Sudan: Kindersoldaten als TikTok-Stars


In einem TikTok-Video läuft ein Junge im Alter von rund zwölf Jahren mit einer Kalaschnikow in der Hand durch staubige Straßen und ruft auf Arabisch „Allah ist groß!“. Hinter ihm sieht man zahlreiche Leichen liegen. Es fallen Schüsse.  

Das Video wurde Anfang Dezember veröffentlicht, kurz nachdem die Rebellen der Miliz RSF (Schnelle Eingreiftruppe) die sudanesische Stadt Babanusa eingenommen hatte – offenbar auch mit der Beteiligung von Kindersoldaten. Das investigative Recherchenetzwerk Bellingcat konnte belegen, das einige der Videos direkt in Babanusa aufgenommen wurden. 

Zahlreiche Videos von Kindersoldaten im Sudan gehen dieser Tage in sozialen Netzwerken viral, vor allem auf der Videoplattform TikTok. Die meisten sind von ihnen selbst gefilmt mit Handykameras und werden millionenfach angesehen, so Sebastian Vandermeersch, Reporter bei Bellingcat. Er ist bei seiner Recherche über Kriegsverbrechen im Sudan zufällig über diese Videos gestolpert: „Ich konnte auf TikTok ein ganzes Netzwerk von Accounts finden, die Inhalte über Kindersoldaten teilten“, sagt er: „Kindersoldaten als Influencer sind ein völlig neues Phänomen.“

Sudans Kinder vom Krieg am meisten betroffen 

Der Krieg im Sudan, der vor drei Jahren begann, ist eine der größten humanitären Katastrophen weltweit. Fast 14 Millionen Menschen wurden vertrieben, mehr als vier Millionen suchen in den Nachbarländern Schutz. Rund 34 Millionen Menschen sind auf Hilfslieferungen angewiesen, so die Vereinten Nationen, was 65 Prozent der Bevölkerung entspricht. 

Am schlimmsten betroffen sind die Kinder, betont Kamal Eldin Bashir vom Kinderhilfswerk Save the Children im Sudan: „Sie leiden unter der Vertreibung, der Trennung von ihren Familien, mangelnder Bildung und vor allem mangelnder Gesundheitsversorgung – zusätzlich zu der Unterernährung, die eine sehr große Anzahl von Kindern betrifft“, so Bashir. 

Sudan al-Faschir 2025 | Beschädigter Schreibtisch in einer Schule mit Binnenflüchtlingen
Zerstörung in einer Schul in Al-Faschir: Kinder leiden im Krieg auch unter fehlendem Zugang zu BildungBild: El Tayeb Siddig/REUTERS

Am meisten gefährdet seien die zahllosen unbegleiteten Kinder, die ohne Eltern in den Vertriebenenlagern sind. Laut Angaben des UN-Kinderhilfswerks UNICEF sind rund 42.000 Kinder registriert. Die meisten hätten die auf der Flucht oder während der Bombardierungen ihre Eltern verloren, so Bashir und betont: „Sie laufen Gefahr, für den Krieg rekrutiert zu werden.“

Vor allem die RSF-Miliz unterhält sehr viele Kindersoldaten, so Mohamed Othman, Leiter des UN-Ermittlerteams zum Sudan: „Sie werden in verschiedenen Funktionen eingesetzt, zum Beispiel an Straßensperren, aber auch zur Spionage“, berichtet Othman. Dabei gelte der Einsatz von Kindern unter 15 Jahren laut dem Rom-Statut, auf welchem die Gerichtsbarkeit des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag aufbaut, als Kriegsverbrechen, betont Othman. 

„Löwenjunge“ mit schweren Traumata 

Als „Löwenjungen“ oder „Löwenbabys“ werden diese Kinder online bezeichnet. Der Begriff wurde bereits in den vergangenen Kriegen in Sudan, aber auch in den umliegenden Ländern verwendet. Im Südsudan und in Uganda wurden in der Vergangenheit abertausende Kinder an den Fronten eingesetzt. 

Diese Kindersoldaten sind am Ende schwer traumatisiert und ihr Leben lang gezeichnet, warnt Bashir von Save the Children. „Statistiken zufolge leiden bis zu 50 Prozent der Kinder in Sudan an posttraumatischer Belastungsstörung“, so Bashir und betont: „Das sind wirklich alarmierende Zahlen.“ Bei denjenigen Kindern, die zur aktiven Teilnahme am Krieg rekrutiert werden, sind die Zahlen noch höher. 

Ein Kind füllt an einer Wasserstelle mit einem Schlauch Kanister
Unbegleitete Kinder laufen besonders Gefahr, von Kriegsparteien rekrutiert zu werdenBild: Muhammed Emin Canik/Anadolu/picture alliance

Traumata zeigen sich über vielfältige Symptome, unter anderem Albträume und nachlassende Schulleistungen. „Doch um all diese Kinder zu behandeln, fehlen uns schlichtweg die spezialisierten Gesundheitseinrichtungen, die sich mit diesem Problem auskennen“, so Bashir. Die Auswirkungen werden langfristig sein. 

Schwere Folgen für die Zukunft 

Wenn diese Kinder nicht behandelt werden, hat dies letztlich sehr negative Folgen für die ganze Gesellschaft, betont Victor Ochen. Der Ugander ist Direktor der Organisation AYNET, die sich auf die Behandlung von ehemaligen Kindersoldaten spezialisiert hat. Sie ist eine der wenigen Einrichtungen dieser Art auf dem Kontinent. Jüngst schulte Ochen Psychologen aus dem Sudan. Dass nun Kindersoldaten zu regelrechten Kriegshelden stilisiert werden, findet Ochen alarmierend. „Sie können als Propagandainstrumente der Kriegsparteien missbraucht werden“, sagt er. 

Ochen wuchs in Uganda während des Bürgerkriegs auf, sein Bruder wurde von den ugandischen Rebellen der Lord Resistance Army (LRA) zwangsrekrutiert. Er weiß aus eigener Erfahrung: Meist prägen diese Kriegserfahrungen die zukünftigen Generationen. In einer regionalen Studie im Auftrag der Afrikanischen Union arbeitete AYNET heraus, dass die ganze Region – darunter auch Sudan – in regelmäßigen Zyklen brutale Bürgerkriege erfahre. Der Grund, so Ochen: „Viele erleben als Kinder Krieg, sehen, wie ihre Eltern getötet werden. Und sobald sie zehn bis 15 Jahre älter und erwachsen sind, sind sie bereit, zurückzuschlagen.“ Damit setze sich das Trauma über Generationen hinweg fort.

Investigativjournalist Vandermeersch konfrontierte TikTok mit den Videos. Doch die Plattform reagierte nur sehr verhalten. „Nach 48 Stunden waren die Accounts immer noch verfügbar“, sagt er. Erst nach Veröffentlichung seines Artikels wurden alle gemeldeten Accounts abgeschaltet. Doch, so der Journalist, habe er kurz darauf bereits neue Accounts melden müssen.



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