Skulptur einer Sexpuppe als Symbol der Kunstfreiheit
Der Abguss aus grüner Bronze bildet den Torso einer japanischen Sexpuppe nach und bietet sich Betrachtern in anzüglicher Pose dar. Die Skulptur von Alexandra Bircken mit dem Titel „Eva“ konfrontiert die Besucher mit Fragen zu Körper, Geschlecht, Sexualität und der Objektifizierung von Frauen.
Die Tatsache, dass ein intimes Thema im formellen Rahmen eines Staatspalastes, in diesem Fall dem Amtssitz des deutschen Bundespräsidenten, ausgestellt wird, erzeugt Spannung und wirft Fragen zur Darstellung und Kontrolle von Körpern in der Gesellschaft auf. „Eva“ hat bereits medial Aufsehen erregt, ist aber nur eines von vielen zeitgenössischen Kunstwerken, die vom 13. bis 28. Juni im Schloss Bellevue zu sehen sind.
„Wir brauchen Kunst,“ sagte Bundespräsident und Schirmherr Frank-Walter Steinmeier bei einer Pressebegehung der Schau. „Eine Demokratie ohne freie Kunst verliert die Fähigkeit zur Selbstkritik. Und eine Kunst ohne Freiheit verliert ihre gesellschaftliche Relevanz.“ Die Kunstfreiheit ist im deutschen Grundgesetz verankert.
Ausstellung zu Steinmeiers Abschied aus Bellevue
Die Ausstellung sei ihm wichtig, weil die Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft inmitten der aktuellen schwierigen Debatten etwas in den Hintergrund zu geraten scheine, sagte Steinmeier. „Das schmerzt die Kulturschaffenden, aber das schmerzt auch jemanden wie mich, den Literatur, Theater, Film und vor allem Jazz sein Leben lang begleiten.“
Die von der Akademie der Künste organisierte Pop-Up-Ausstellung markiert auch Steinmeiers Abschied vom Schloss Bellevue. Das Berliner Gebäude wurde im Vorfeld seiner bevorstehenden Schließung weitgehend geräumt. Es soll nun acht Jahre lang renoviert werden. Da Steinmeiers zweite und letzte Amtszeit im kommenden Jahr endet, wird er nicht mehr in die Residenz zurückkehren und für den Rest der Zeit in einem Ausweichquartier in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs residieren.
Kunst als Denkanstoß
Jetzt residiert also kurzzeitig zeitgenössische Kunst im Bellevue. Christian Awes großformatige Installation mit dem Wort „Freiraum“ auf dem Dach des Palastes weist als übergreifendes Statement zur künstlerischen Freiheit den Weg zur Ausstellung. Drinnen sind Video- und Audioinstallationen, Fotografien sowie traditionelle Ölgemälde zu sehen. Sie sollen zum Nachdenken über Demokratie, Repräsentation, Macht und das öffentliche Leben anregen.
Im Foyer hört man ein sich ständig wiederholendes „Hallo“. Es stammt aus einer Performance des Künstlers Jochen Gerz aus dem Jahr 1972 mit dem Titel „Rufen bis zur Erschöpfung“. In dieser Performance rief der Künstler wiederholt sein „Hallo“ ins Leere, bis seine Stimme versagte. Das Werk lässt sich als Kommentar zu den Grenzen des sich Gehörverschaffens interpretieren, insbesondere in einer Zeit, in der soziale Medien das ständige Streben nach Aufmerksamkeit fördern. In einem demokratischen Kontext wächst die Frustration, wenn die Rufe der Bürger ungehört bleiben, und dies kann zu einem Gefühl gesellschaftlicher Erschöpfung führen.
Ein Gemälde des Streetart-Künstlers El Bocho am Eingang mit dem Titel „Die Bundespräsidentin“ zeigt eine junge Frau als repräsentatives Staatsoberhaupt Deutschlands.
„SOS“ aus dem Amtssitz des Bundespräsidenten
Steinmeier selbst ist auch permanent anwesend – als Miniatur. Die Künstlerin Karin Sander hat mit dem 3-D-Drucker eine Skulptur des Präsidenten im Maßstab 1:5 geschaffen. 36 Zentimeter hoch, steht sie auf einem Sockel im Langhanssaal, dort, wo sonst zum Beispiel die Neujahrsempfänge stattfinden.
Nachts wird eine Lichtinstallation des Künstlers Bjørn Melhus für die Dauer der Ausstellung jede Nacht drei Stunden lang durch die Fenster des Obergeschosses mit Lichtsignalen den international bekannten Morse-Hilferuf SOS senden. „Das kann man natürlich so interpretieren, wie man möchte“, sagte der Vizepräsident der Akademie der Künste, Anh-Linh Ngo.
Die Ausstellung umfasst zudem Werke bekannter Künstlerinnen und Künstler wie Katharina Grosse, Wolfgang Tillmans und Monica Bonvicini.
Schloss Bellevue ist seit 1994 erster Amtssitz des Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland. Das 1786 im Berliner Tiergarten errichtete klassizistische Gebäude gehört zu den ältesten erhaltenen Schlossbauten der Stadt. Normalerweise ist es für die Öffentlichkeit nicht frei zugänglich, weshalb die Ausstellung auch als seltene Gelegenheit gilt, einen Blick ins Innere zu werfen.
Derzeit sind alle 35.000 Gratistickets vergriffen, schon kurz nach der Freischaltung im Mai war das Interesse so groß, dass der Server kurzzeitig unter dem Ansturm zusammenbrach. Es können aber aufgrund von Stornierungen noch kurzfristig Kontingente frei werden, schreibt die Akademie der Künste auf ihrer Website.
