Stadt, groß genug, um im Ernstfall Tausenden Menschen Schutz zu bieten. Später entwarf Ulrich Ensinger den Plan für einen Turm von bis dahin unerreichter Höhe. Doch statische Probleme, Geldmangel und jahrhundertelange Unterbrechungen verzögerten das Vorhaben erheblich. Erst 1890 wurde der Westturm vollendet.

Heute führt der Weg über 768 Stufen hinauf zu einem der bekanntesten Aussichtspunkte Süddeutschlands. Doch Ulms jahrzehntelang unangefochtener Rekord geht nun zu Ende. In Barcelona hat die Sagrada Família in ihrer letzten Bauphase den Turm Jesu Christi auf 172,5 Meter gebracht. Bereits im Oktober 2025 überragte die Basilika mit dem ersten montierten Teil des Abschlusskreuzes das Ulmer Münster, seit Februar 2026 ist der neue Höchstwert endgültig erreicht.

Barcelonas Sagrada Familia: 140 Jahre Baugeschichte

Begonnen 1882, ist die Sagrada Família eines der längsten Bauprojekte der Architekturgeschichte. Der erste Architekt, Francisco del Villar, entwarf eine Kirche im gotischen Stil, legte sein Amt aber nach Streit mit dem Auftraggeber nieder. 1883 übernahm der 31-jährige Antoni Gaudí die Leitung und fand darin sein Lebenswerk.

Gaudí war ein Meister des Modernisme, der katalanischen Variante des Jugendstils. Seine organische Formensprache, seine Religiosität und sein Umgang mit Statik und Konstruktion machten ihn zu einem der bedeutendsten Architekten der Geschichte. Für die Statik seiner Säulen knotete er Seile zusammen, hängte Gewichte daran und fotografierte die Konstruktion, um sie anschließend umgekehrt als Druckmodell zu nutzen. Das Ergebnis: baumförmige Säulen, die das Gewölbe wie ein steinerner Palmwald tragen.

Gaudí widmete der Sagrada Família sein gesamtes Leben, bis er am 7. Juni 1926 von einer Straßenbahn erfasst wurde und drei Tage später, am 10. Juni 1926, starb. Wegen seiner ärmlichen Kleidung hielt man ihn zunächst für einen Bettler. Sein Tod war ein schwerer Einschnitt; der Spanische Bürgerkrieg und die Zerstörung von Plänen und Modellen brachten weitere Rückschläge. Erst Anfang der 1950er-Jahre wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Alle Nachfolgearchitekten orientierten sich so gut wie möglich an Gaudís Erbe.

Für die Höhe des Turms hatte Gaudí eine religiöse Maxime formuliert: Das Bauwerk dürfe den benachbarten Montjuïc-Hügel mit seinen 177 Metern nicht überragen, denn „ein von Menschenhand geschaffenes Werk darf das Werk Gottes nicht übertreffen“. Mit 172,5 Metern bleibt die Sagrada Família dieser Vorgabe treu – und ist dennoch die höchste Kirche der Welt.

Deutsches Hightech-Kreuz sichert Barcelona den Höhenrekord

Das Kreuz, das Ulms Kirchturmrekord beendet, wurde von einer Firma gefertigt, die nur 36 Kilometer Luftlinie von Ulm entfernt sitzt. Die Josef Gartner GmbH aus Gundelfingen an der Donau – ein Ort mit 8.000 Einwohnern – ist ein sogenannter Hidden Champion: in Fachkreisen weltweit bekannt, öffentlich aber kaum wahrgenommen. Das 1868 gegründete Familienunternehmen war an der Elbphilharmonie in Hamburg, dem Apple-Hauptquartier in San Francisco und zahlreichen weiteren Weltklasse-Bauwerken beteiligt. Seit 2001 gehört es zur italienischen Permasteelisa Gruppe; weltweit beschäftigt das Unternehmen rund 850 Mitarbeiter.

Den Auftrag für das Kreuz der Sagrada Família erhielt Gartner über eine internationale Ausschreibung der Kirchenstiftung in Barcelona, wie t-online berichtet.

Das 17 Meter hohe Kreuz aus rostfreiem Duplex-Edelstahl, Glas und weiß glasierter Keramik ist technisch einzigartig. Es ist hohl, begehbar und besitzt eine innenliegende Wendeltreppe. Die Außenhülle reflektiert Licht und hält extremen Wetterbedingungen stand. Zunächst entstand ein Muster eines Kreuzteils, das zeitweise in Barcelona öffentlich besichtigt werden konnte. Anschließend fertigte Gartner in Gundelfingen sieben Bauteile, die nach Barcelona geliefert und dort in großer Höhe zusammengesetzt wurden.

Wax sagte t-online, ein begehbares, hohles Kreuz mit Wendeltreppe habe das Unternehmen in dieser Form noch nie gebaut – und werde es vermutlich so schnell nicht wieder bauen. Die Montage in knapp 150 Metern Höhe dauerte mehrere Monate; die Kosten liegen im unteren zweistelligen Millionenbereich. Das fertige Kreuz wiegt fast 100 Tonnen – etwa so viel wie ein voll beladener Reisebus. Voraussichtlich ab 2027 wird es für Besucher zugänglich sein, die dann von der Aussichtsplattform im Inneren des Kreuzes über die Stadt blicken können.

Die Türme der Sagrada Família: ein komplexes Gesamtwerk

Das Kreuz krönt den zentralen Jesus-Christus-Turm – den höchsten der insgesamt 18 Türme, die die Sagrada Família nach ihrer Fertigstellung haben wird. Zwölf davon sind den Aposteln gewidmet, je vier pro Fassade. Die sechs zentralen Türme stehen für die vier Evangelisten, die Jungfrau Maria und Jesus Christus. Aktuell sind zwölf Türme fertiggestellt. Im November 2023 wurden die vier Türme der Evangelisten eingeweiht, der Turm der Jungfrau Maria bereits im Dezember 2021.

Einweihung am 100. Todestag Gaudís

Die offizielle Einweihung des Jesus-Christus-Turms ist für den 10. Juni 2026 geplant – exakt den 100. Todestag Antoni Gaudís. Kaum ein Datum wäre symbolträchtiger: An jenem Tag, an dem der Architekt vor einem Jahrhundert starb, soll sein größtes Werk gefeiert werden. Berichten zufolge ist auch die Teilnahme von Papst Leo XIV. vorgesehen, wenngleich noch nicht offiziell bestätigt. Insgesamt sind für 2026 rund 60 Veranstaltungen rund um Gaudí und die Sagrada Família geplant – darunter Illuminationen, Ausstellungen, Workshops und Konzerte.

Barcelona trägt 2026 zudem den Titel „Welthauptstadt der Architektur“, den die Internationale Architektenvereinigung alle drei Jahre vergibt – zuletzt an Rio de Janeiro und Kopenhagen. Die Auszeichnung würdigt zugleich Gaudí, dessen Werke die Stadt bis heute prägen: Park Güell, Casa Milà und Casa Batlló sind weitere Zeugnisse seines Schaffens.

Ein neues Ranking

Mit dem neuen Rekord verschiebt sich das globale Kirchenranking deutlich. Die Sagrada Família führt mit 172,5 Metern vor dem Ulmer Münster (161,5 Meter). Platz drei belegt die Basilika Notre-Dame de la Paix im ivorischen Yamoussoukro mit 158 Metern – nur wenige Zentimeter vor dem Kölner Dom.

Der Kölner Dom verliert damit seinen bisherigen Platz unter den Top 3 der höchsten Kirchenbauwerke weltweit. Eine Kuriosität am Rande: Die nördliche Turmspitze ist sieben Zentimeter höher als die südliche – ein Unterschied, den man von der Domplatte kaum erkennt. Beide Turmspitzen für sich genommen würden noch immer zu den zehn höchsten Kirchen der Welt zählen.

Trotz des vollendeten Hauptturms bleibt die Sagrada Família eine Baustelle. Die Glorienfassade, zahlreiche Innenbereiche und Detailarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Das Jahrhundertprojekt bleibt also, was es seit 1882 ist: ein Werk im Werden.



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