Triennale der Photographie: Elf Ausstellungen, Tausende Bilder


Diesen Sommer über läuft in Hamburg die neunte Triennale der Photographie. Acht Museen und Kunstinstitutionen haben sich dafür zusammengetan und zeigen Fotoausstellungen. Einige davon umfassen Hunderte Werke von berühmten Fotografinnen und Fotografen – andere konzentrieren sich auf einzelne, junge und noch kaum bekannte Kunstschaffende. Die Bandbreite reicht dabei von Dokumentarfotografie in Schwarz-Weiß bis zu abstrakten Farbexperimenten. Einmal ist sogar nur die Asche von verbrannten Fotografien zu sehen.

Die Leitung der Phototriennale wird alle drei Jahre neu vergeben, für die aktuelle Ausgabe konnte Mark Sealy gewonnen werden, der Gründer und Leiter der Foto-Instititution Autograph ABP in London. Als Thema der Triennale hat er Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other ausgegeben, was sinngemäß etwa »Bündnisse, Endlosigkeit, Liebe – Im Angesicht des Fremden« bedeutet. 

Sealy möchte damit die Bedeutung der Fotografie als nicht rein künstlerisches, sondern soziales Medium unterstreichen, eines, das auch Anerkennung und Solidarität begünstigen kann. Alle Häuser sind aufgerufen, sich an diesem Thema zu orientieren. Hier zeigen wir Ihnen einen Überblick, was so zu sehen ist.

Deichtorhallen: Ein Fest der Vielfalt

Das ist zu sehen: In den Deichtorhallen findet sich die opulente Hauptausstellung der Phototriennale. Mark Sealy, der künstlerische Leiter des Festivals, hat dafür rund 500 Fotos von mehr als 30 internationalen Künstlerinnen und Künstlern zusammengestellt. Das Motto der Triennale und der Titel dieser Ausstellung sind identisch: Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other. »Die Fotografie ist eine Einladung, uns auf Dinge einzulassen, die uns
fremd sind«, sagt Sealy. »Sie ermutigt uns, Unterschiede zu akzeptieren, ohne
Bedingungen.« 

In den Deichtorhallen zeigt er überwiegend Porträts und Selbstporträts. Sealy feiert die Vielfalt menschlicher Lebensformen, die sich jedoch oft gegen Widerstände behaupten müssen – oder daran zugrunde gehen. Ein besonderes Faible hat Sealy für Künstlerpaare, die Grenzen der vermeintlichen Zugehörigkeit überwinden – wie der Fotograf Richard Avedon und der Schriftsteller James Baldwin.

Avedon kam aus einer jüdischen Familie, Baldwin war
Afroamerikaner. Zusammen veröffentlichten sie 1964 das Buch Nothing Personal. Es zeigt einen Querschnitt der US-amerikanischen Gesellschaft. In den Deichtorhallen ist es Doppelseite für Doppelseite in langen Vitrinen ausgestellt.

Eines der Selbstporträts von Rotimi Fani-Kayode, die in den Deichtorhallen zu sehen sind: »Nothing to Lose XII (Bodies of Experience)« aus dem Jahr 1989 © Courtesy Autograph, London

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: die Selbstporträts von Rotimi Fani-Kayode. Er fotografierte sich nackt,
in stark stilisierten Posen. Auf den ersten Blick könnte man das als Hochglanzerotik im Stile Robert Mapplethorpes abtun. Doch der Blick auf die Fotos ändert sich, wenn man ihre Geschichte
kennt: Fani-Kayode, ein queerer Kriegsflüchtling aus Nigeria, nahm sie
in seiner Wohnung in Brixton auf, einem von Gewalt geprägten Londoner
Arbeiterviertel, während der Aids-Epidemie der 1980er-Jahre. Sie sind ein unwahrscheinlicher Akt der Selbstbehauptung.

Das Kleingedruckte: Alliance, Infinity, Love – In the Face of the Other läuft noch bis 22. September in der Halle für aktuelle Kunst der Deichtorhallen (Deichtorstraße 1–2, Altstadt). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, an jedem ersten Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr. Mehr Infos hier

Deichtorhallen (zweite Ausstellung): F. C. Gundlachs geheime Sammlung

Das ist zu sehen: Im Spannungsfeld zwischen sozial erwünschter Selbstverleugnung und der Freiheit der Kunst bewegt sich auch die zweite Ausstellung der Deichtorhallen. Die Kuratorin Sabine Schnakenberg zeigt Cocktail Prolongé, ein »F. C. Gundlach Spezial«, wie es im Untertitel heißt. F. C. Gundlach (1926–2021) ist heute vor allem als Modefotograf bekannt. »In der Öffentlichkeit zeigte er Kleidung an sehr dünnen Frauen«, sagt Sabine Schnakenberg, »privat interessierte er sich auch für ganz andere Körper.« Die Ausstellung präsentiere eine Auswahl an Bildern aus Gundlachs Kunst- und Fotosammlung, die er zu Lebzeiten zum Teil vor anderen verborgen gehalten habe. Anfangs auch vor Schnakenberg, seiner damaligen Assistentin. »Mit der Zeit merkte er, dass ich nicht leicht zu verängstigen bin«, sagt sie.

Diese Bilder brechen oftmals mit der vornehmen Eleganz, für die Gundlach stand, viele zeigen nackte Körper, einzelne sind sexuell explizit. Es handelt sich bei Cocktail Prolongé aber nicht um eine profane Pornosammlung, die jetzt vor die Augen der Öffentlichkeit gezerrt wird, sondern um Investitionen eines Sammlers in unkonventionelle Künstlerinnen und Künstler, die inzwischen teils sehr angesehen sind, etwa Jenny Holzer, Robert Mapplethorpe oder Cindy Sherman.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Nicht zu übersehen – und kaum wieder zu vergessen – ist ein Foto von Richard Kern, das die amerikanische Aktionskünstlerin Kembra Pfahler zeigt, mit blauer Haut, gespreizten Oberschenkeln und einer zugenähten
Vulva (eine Attrappe, versichert Schnakenberg). Pfahler veröffentlichte das Foto 1998 in dem Sexmagazin Penthouse. Man kann sich das Bild als einen feministischen Angriff auf die männlichen Leser vorstellen, die eigentlich gefälligere nackte Frauenkörper erwartet hatten.

Das Kleingedruckte: Ort, Lauf- und Öffnungszeiten wie bei Alliance, Infinity, Love – in the Face of the Other. Die Eintrittskarte der Deichtorhallen berechtigt zum Besuch beider Ausstellungen.

Bucerius Kunst Forum: Mode, Glamour, Retrocharme

Das ist zu sehen: Bei der vergangenen Phototriennale bildete das Werk des Fotografen Herbert List (1903–1975) einen Schwerpunkt, mit mehreren Ausstellungen und einer Retrospektive im Bucerius Kunst Forum. Dieses Mal fällt diese Rolle F. C. Gundlach zu. Egal wie sehr sich die künstlerischen Leitungen der Ausstellungen für postkoloniale oder marginalisierte Perspektiven einsetzen – ganz ohne tote, weiße Männer geht es wohl nicht. Vor allem wenn der 100. Jahrestag ihrer Geburt bevorsteht, wie damals bei List und jetzt bei Gundlach am 16. Juli.

Ein Foto von F. C. Gundlach aus dem Jahr 1963: »Biggi in einem Kostüm von Uli Richter vor dem Breitscheidplatz mit Gedächtniskirche und Bikini-Haus« aus der Serie »Die Weitwinkel-Perspektive« © F.C. Gundlach /​ Stiftung F.C. Gundlach

In der Ausstellung F. C. Gundlach: You’ll Never Watch Alone kommen alle auf ihre Kosten, die Kleidung, Glamour und Retrocharme schätzen. Auf den Modefotos, die Gundlach in den 1950er- und 1960er-Jahren in Paris, New York und Westberlin aufnahm, haben Telefone noch Kabel und Frauen Hüte auf dem Kopf. Den Nerzkragen trug man ohne jede Kunstfaser und Reue. Es herrschte eine Eleganz der Form, später auch der Farbenrausch und die Beschleunigung des Space-Age: Düsenjets! Seifenkisten! Farbfilm! Pop-Art!

Der Titel der Ausstellung ist an Fangesänge des FC St. Pauli angelehnt. Gundlach betrieb eine Galerie neben dem Millerntorstadion des Vereins, wo oftmals You’ll never walk alone erschallt. Außerdem betont das Kuratorenteam das Netzwerk aus Vorbildern und Verbündeten, in dem Gundlach sich bewegte. Neben rund 130 seiner Fotos werden darum auch rund 70 von Zeitgenossen gezeigt, darunter Will McBride, Annie Leibovitz und Edward
Steichen.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Auf einem kleinen, bescheidenen Farbfoto ist ein Fensterbrett zu sehen, auf dem Obst, schrumpeliges Gemüse und eine Musikkassette liegen. Durch die Fensterscheibe sieht man – entfernt und unscharf – gelbe Taxis. Das Motiv heißt Stillleben und wurde 2001 von Wolfgang Tillmans aufgenommen. Tillmans, heute einer der bekanntesten lebenden Fotokünstler, war damals für eine Weile in New York untergekommen, in einer Wohnung am Madison Square Park, die Gundlach oft seinen Freundinnen und Freunden überließ.

Dieses Foto ist noch ein zweites Mal auf der Phototriennale ausgestellt, in der Sammlung Falckenberg. Dort ist der Abzug riesig, und das Motiv ist fast bis auf die Größe eines Werbeplakats aufgeblasen. Doch das Kleinformat aus Gundlachs Privatsammlung ist stärker: Es wirkt beiläufiger, intimer.

Das Kleingedruckte: F. C. Gundlach: You’ll Never Watch Alone läuft noch bis 16. August im Bucerius Kunst Forum (Alter Wall 12, Altstadt). Geöffnet täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Mehr Informationen gibt es hier.

Hamburger Kunsthalle: Eine Ausstellung, in der man sich verlaufen kann

Das ist zu sehen: Der Titel dieser Ausstellung ist nicht sehr einladend: ABER ICH / DIE WELT / ICH SEHE / DICH. Drei Zeilenumbrüche zwischen vier Satzstummeln: Wieso? Und was soll das für eine Welt sein, die zweimal »ich« sagt, bevor es ihr gelingt, einmal »du« zu sagen?

Zu sehen ist in dieser Gruppenausstellung Landschaftsfotografie, die
sich auf die Schoah bezieht, auf die Atombombenabwürfe und auf den
Bürgerkrieg in Angola. Dazu gibt es avantgardistischen Tanz frei nach
Loïe Fuller (1862–1928) und Variationen von Marcel Duchamps berühmtem
Pissoir. Neben Fotos werden auch Skulpturen gezeigt, Videos, analoger Film, in
einem Raum steht sogar ein alter Tageslichtprojektor und wirft ein Bild
an die Wand. Die Kuratorin Corinne Diserens sagt, es gehe ihr um Themen
wie Zerfall, Kontamination, Trauma, Pilze, wilde Hunde und die Nato-Präsenz im Kosovo – selbst
wenn man mit ihr gemeinsam durch diese Ausstellung geht, kommt man
intellektuell bald nicht mehr mit.

Das macht aber nichts. ABER ICH / DIE WELT / ICH SEHE / DICH sei nicht als Erzählung angelegt, sagt Diserens, es gebe hier keinen Anfang, Mittelteil und Schluss. Stattdessen solle man durch die Ausstellung spazieren, wie durch eine Landschaft. Beruhigend, denn in einer Landschaft kann man sich verlaufen und trotzdem interessante Entdeckungen machen. Der Titel der Ausstellung ist übrigens bereits ihr erstes Exponat: ein Textkunstwerk des Konzeptkünstlers Rémy Zaugg.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Der palästinensische Fotograf Taysir Batniji zeigt 35 Bilder von digitalen Verzerrungen und Pixelstürmen. Batniji lebt in Paris, viele seiner Angehörigen in Gaza. Es handelt sich um Screenshots, die er zwischen 2015 und 2017 bei Videocalls mit ihnen aufnahm. Die Reihe heißt Disruptions: Ein Phänomen, das wir als profanes Ärgernis kennen, wird hier zum Ausdruck einer erschütternden Hilflosigkeit.

Das Kleingedruckte: ABER ICH / DIE WELT / ICH SEHE / DICH läuft
noch bis 4. Oktober in der Hamburger Kunsthalle (Glockengießerwall 5, Altstadt).
Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Mehr
Informationen gibt es hier.

Kunsthaus Hamburg: Fotos, ganz ohne Bilder

Das ist zu sehen: Wenn Sie genug von Bildern haben, dann gehen sie ins Kunsthaus. Hier läuft Whispers der Künstlerin Melike Kara, die einzige Ausstellung der Triennale, in der kein einziges Foto an der Wand hängt. Stattdessen betritt man eine weitgehend leere Halle, in der ein leises Plätschern ertönt und 23 flache Wasserbecken stehen. Darin schwimmt morastiges Wasser, bräunlich, schwarz, gelbgrün.

Eine Installationsansicht der Ausstellung »Whispers« von Melike Kara im Kunsthaus Hamburg. © Jaewon Kim /​ Kunsthaus Hamburg

Oft benutzen wir die Wörter »Foto« und »Bild« synonym – in unserer Alltagssprache und auch in diesem Artikel. Aber Fotografien sind mehr als ihr Motiv. Als Dias oder Abzüge haben sie eine Materialität. Damit arbeitet Melike Kara: Sie hat Teile ihres fotografischen Archivs verbrannt und zeigt nun nicht die Motive der Fotografien, sondern ihre Asche, die sie in den Wasserbecken versenkt hat.

Aus dem Archiv, das Vergangenes fixiert, ist eine Nährlösung für Zukünftiges geworden: In einigen Becken sprießen erste kleine Wasserpflanzen, vermutlich werden es während der Laufzeit der Phototriennale noch mehr werden. Ein Garten, der sich aus Erinnerungen speist.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: den Gesichtsausdruck der anderen Besucherinnen und Besucher. Einige, die den Raum betreten, wirken zunächst irritiert. Und dann, wenn sie lange genug entlang der Wasserbecken spaziert sind: friedlich und versonnen.

Das Kleingedruckte: Melike Kara: Whispers läuft noch bis 23. August im Kunsthaus Hamburg (Klosterwall 15, Altstadt). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr. Mehr Infos hier

Kunstverein in Hamburg: Noch mehr Asche

Das ist zu sehen: Gleich um die Ecke vom Kunsthaus liegt der Kunstverein, und auch hier arbeitet eine junge Künstlerin mit Asche. Nina Porter, geboren 1994 in London, sammelt diese aus Kaminfeuern zusammen, presst sie zu kleinen Bauklötzen und schichtet damit minimalistische Skulpturen auf.

Sechs Inseln aus eierschalenfarbener Pappe liegen im Kunstverein auf dem Boden, darauf sind die Ascheklotztürmchen aufgebaut. Viele davon wirken unfertig, als mache die Künstlerin nur eine Pause und würde gleich zurückkehren. An den Wänden hängen fünf Fotos, die alle denselben Vorgang zeigen: Textilfasern, die auf einem elektrostatischen Generator liegen und sich im Moment ihrer Aufladung kurz aufrichten. Es gehe – bei der Asche wie bei den aufgeladenen Fasern – um verschiedene Erscheinungsformen von Materialität und Energie, sagt Sarah Messerschmidt, die Kuratorin der Ausstellung.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Auf den ersten Blick sehen die fünf Fotos fast identisch aus. Auf den zweiten erkennt man in der zerkratzten, metallenen Oberfläche des elektrostatischen Generators jedes Mal andere Spiegelungen. Man sieht das Atelier der Künstlerin (ein Fenster, einen Heizkörper) und schemenhaft auch sie selbst. Die Kuratorin Messerschmidt sagt, es handele sich bei den Fotos um »Porträts, Selbstporträts, Stillleben und nichts von alledem.«

Das Kleingedruckte: Die Ausstellung Sample Questions von Nina Porter läuft noch bis 22. September im Kunstverein (Klosterwall 23, Altstadt). Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 12 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr, samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr. Mehr Infos hier

MARKK: Die Ambivalenz des Archivs

Das ist zu sehen: Das MARKK – Museum am Rothenbaum widmet sich unter dem Titel Bilderechos aus Peru einem Fotografen, dessen Aufnahmen mehr als hundert Jahre alt sind, aber auf Instagram zirkulieren. Hans Heinrich Brüning (1848–1928) zog 1875 aus dem heutigen Schleswig-Holstein nach Nordperu. Dort arbeitete er als Ingenieur auf Zuckerrohrplantagen und begann zu fotografieren. Seine Bilder zeigen die örtliche Bevölkerung zum Beispiel beim Fischen, beim Flechten und beim Karneval.

Eines der Fotos von Hans Heinrich Brüning aus der Sammlung des MARKK: »Domitila mit bemaltem Gesicht beim Karneval«, aufgenommen in Laredo in Nordperu, 1896 © MARKK

Seine rund 2.000 Aufnahmen vermachte Brüning dem damaligen Völkerkundemuseum in Hamburg, das heute MARKK heißt. Die Glasplattennegative blieben lange unbeachtet, bis ein US-amerikanischer Anthropologe sie in den 1980er-Jahren durch spanischsprachige Publikationen auch in Lateinamerika bekannt machte. Von dort kommen nun immer wieder Forscherinnen und Forscher, um mit den Fotos zu arbeiten.

In Peru habe inzwischen ein Revival der indigenen Moche-Kultur begonnen, sagt Christine Chavéz aus dem deutsch-peruanischen Kuratorenteam. Menschen eignen sich die durch den Kolonialismus unterdrückten und fast vergessenen Traditionen wieder an – und Brünings Fotos leisten dazu einen Beitrag. Sie werden heute von Menschen in Peru aus Museumskatalogen gescannt, teilweise nachkoloriert und in sozialen Medien verbreitet.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Brünings Fotos seien »ambivalent«, sagt Christine Chavéz. Ein Beispiel dafür ist das Porträt von Mercedes Niquen, aufgenommen am 20. Mai 1907. Die Aufnahme zeigt eine junge, indigene Frau, die selbstbewusst in die Kamera blickt und mit vollem Namen genannt wird. Das Abbild eines Individuums, könnte man denken. Doch dieser Eindruck gerät ins Wanken, wenn man die Messlatte erblickt, die rechts am Bildrand steht. Damals verwendete man sie, um Menschen zu vermessen und daraus die Eigenschaften ihrer angeblichen Rassen abzuleiten – und in der Folge ihre Ausbeutung zu rechtfertigen.

Das Kleingedruckte: Bilderechos aus Peru läuft noch bis 27. Juni 2027 im MARKK — Museum am Rothenbaum (Rothenbaumchaussee 64, Rotherbaum). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Mehr Informationen gibt es hier.

Museum der Arbeit: Künstlerin? Nein, »Aktivistin mit Kamera«!

Das ist zu sehen: Die britische Fotografin Franki Raffles (1955–1994) interessierte sich für die Lebens- und Arbeitswelten von Frauen. Mehr als 300 ihrer dokumentarischen Schwarz-Weiß-Fotos sind nun unter dem Titel Photography, Activism, Campaign Works im Museum der Arbeit zu sehen. Es ist die erste Einzelausstellung der erklärten »Aktivistin mit Kamera« in Deutschland.

Ein Foto von Franki Raffles, das keinen Titel trägt, bloß Schlagworte: »Community, childcare, housing, Children playing«. Aufgenommen in Edinburgh, zwischen 1987 und 1990 © Franki Raffles Estate

Zu sehen sind Kinder in den dunklen Innenhöfen von Sozialbauten. Seniorinnen, die für mehr Rente demonstrieren. Frauen in Kitteln, die Schweine zu Futtertrögen treiben. Teils sind diese Fotos nicht in Schottland entstanden, wo Raffles lebte, sondern in der Sowjetunion. Im Jahr 1989, kurz vor dem Mauerfall, reiste die Fotografin drei Monate lang durch das Land. Sie
war nicht nur Feministin, sondern auch Marxistin, aber wohl keine allzu humorlose: Auf dem
einzigen Standbild von Karl Marx, das in der Ausstellung zu sehen ist, hat es sich
eine Taube fett und frech auf dessen Kopf bequem gemacht.

Die Ausstellung ist eine Übernahme aus dem Baltic Centre for Contemporary Art in der englischen Stadt Gateshead, die Mark Sealy vermittelt hat. Die meisten der gezeigten Abzüge wurden erst für diese Ausstellung angefertigt.
Sogenannte Vintage Prints, also hochwertige Abzüge, die noch von der Fotografin selbst hergestellt wurden, gebe es
kaum, sagt die Kuratorin Luisa Hahn. Das läge auch an Raffles’ Selbstverständnis: Sie habe für Publikationen und für Plakatkampagnen fotografiert, nicht für Kunstsammler oder Museen.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Eine der letzten großen Arbeiten vor ihrem frühen Tod war eine Plakatkampagne, die »Null Toleranz« für Gewalt gegen Frauen forderte. Sie sorgte in den 1990er-Jahren für Aufsehen, und man versteht wieso: Motive einer vermeintlich heilen Welt – Mädchen im Kinderzimmer, eine elegante Dame vor dem Kamin – werden hier mit Sätzen kontrastiert, die sich in drastischer Klarheit auf sexuellen Missbrauch und häusliche Gewalt beziehen. Den Bildmotiven sieht man inzwischen ihr Alter an, die Sätze könnte man heute genauso noch einmal drucken.

Das Kleingedruckte: Franki Raffles: Photography, Activism, Campaign Works läuft noch bis 6. September im Museum der Arbeit (Wiesendamm 3, Barmbek-Nord). Öffnungszeiten: montags von 10 bis 21 Uhr, mittwochs bis freitags 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 18 Uhr. Mehr Infos hier

Museum für Kunst und Gewerbe: Was würde Tutanchamun sagen?

Das ist zu sehen: Die größte Fotoausstellung, die aktuell im Museum für Kunst und Gewerbe gezeigt wird, widmet sich dem Lebenswerk von Hans Hansen,
der Produktfotos für Unternehmen wie Volkswagen, Lufthansa und Kodak
inszenierte. Sie läuft jedoch unabhängig von der Phototriennale. Der
Triennalebeitrag heißt Fürsorge, es handelt sich um eine kleine Ausstellung der Künstlerin Sara Sallam.

Sallam
wurde 1991 in Ägypten geboren. Heute lebt sie in den Niederlanden – und
wundert sich darüber, mit welcher Selbstverständlichkeit Mumien und
Grabbeigaben aus ihrem Heimatland in europäischen Museen ausgestellt
werden. »Was wäre, wenn das in den Vitrinen meine Großmutter wäre?«,
fragt Sallam.

In Fürsorge zeigt sie eine Auswahl an Fotos und Objekten aus Ägypten, die sie in den Sammlungen des
Museums gefunden hat. Dazu läuft ihre Videoarbeit I Prayed For The Resin Not To Melt (2022), in der sie die Entdeckung des Grabes von Tutanchamun aus der Sicht des
Verstorbenen schildert. Was sonst als archäologische Abenteuergeschichte
erzählt wird, klingt hier wie eine Gewalttat.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: In einer Vitrine steht
ein unscheinbares Briefkuvert. Darin, sagt Sallam, befinde sich die
Haarsträhne einer Verstorbenen, die im frühen 19. Jahrhundert aus einem
Grab entnommen wurde. Später gelangte sie aus einer Privatsammlung in
das Museum. In anderen öffentlichen Sammlungen in Hamburg liegen auch Schädel, die teils aus Gräbern entwendet wurden. Es solle rasch geklärt werden, wie man mit solchen
»menschlichen Überresten aus kolonialen Kontexten« umgeht, haben die Kultusminister beschlossen. Das ist nun schon sieben Jahre her.

Das Kleingedruckte: Fürsorge läuft noch bis 10. Januar 2027 im Museum für Kunst und Gewerbe (Steintorplatz,
St. Georg). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr,
donnerstags bis 21 Uhr. Mehr Informationen gibt es hier.

PHOXXI: Analoge Fotografie heute

Das ist zu sehen: Auf dem Platz vor den Deichtorhallen stehen bunte Container, die wie Bauklötze aufeinandergestapelt sind. Das ist das PHOXXI, das temporäre Haus der Photographie, während das Haupthaus planmäßig noch bis 2028 saniert wird. Neulich ging es im PHOXXI um KI-Bilder, Handyfotos und virale Memes, jetzt setzt die Kuratorin Nadine Isabelle Henrich einen anderen Fokus: In den zwei Ausstellungen Rotting From Within von Abdulhamid Kircher und Residual Sky under Contamination von Akosua Viktoria Adu-Sanyah präsentiert sie die analoge Fotografie als lebendiges Handwerk.

Ein Besucher im PHOXXI vor Arbeiten von Akosua Viktoria Adu-Sanyah © Deichtorhallen Hamburg, Foto: Henning Rogge

Abdulhamid Kircher, Jahrgang 1996, ist Sohn deutscher und türkischer Eltern. Akosua Viktoria Adu-Sanyah, geboren 1990, ist eine deutsch-ghanaische Künstlerin. Beide beschäftigen sich fotografisch mit ihrer Familiengeschichte. Während Kircher eine klassische dokumentarische Bildsprache verfolgt, wählt Adu-Sanyah einen ungewöhnlicheren Ansatz: In einer selbst gebauten Dunkelkammer fertig sie aus historischen Negativen Abzüge mit einer Größe von bis zu
2,80 mal 1,32 Metern an. Dabei vermeidet sie technische Perfektion. Durch Doppelbelichtungen, Lichteinfall und Verunreinigungen entstehen Bilder, die teils eher an abstrakte Malerei als an Fotografie erinnern.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Das Poster, das an der Kasse verteilt wird, verzeichnet fast hundert Orte in Deutschland, an denen man heute noch analoges Equipment kaufen und in Dunkelkammern selbst Abzüge anfertigen kann. Einen ähnlichen Überblick habe es bisher nicht gegeben, sagt Kuratorin Henrich, die Liste wurde eigens vom PHOXXI-Team recherchiert. Bleibt zu hoffen, dass die verzeichneten Fotolabore und Fachgeschäfte nicht allzu schnell aussterben.

Das Kleingedruckte: Die Ausstellungen Rotting From Within und Residual Sky under Contamination laufen noch bis zum 1. November im PHOXXI (Deichtorstraße 1–2, Altstadt). Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr, an jedem ersten Donnerstag im Monat von 11 bis 21 Uhr. Mehr Infos hier

Sammlung Falckenberg: Die Lust am Widerspruch

Das ist zu sehen: Die Sammlung Falckenberg aus Hamburg-Harburg hat sich
mit dem französischen Centre Claude Cahun zusammengetan. Unter der Überschrift
Inner Mornings, or Forms of Counterculture sind rund 170 Arbeiten von
mehr als 80 internationalen Künstlerinnen und Künstlern zu sehen. Eines der ersten Fotos, das
man erblickt, hat Endre Tót aufgenommen. Drei Menschen tragen darauf ein
Banner über ein Pariser Boulevard, die Aufschrift lautet: »On est heureux quand
on manifeste
«
– »Wir sind glücklich, wenn wir demonstrieren.« Wofür oder wogegen diese Menschen auf die Straße gehen, erfahren wir nicht.

Olaf Breunings Foto »Double« aus dem Jahr 2002 ist aktuell in der Sammlung Falckenberg zu sehen. © Olaf Breuning, Courtesy von Bartha, Basel/​Copenhagen. Deichtorhallen Hamburg/​Sammlung Falckenberg, Foto: Egbert Haneke

Damit ist der Ton der Ausstellung gesetzt. Inner Mornings
widmet sich der Lust am Widerspruch. Gezeigt werden zum Beispiel bitterböse Fotocollagen von Martha Rosler aus der Zeit des Vietnamkriegs. Oder die großformatige Aufnahme einer Aktion von Santiago Sierra. Im Jahr 1998, also nach dem »Ende der Geschichte«,
als man in den USA und in Europa glaubte, der globale Siegeszug von
Demokratie und Marktwirtschaft sei nicht mehr zu stoppen, blockierte
Sierra mit einem gemieteten Lkw eine wichtige Straße in Mexiko-Stadt.
So wollte er den Welthandel unterbrechen, wenigstens fünf Minuten lang.

Protest ist in Inner Mornings nicht
verbissen. Sondern, um den Titel der Ausstellung zu
paraphrasieren: eine innere Morgenröte, die belebend wirkt, selbst wenn sie
politisch vergeblich bleibt.

Dieses Bild sollten Sie nicht verpassen: Fleeting Glance von
Maik Gräf. Der Künstler zeigt historische Porträts schwuler Männer, die
er am Harburger Bahnhof in Vitrinen zwischen Gleis drei und Gleis vier gehängt hat. Von dort fällt ihr Blick auf die Menschen, die vorbeihasten – und
die manchmal stehen bleiben, um den Blick zu erwidern. Gräf
bezieht sich damit auf das Cruising, also auf die
Suche nach anonymen Sexpartnern. Der Schriftsteller Hubert
Fichte schilderte, wie in den 1960er-Jahren, als Homosexualität in der
Bundesrepublik unter Strafe stand, Männer einander in den Grünstreifen
nahe dem Hamburger Hauptbahnhof suchten und fanden. Weil
dort nachts ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, bezeichnete Fichte
die Gegend als »kleinen Hauptbahnhof«.

Maik Gräf wurde vom Kunstverein Harburger Bahnhof
eingeladen, die Vitrinen zu bespielen. Seine Arbeit ist also nicht Teil
von Inner Mornings, doch da es auch hier um Lust und unangepasstes
Verhalten geht, bietet sie eine gute Einstimmung auf die Ausstellung. Und wer mit
der S-Bahn anreist, braucht nur einen kleinen Umweg zu gehen.

Das Kleingedruckte: Inner Mornings, or Forms
of Counterculture
läuft noch bis 13. September in der Sammlung Falckenberg (Wilstorfer
Straße 71, Harburg). Geöffnet sonntags von 12 bis 17 Uhr sowie im
Rahmen von Führungen. Mehr Informationen gibt es hier. Fleeting Glance von Maik Gräf ist bis 9. August im Harburger Bahnhof (Hannoversche Straße 85, Harburg) zu sehen. Infos hier

Und sonst so: Off-Spaces, Galerien und mehr

Neben den elf Hauptausstellungen gibt es viele unkommerzielle Projekträume, die im Windschatten der Triennale ebenfalls Fotos zeigen. Die Laufzeiten sind oft kürzer als bei den großen Museen, die Öffnungszeiten unregelmäßig, deshalb lohnt sich ein Blick auf die neue Website zum Fotosommer, auf der viele inoffizielle Begleitveranstaltungen der Phototriennale verzeichnet sind.

Auch Kunstgalerien beteiligen sich am Fotosommer: Im Galerienhaus an der Admiralitätsstraße zeigt etwa die Produzentengalerien Fotos von Tobias Zielony (bis 10. Juli), die Galerie Conradi wurde mit orangefarbenen Spinden zu einer Umkleidekabine umdekoriert, in der nun Bilder von Andrzej Steinbach hängen (bis 5. September) und Melike Bilir widmet sich in ihrem neuen Projektraum Q.E.D. der Fotografin Keerthana Kunnath. Sie porträtiert Frauen in Südindien, die Kraftsport betreiben (bis 5. Juli).





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