Ukrainische Ärzte auf Lern- und Lehrmission in Deutschland
Russische Drohnenangriffe und Brandbomben prägen den Alltag in der Ukraine. Um die wachsende Zahl an Schwerverletzten zu retten, suchen Mediziner aus Dnipro den Austausch mit deutschen Kliniken. Das hilft beiden Seiten.
Der erste Halt für Oleksii Vynohradov und seine Kollegen ist das Klinikum Dortmund. Die Wahl ist kein Zufall, denn hier wird bereits vielen ihrer Landsleute geholfen.
Die Realität des Krieges liegt in Dortmund direkt auf dem OP-Tisch: Ein ukrainischer Soldat wird hier wegen lebensbedrohlicher Verletzungen behandelt. Nach einem Drohnenangriff sind 30 Prozent seiner Haut verbrannt – ein Schicksal, das für die Mediziner aus der Mechnikov-Klinik in Dnipro mittlerweile zum traurigen Alltag gehört.
Neue Waffen, neue Verletzungen
„Der Krieg hat sich tendenziell verändert“, erklärt Oleksii Vynohradov. „Wegen der Drohnen und Brandbomben gibt es nicht mehr nur klassische Verletzungen, sondern vor allem schlimme, schwere Verbrennungen.“
Die Zahlen, die sein Team mitbringt, sind schwindelerregend: Etwa 58.000 Operationen haben die Ärzte in Dnipro seit Kriegsbeginn bereits gestemmt. Um diese Last besser bewältigen zu können, plant das Team nun den Aufbau einer eigenen Spezialabteilung für Brandverletzte direkt an der Front. Dafür erhoffen sie sich auch Know-how aus Deutschland.
Wissenstransfer in Köln
Doch der Austausch ist keine Einbahnstraße. Fatma Topcoglu vom Klinikum Dortmund betont: „Wir lernen im Prinzip, wie die Kollegen vor Ort mit den geringen Ressourcen umgehen.“
Die Reise führt die Delegation weiter nach Köln. Auch die Kliniken der Stadt Köln haben sich auf schwerst Brandverletzte spezialisiert. Dort verfolgen die ukrainischen Ärzte hochkonzentriert eine Operation an einer verbrannten Hand. Hier lernen sie Methoden kennen, die Leben retten und die Lebensqualität der Soldaten verbessern können.
„Wir haben Techniken verwendet, wie man Haut aus dem gleichen Patienten vermehren kann“, sagt Paul Fuchs von den Kliniken Köln. „Das sind Anregungen, die die Kollegen mitnehmen und vor Ort umsetzen können.“
Wenn die Tiefgarage zur Krankenstation wird
Das Team aus Dnipro zeigt den deutschen Medizinern in Präsentationen, was es bedeutet, in Krankenhäusern an der Front zu operieren. Es ist ein Wissenstransfer, der auf beiden Seiten Spuren hinterlässt und im Ernstfall den entscheidenden Unterschied machen kann.
Der Besuch der ukrainischen Kollegen hat auch Einfluss auf die Krankenhausplanung in Köln. Dort denkt man bereits weit voraus: Bis 2031 soll die Klinik so umgebaut werden, dass sie auch für Krisen- und Kriegsszenarien gewappnet ist. Ein konkreter Plan sieht vor, die Tiefgarage im Ernstfall in eine Notfallstation mit 600 Betten umzufunktionieren.
Trotz dieser baulichen Planung bleibt eine gewisse Ungewissheit. „Verschiedene Krisen haben wir durchdacht“, sagt Paul Fuchs. Er räumt aber ein: „Den wirklichen Verteidigungsfall haben wir hier bisher auch noch nicht durchgespielt.“
Ein Austausch auf Augenhöhe
Oleksii Vynohradov ist überzeugt, dass dieser Schulterschluss der einzige Weg nach vorne ist: „Diese Zusammenarbeit wird am Ende allen helfen können.“ Es ist ein Austausch auf Augenhöhe: Während die Ukrainer deutsche High-Tech-Methoden studieren, lernt die deutsche Seite, wie Medizin unter einem extremen Ressourcenmangel funktioniert.

