„Stadt Land Buch“ 2026 in Frankfurt: Wie man Kinder für das Lesen begeistert
Herr Hennig von Lange, Sie veranstalten zum zweiten Mal mit dem Literaturhaus Frankfurt das Festival „Stadt Land Buch“ für junges Publikum. Warum sollten Kinder und Jugendliche heute noch Bücher lesen?
Idealerweise lesen Kinder und Jugendliche Bücher, weil sie Spaß daran haben. Abzutauchen, mit ihren Gedanken und Gefühlen in einem geschützten Raum zu sein, Herausforderungen und Abenteuer zu erleben. Weil sie sich in den Charakteren, in der Sprache wiederfinden und Freude empfinden, wenn ihre Phantasie angeregt wird, sie mit den Figuren mitlachen oder -leiden können. Weil sie Lust haben, nebenbei und ohne Druck jede Menge über sich selbst, die Welt und das Miteinander zu lernen.
Wie bekommt man Kinder zum Buch?
Man geht mit ihnen zu „Stadt Land Buch“, natürlich. Doch der Zugang beginnt oft viel früher, im Alltag zu Hause. Kinder ahmen uns nach. Indem ein selbstverständlicher Umgang mit Büchern von Anfang an im Leben von Kindern stattfindet. Und ganz besonders wertvoll ist das gemeinsame Lesen, schon mit Kleinkindern zum Beispiel als Ritual vor dem Zubettgehen. Das ist für alle ein schöner Moment, man kuschelt sich aneinander, kommt zur Ruhe, ist geborgen, schaut gemeinsam die Bilder an und spricht darüber. Dieser Austausch ist ja auch Idee unserer Lesungen, etwa mit Künstler Nikolaus Heidelbach im Literaturhaus, mit dem Kindercomiczeichner Mawil in Rödelheim oder der Illustratorin und Autorin Isabel Pin in Wiesbaden.
Was, wenn die Eltern oder nahe Bezugspersonen das Lesen von Büchern nicht vorleben?

Unser Festival kann dabei eine wichtige Rolle spielen, weil es gezielt auch Kitagruppen und Schulklassen anspricht. Ich bin immer wieder begeistert, was Pädagoginnen und Pädagogen bei der frühkindlichen Leseförderung leisten können. In der Grundschule, wenn während der Frühstückspause zum Beispiel vorgelesen wird und die Kinder motiviert werden, in die Bibliothek der Schule oder des Stadtteils zu gehen und sich ganz unabhängig und kostenlos Bücher anzuschauen und auszuleihen. Mit dem Jungen Literaturhaus und vor allem mit unserem Festival schaffen wir Aufmerksamkeit für aktuelle Kinder- und Jugendbücher aller Altersstufen. Unter dem Titel „Ein paar Seiten weiter“ veranstalten wir im Rahmen von „Stadt Land Buch“ auch eine Vernetzungstagung, bei der wir Literaturvermittlerinnen und -vermittler mit den Verlagen, mit Schreibenden und Lehrenden zusammenbringen und uns darüber austauschen, welche Ansätze es gibt und was wir gemeinsam entwickeln und voneinander lernen können.
Welche Unterstützung wünschen Sie sich?
Was wir am Literaturhaus brauchen, sind Förderungen, die uns erlauben, Menschen anzustellen, die niedrigschwellige Angebote für junge Menschen und Familien entwickeln und kontinuierlich durchführen. Was ich mir wünsche, ist, dass alle ihre Kinder schnappen und zu „Stadt Land Buch“ kommen, damit sie ein Teil dieses Festivals werden und mit uns das Lesen feiern.
Sie machen seit 2017 Shared Reading, auch in Frankfurter Schulen: Kleine Gruppen lesen einander vor und sprechen über ihre Lektüre. Haben diese Erfahrungen Ihr Konzept des Festivals beeinflusst?
Die Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern ist ganz wunderbar. Eigentlich kann man Shared Reading nicht mit einer normalen Lesung vergleichen, aber es hat mir für unser Konzept insofern geholfen, als ich darin bestätigt wurde, Räume für junge Menschen zu öffnen, in denen sie sich beteiligen können. Literatur ist ein hervorragender Katalysator für Empathie und Austausch, und die meisten lassen sich gerne darauf ein, wenn die Ansprache stimmt. Geholfen haben uns bei der Konzeption des Festivals vor allem unsere Erfahrungen mit Lesungen und Workshops und der Überblick über den Kinder- und Jugendbuchmarkt.
Was haben Sie aus der ersten Ausgabe von „Stadt Land Buch“ 2025 gelernt und verändert?
Wir haben vor allem gelernt, wie es ist, aus dem Stand ein Festival mit mehr als 100 Veranstaltungen zu planen und zu organisieren. Das Vertrauen anderer Häuser und Institutionen, der Schulen und der Menschen in Stadt und Land war beeindruckend. Was wir verändert haben, ist, dass noch mehr Lesungen in Schulen stattfinden. Meine Kollegin Dana Haufschild hat hier viel erreicht. Das macht die Wege für die Klassen kurz und ermöglicht es noch mehr Schulen, dabei zu sein. Außerdem wagen wir dieses Jahr den Schritt auf die ganz große Bühne: Wir freuen uns auf Cornelia Funke und Jagoda Marinić im Schauspiel Frankfurt. Unter dem Titel „Tintenplanet – Vom Denken, Lernen und Träumen“ sprechen die beiden über Cornelia Funkes Schreiben.

Sie haben diesmal sehr populäre Titel wie „Die Schule der magischen Tiere“ im Programm, die Bestsellerautorin Cornelia Funke kommt ins Große Haus des Schauspiels Frankfurt. Vieles ist aber auch in Form und Inhalt eher ungewöhnlich, mit Sachbüchern, Comics. Wie passt das zusammen?
Die Kinder- und Jugendliteratur ist unglaublich vielfältig. Genauso wie die Wünsche der Kinder selbst. Es gibt so viele großartige Autorinnen und Autoren, aber eben auch phantastische Zeichnerinnen und Zeichner, die wunderbare Werke geschaffen haben und gute Lesungen anbieten. Uns ist es wichtig, genau diese Bandbreite mit unserem Festival abzubilden. Ich würde mich freuen, wenn das Publikum sieht, wen wir alles im Programm haben, und sich davon inspirieren lässt, auch Lesungen von Gästen zu besuchen, die sie vielleicht bisher noch nicht kennen.
Wenn man das Programm ansieht, sind viele Angebote für alle. Aber es gibt an drei Dutzend Orten Lesungen nur für Schulklassen und noch einmal genauso viele Schulbesuche von Autoren. Was ist die Strategie des Festivals?
Es ist unser Anliegen, möglichst viele Kinder und Jugendliche zu erreichen. Dank unserer Förderer, dem Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main, der Aventis Foundation, der Deutsche Bank Stiftung und der DZ Bank Stiftung, gelingt uns dies. Dafür haben wir ein buntes Programm an den Nachmittagen zusammengestellt. Da kommen erfolgreiche Reihen wie „Hilda Hasenherz“ von Tobias Goldfarb oder „Grimm und Möhrchen“ von Stephanie Schneider, der großartige Zeichner Torben Kuhlmann und das lokale Duo Moni Port & Claudia Weikert in die Deutsche Nationalbibliothek oder zu uns ins Literaturhaus. Aber auch bei unseren anderen Partnern, wie der Stadtbücherei Frankfurt, dem Struwwelpetermuseum, dem Jüdischen Museum und vielen weiteren Institutionen in der Region gibt es tolle Lesungen. Nach Möglichkeit fahren wir auch noch zu den Schülerinnen und Schülern, um die Literaturvermittlung zu vertiefen: mit dem Podcastmobil vom „Bücheralarm“.

Schulen sind oft überlastet und haben gar keine Kapazitäten, Einrichtungen wie das Literaturhaus einzuladen oder aufzusuchen. Wie gelingt es, sie zu gewinnen?
Sie zu gewinnen, war tatsächlich gar nicht schwer. Zum einen durch die Möglichkeit, kostenlos eine Lesung direkt in der Schule zu veranstalten. Zum anderen dadurch, dass wir das Festival in diese Zeit gelegt haben, wo die Arbeiten geschrieben sind und der Druck vor den Zeugnissen vorbei ist. Außerdem können sich die Schulen darauf verlassen, dass wir durch unsere Erfahrung wirklich spannende Autorinnen und Autoren auswählen. Sie müssen eigentlich nur zugreifen, und um das Organisatorische kümmern wir uns.
Und was sind die Reaktionen? Hat es Auswirkungen gegeben?
Das Feedback nach der ersten Ausgabe von „Stadt Land Buch“ war überwältigend. Die Partner, die Schulen und die Gäste haben uns so viel begeistertes Feedback geschickt und wollten wieder dabei sein. Trotzdem schauen wir natürlich, was wir noch besser machen können und müssen. Aber was wir sagen können, ist, dass dieses Festival hier in der Stadt und der Region gefehlt hat.
In diesem Sinn: Worauf freuen Sie sich in der Festivalwoche am meisten?
Wir freuen uns auf die Kinder und Eltern, die zum Festival gehen und merken, dass sie gerne wiederkommen möchten. Die begeistert zuhören und mitmachen. Die all diese Räume, die wir sechs Tage lang öffnen, mit Leben füllen. Ich persönlich freue mich darauf, unsere Gäste in der Interaktion zu erleben. Und auf den Austausch mit allen, mit denen ich in den nächsten Tagen über die Bedeutung des Lesens, tolle Bücher und gelungene Lesungen sprechen kann. Das erste Highlight ist natürlich die Eröffnung am 14. Juni, bei der es in allen Räumen des Literaturhauses Lesungen und ein vielfältiges Mitmachangebot gibt.
