Singapur: Sauberkeit als „Sanfter Autoritarismus“?
Dass sie untätig sei, braucht sich die Nationale Umweltbehörde Singapurs für das Jahr 2025 nicht vorwerfen lassen. Über 13.600 Male sei sie im Jahr 2025 gegen Umweltsünder vorgegangen, gibt die National Environment Agency (NEA) in einem Bericht bekannt. An einigen Brennpunkten habe sie rund 300 Schwerpunktkontrollen durchgeführt – mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 2024. Zudem habe sie über 700 Anordnungen zu gemeinnütziger Arbeit verhängt. Rund 350 Male sei sie gegen Personen vorgegangen, die Abfall aus Hochhäusern geworfen hätten.
Singapur gilt als eine der saubersten Städte weltweit. Doch der Kampf gegen den Schmutz ist auch dort nicht zu Ende. Das zeigte sich auch im Jahr 2024. Dieses hatte die Regierung zum „Jahr der öffentlichen Hygiene“ ausgerufen. Im Mittelpunkt standen öffentliche Toiletten, die bei Umfragen regelmäßig schlecht abschnitten. Eine eigens eingesetzte Kommission legte zehn Empfehlungen vor – von besserem Design über professionelle Reinigung bis hin zu Kontrollen und Bürgerbeteiligung. Für Renovierungen und Grundreinigungen stellte die Regierung Fördermittel in Höhe von bis zu zehn Millionen Singapur-Dollar (knapp sieben Millionen Euro) bereit.
„Keep Singapore Clean“
Wer verstehen will, warum Sauberkeit in Singapur einen derart hohen Stellenwert besitzt, muss allerdings den Blick noch weiter öffnen. Für den Politikwissenschaftler Marco Bünte von der Universität Erlangen-Nürnberg gehört sie zu den auffälligsten Merkmalen des Stadtstaates. Im Vergleich zu anderen Städten Südostasiens funktionierten dort auch Verwaltung, öffentlicher Nahverkehr, Gesundheits- und Bildungssystem bemerkenswert effizient. Der Staat sei „außerordentlich effektiv darin, öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten“, so Bünte im DW-Interview.
Diese Entwicklung sei eng mit der Geschichte des Landes verbunden. Nach der Unabhängigkeit 1965 habe die politische Führung unter Lee Kuan Yew eine klare Vorstellung davon entwickelt, wie das neue Singapur aussehen sollte: sauber, effizient und leistungsfähig. Die 1968 gestartete Kampagne „Keep Singapore Clean“ war Ausdruck dieses Anspruchs. Sie zielte nicht nur darauf, Müll zu beseitigen, sondern sollte zugleich das Verhalten der Bevölkerung verändern.
Müll und Modernisierung
Andreas Klein, Leiter des Singapur-Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, hält es allerdings für verkürzt, die Entwicklung ausschließlich als Ergebnis staatlicher Steuerung zu betrachten. Die Regierung habe zwar einen klaren Rahmen gesetzt. Viele Bürger betrachteten die entsprechenden Verhaltensweisen inzwischen jedoch als selbstverständlich, so Bünte im Gespräch mit der DW.
Die historische Dokumentation des National Library Board beschreibt „Keep Singapore Clean“ als Teil eines umfassenden Modernisierungsprojekts. Parallel zur Müllbekämpfung wurden Kanalisationen ausgebaut, Gesundheitsgesetze verschärft und Krankheiten bekämpft. Sauberkeit galt dabei als Voraussetzung für Gesundheit, wirtschaftliche Entwicklung und nationalen Stolz.
Von Anfang an setzte die Regierung auf die Einbindung von Schulen, Unternehmen, Medien und Bürgerorganisationen. Neben Aufklärung und sozialem Druck kamen auch Strafen zum Einsatz. Das bekannteste Beispiel ist bis heute das Kaugummiverbot.
Erziehung und Strafen
Wie tief die Eingriffe in den Alltag reichten, zeigt das Beispiel der so genannten Hawker Centres. Die heute allgegenwärtigen Essenshallen gingen aus weitgehend unregulierten Straßenständen hervor. Durch Umsiedlung, Hygienevorschriften und regelmäßige Kontrollen verbesserten sich die hygienischen Bedingungen grundlegend. „Das verbesserte nicht nur die Sauberkeit, sondern auch die gesundheitliche Situation der Bevölkerung erheblich“, sagt Klein.
Bünte sieht darin einen charakteristischen Zug des politischen Systems. „Dabei ging es nicht nur um die Reinigung des öffentlichen Raums, sondern auch um die Erziehung der Bevölkerung zu einem bestimmten Verhalten“, sagt er. Verstöße seien durch empfindliche Strafen sanktioniert worden. Gleichzeitig verweist er darauf, dass dieselbe Logik auch in anderen Bereichen angewandt worden sei, etwa bei der Korruptionsbekämpfung. Das Modell habe sich als erfolgreich erwiesen, sei aber nicht frei von problematischen Seiten. „Ich spreche in diesem Zusammenhang häufig von einem „sanften Autoritarismus“, sagt Bünte.
„Sanfter Autoritarismus“
Der Begriff findet sich auch in der wissenschaftlichen Literatur. In ihrer Analyse „Governing as Gardening“ beschreiben die Politikwissenschaftler Kamaludeen Mohamed Nasir und Bryan Turner Singapur als klassischen Fall eines „soft authoritarianism“. Die Legitimität dieses Systems beruhe weniger auf politischem Wettbewerb als auf wirtschaftlichem Erfolg, Sicherheit und Stabilität.
Eine Studie der Nanyang Technological University (NTU) kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Der Staat habe über Jahrzehnte hinweg versucht, gewünschte Verhaltensweisen durch Plakate, Comics und Kampagnen zu vermitteln. Humor erleichtere die Vermittlung gesellschaftlicher Normen und könne zugleich „die Macht des Staates verbergen“, indem er Zustimmung erzeuge.
Bürger schätzen saubere Stadt
Auch Klein warnt davor, die Sauberkeit allein als Folge staatlicher Kontrolle zu verstehen. Die oft zitierte Bezeichnung Singapurs als „Fine City“ greife zu kurz. Viele Menschen schätzten die Vorteile einer sauberen Stadt unmittelbar, zumal Hygiene in den Tropen auch eine Frage der Gesundheit sei.
Dass der Staat weiterhin eingreift, zeigt die Gegenwart. Die jüngsten Programme zur Verbesserung öffentlicher Toiletten kombinieren staatliche Fördergelder, Schulungen, Qualitätsstandards, Bürgerbeteiligung und Kontrollen. Gleichzeitig wurden allein 2024 rund 1.300 Maßnahmen gegen Betreiber verhängt, die Hygienevorschriften nicht einhielten. Auch die NEA setzt weiterhin auf Überwachung, Bußgelder und gemeinnützige Arbeit für Wiederholungstäter.
So ist die Sauberkeit Singapurs weder Ergebnis staatlicher Repression noch allein Ausdruck bürgerschaftlicher Tugend. Entstanden ist sie aus dem Zusammenspiel von Infrastruktur, gesellschaftlichen Normen und staatlicher Durchsetzungskraft. Oder, wie Andreas Klein es formuliert: „Ich würde die Sauberkeit Singapurs als Ergebnis eines Zusammenspiels verschiedener Faktoren betrachten: staatliche Regulierung, Bildung, gesellschaftliche Normen, Gesundheitsvorsorge und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Gemeinwesen.“
